2022: A Covid Story – Ein persönlicher Erfahrungsbericht

Ich weiß eigentlich nicht, warum ich gerade jetzt den Einfall hatte, hier wieder einmal etwas zu schreiben. In den letzten Wochen hatte ich die Idee dieses Blogs und sein Fortbestehen schon verworfen, da ich absolut keinen Sinn mehr darin sah. Ich wollte vor einer Weile ja eigentlich recht kluge Überlegungen und philosophische Gedanken darstellten und einen „Ausweg aus der Krise“ vorzeichnen. Dann wurde ich krank.

Anfang April wurden viele Personen in meinem nahem Umfeld positiv auf Corona getestet. Mit dem ursprünglich Infizierten, einem Schuljungen aus der Familie, hatte auch ich wenige Tage davor Kontakt gehabt. Meine Freundin und ihr Sohn noch näheren Kontakt als ich. Ich machte mir zuerst keine großen Sorgen, da ich ja 3-fach geimpft war, die letzte Impfung lag da erst 1.5 Monate zurück, ich sollte also nichts zu befürchten haben, zumal ja immer die Rede davon war, wie harmlos diese nun vorherrschende Omikron-Variante doch wäre. Anstatt mich von meinem direkten Umfeld abzusondern, um einer möglichen Infektion vielleicht nochmal aus dem Weg zu gehen, nahm ich es (überraschend) locker und meinte, man könne nun eh nichts mehr machen, wenn es denn so ist (da ich auch zu meiner Freundin die Tage davpr engen Kontakt hatte, war es vermutlich wirklich schon zu spät und Absondern von ihr hätte keinen Sinn mehr gehabt).

Wie auch immer, ich sagte Anfang April aus dieser Situation heraus einen ohnehin bereits unsicheren beruflichen Trip endgültig ab und ließ auf mich zukommen, was kommen sollte. Am Freitag hatte ich erste Symptome, leichte Erschöpfung, ein Kratzen im Hals, etwas Husten. Die Schnelltests waren weiter negativ, aber das musste nichts heißen, auch bei später positiv Getesteten im Umfeld war es so gewesen. Es war unklar, was nun galt, da aber auch meine Freundin und ihr Sohn ähnliche Symptome hatten, zur selben Zeit, war es sehr, sehr wahrscheinlich, dass auch wir Corona-infiziert waren.

Ich nahm eine Boxagrippal-Tablette und fühlte mich danach um einiges besser und hatte das Gefühl, das Ganze würde eher spurenlos an mir vorbeiziehen. Die Arbeit für den geplanten beruflichen Trip (Besuch eines Filmfestivals) machte ich von zuhause aus, sofern möglich, da ich mich halbwegs fit fühlte und da man ja immer wieder von Politikern und andeen Personen der Öffentlichkeit hörte „milde Symptome, arbeitet von zuhause aus“ dachte ich mir, kann nicht schaden, und tat es ebenso.

Auch am Samstag waren die Symptome eher mild. Ich hatte wenig Lust auf Arbeit, was v.A. auch viele psychologische (Hinter)Gründe hatte, zwang mich schließlich aber dazu, damit zu beginnen: Fehler Nummer 1. Ich bin sich recht sicher, wenn ich mich dieses WE Anfang April geschont hätte, wäre es mir danach schneller wieder gut gegangen. Das Dilemma hatte aber auch damit zu tun, dass es hier in Deutschland, wo ich mich zu dem Zeitpunkt aufhielt, unmöglich ist/war, sichere Auskunft zu bekommen, ob man nun infiziert war. Meine Schnelltests waren weiter negativ, PCR-Tests waren aber auch bei Symptomen nur bei Selbstzahlung (bis zu 100 €!) möglich. Niemand konnte einem sagen, wo man hingehen sollte oder konnte, wer helfen könnte. Es interessierte niemanden. Pandemie ja vorbei, schon vergessen? Und ohne positiven Schnelltest: Kein PCR-Test. Eine unfassbare Katastrophe.

Aus dieser Ungewissheit heraus übertrieb ich es noch mehr: Ich dachte mir, OK, ich gehe mal davon aus, dass ich infiziert bin. Kann aber auch sein, dass nicht, weil Schnelltests ja negativ. Anyway, ich habe kaum Symtome, und wenn Politiker und andere trotz Infektion arbeiten können, kann ich das auch. Also: Keine Schonung, voller Einsatz. Bis SO Abend ging das gut. Ich merkte, dass mir alles zu viel wurde, dachte aber nicht daran, etwas zu ändern. Fehler Nummer 2. Immerhin ist es doch nur Omikron, oder?


Am folgenden Montag bekam ich die Rechnung für meine Gutgläubigkeit, meine Ungeduld, die Ungewissheit präsentiert: Atemnot, von der Früh weg, Erschöpfung, Benommenheit. Angst, riesige Angst, zum einen aufgrund der Zustände, zum anderen löste diese Situation in mir Dinge aus der Vergangenheit aus, die hochkamen und diese Angst weiter verstärkten. Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte. Ich war mir nun sicher, dass es Corona war. Ich hatte Angst zu sterben. Zu ersticken. Ich konnte mich kaum bewegen. Meine Freundin, der es da etwas besser ging, sah das und wollte mich ins KH bringen. Ich wehrte mich, aus Trotz: „Es ist gewünscht, dass es mir so geht, wenn mir was zustößt, mir egal.“ Ihr war das natürlich nicht egal.
Es wurde im Lauf des Tages nicht besser, am Nachmittag willigte ich ein, zumindest zum Arzt zu fahren. Doch unmöglich, hier als „Ausländer“ (Österreicher in D!), als EU-Bürger mit europäischer Versicherungskarte, die einem medizinische Behandlung EU-weit sicherstellen sollte, einen Termin irgendwo zu bekommen. „Am Abend kommt vl. jemand vorbei, wenn sie schwere Symptome haben.“ Aha.

Schließlich fanden wir eine Praxis, die mich anschauen wollte. Das Gefühl am Weg dorthin werde ich nicht vergessen: Völlig benommen, schwach, hilflos, ohnmächtig, erschöpft, teils mit Atemnot…ich schaute aus dem Fenster des Autos und wusste nicht, ob ich das überleben würde. Körperliche Beschwerden paarten sich mit Angst und Erinnerungen, die zu einem schrecklichen Zustand verschmolzen. Ich kann mich nicht erinnern, wann es mir in den letzten 10, 20 Jahren jemals so schlecht gegangen war. Mir fällt auf, dass es mir schwer fällt, all das zu schildern, zu beschreiben, diese Gefühl noch einmal zu durchleben. Aber es ist nötig, um dieses Trauma hinter mir zu lassen.

Beim Arzt fühlte ich mich erstmal etwas besser, was darauf hindeutet, dass Angst auch eine bedeutende Rolle spielte. Die Lungenfunktion bzw. die Werte schienen normal, allerdings meinte die Ärztin, dass dieses Gefühl der Atemnot relativ üblich bei Corona-Infektionen sei und das, was ich beschreibe, sehr darauf hindeutet, dass es eine ist. Dass die Schnelltests gerade bei 3-fach Geimpften auch bei Infektion negativ sind, sei übrigens nicht ungewöhnlich, meinte sie. PCR-Test machte sie trotzdem keinen, sie ließ auch keinen anordnen. Mein bzw. unsere Infektionen würden nie in offiziellen Statistiken aufscheinen. Schaut auch besser aus, nicht? Ich bekam einen Spray zum Inhalieren für die Lunge verschrieben und hatte nun ziemlich sichere Gewissheit, dass ich mit Corona infiziert war.

Die folgenden Tage waren ein Auf und Ab: Mit dem Spray wurde die Atemnot etwas besser, wenn ich ruhig zuhause saß und mich nicht bewegte, ging es ganz OK. Aber bei etwas Bewegung, nur einigen Schritten gehen kam sofort die Erschöpfung. Ich arbeitete trotzdem nebenbei weiter, nicht so viel wie am WE davor, aber sicher auch ein Fehler. Ich hätte mich schonen sollen, müssen.

Zudem begann ich extrem früh wieder mit Bewegung und Sport: Nach 4, 5 Tagen ging ich das erste Mal spazieren. Ich musste nach 20, 30 Schritten jedes Mal Pause machen, stehen bleiben, warten, atmen.


Einige Tage später versuchte ich, „normaler“ zu gehen, schneller zu gehen. Schrittweise wurde es besser. Ich versuchte auch, ein bisschen zu joggen, sehr früh im Nachhinhein betrachtet, aber dabei habe ich mich nicht überlastet. Step by step konnte ich meinen Bewegungsradius wieder ausdehnen, die nötigen Pausen während des Gehens (das immer ca. 15, 20 min. dauerte) wurden kürzer, weniger, nicht mehr nötig, normales Gehen bis hin zu schnellem Gehen war wieder möglich. Dazwischen ein paar Schritte joggen auch. Ich denke nicht, dass diese überschnelle Rückkehr zu körperlicher Betätigung bzw. Sport nötig war. Ich wollte mir aber ständig beweisen, dass es mir besser geht, dass ich wieder gesund würde, dass mir diese Einschränkung „nicht bleiben würde“. Es war eine immense, riesige Angst, die immer noch da ist: Die Angst davor, gesundheitlich, körperlich geschädigt zu sein – und zu bleiben. Durch die Bewegung wollte ich das kompensieren, mir zeigen, „ich bin wieder da“, „ich bin wieder gesund“, „es ist weg“.

Ich glaube nicht, dass diese frühen „Gehversuche“ mir geschadet haben, da sie zwar immer ganz hart an der Belastungsobergrenze waren, ich aber sehr darauf achtete, mich nicht zu überlasten. Etwas mehr Geduld dabei hätte wohl trotzdem nicht geschadet.


Nach ca. 1 Monat versuchte ich es wieder mit dem Radfahren, meiner Passion, also koordinierter, dauerhafter und stärkerer körperlicher Belastung. Erst nur eine kurze Strecke, langsam, vorsichtig, auf der Ebene, ohne Überlastung. Es ging. Ich übte weiter und steigerte langsam das Tempo, auch das ging gut.

Dann aber kam der Rückschlag: Aus dem Gefühl heraus, dass es immer besser wurde (was ja so war!) übertrieb ich es. Ich wollte wieder Radfahren, wie vor der Infektion, bergauf, bei voller Belastung. Wenn man von gewissen Menschen aus dem Umfeld das Signal bekommt, das wäre alles ohnehin nur „psychisch“ und halb so schlimm, verlässt man sich gern auf das, was wie die bessere Alternative klingt, nämlich dass das alles nun eh vorbei sei und man wieder gesund. Während des Fahrens ging es halbwegs, wobei ich auch da teilweise schon Überlastung spürte, sie aber ignorierte: Ist ja nur psychisch! Zuhause kam der Zusammenbruch: Völlige Erschöpfung. Dazu wieder diese Angst, dass das nun so bleiben würde, für immer. Ich hatte mir nicht beweisen können, dass es immer bergauf geht, als Perfektionist und Kontrollfreak kann ich nicht mit Rückschlägen umgehen und damit, wenn etwas nicht läuft, wie geplant. Zur Angst kam Niedergeschlagenheit und Depression, ich brauchte 1,5 Tage, um mich zu erholen. Das war vor 3 oder 4 Wochen (ich weiß es nicht mehr genau) gewesen. Danach musste ich wieder von Neuem beginnen: Die alte, kürzere Distanz, erst langsam, langsam schneller. Nach 4, 5 Tagen ging es wieder halbwegs. Ich hatte mich erholt, hatte gesehen, dass es mir „nicht bleibt“ und dass diese Rückschläge wohl dazu gehören. Aber mir nicht mehr passieren würden.

Es passierte wieder, vor 2 Wochen: Ich hatte es nicht übertrieben, aber war zuhause so frustriert, dass es nicht schneller geht, dass ich nicht schon längst wieder fit bin, dass ich in tiefste Depression und Angstzustände verfiel. Ich wollte nicht mehr leben, nicht SO. Nicht so!

Meine Freundin war für mich da und ich bin ihr sehr dankbar dafür. Dank ihr fand ich wieder aus dem Loch heraus und schöpfte neue Hoffnung. Am nächsten Tag ging ich weider radfahren, mit der Verzweiflung im Bauch und voller Wur fuhr ich los, das erste Mal wieder länger bergauf, schneller (das, was 2 Wochen davor noch zum Crash geführt hatte) und siehe da: Es klappte! Mir ging es danach körperlich gut und ich war motiviert und guten Mutes, dass es so vorangehen könnte.

Vor einer Woche kam ein weiterer Rückschlag, weil ich es wieder übertrieben hatte. Ich ignorierte Signale, fuhr zu weit und zu schnell, der nächste Crash. Wieder ein halber Tag zur Erholung, danach Frust, Wut, Depression und riesige Ängste: Was, wenn es bleibt? Ich weiß nicht, woher diese Angst kommt, von wem, warum sie so stark ist. Ich vermute aus der Kindheit und aus Erfahrungen dort in meinem Umfeld. Die Inakzeptanz von „Schwäche“, Zeichen von „Krankheit“. Ich kann mit Rückschlägen also nicht umgehen, habe es nie gelernt und bestrafe mich selbst dafür, wenn etwas nicht klappt, wie ich will. Ich weiß, dass mir das im Weg steht und vieles erschwert. Anstatt zu sehen, dass es mir schon viel, viel besser geht als noch vor wenigen Wochen, dass ich fast alles wieder tun kann und sogar Sport wieder möglich ist (was bei anderen oft monatelang unmöglich ist, auch bei „milder Infektion“ davor) sehe ich nur das, was zur „Perfektion“, zum „Grundzustand“ vor der Infektion fehlt, dass ich körperlich nicht „einwandfrei“ bin und bin unzufrieden, solange das so ist. Das ist höchst ungesund und ich weiß es.


Gestern war ich wieder radfahren, ich strengte mich sehr an und es ging gut, am Nachmittag hatte ich einen Durchhänger, ich konnte aber verhindern, wieder in ein tiefes Loch aus Depression und Hoffnungslosigkeit zu fallen und schonte mich. Danach ging es mir wieder besser und am Abend richtig gut. So kann es weitergehen. Langsam wieder Vertrauen in mich und meinen Körper fassen und auch seine Schwächen akzeptieren und annehmen. Auf das blicken, das geht, was gelungen ist, dass es mir um ein Vielfaches besser geht, körperlich, als zu Beginn. Dass diese äußerst lange Genesungszeit (1-2 Monate) nicht unüblich ist, sogar bei „mildem“ Verlauf. Bis zu 50% aller Infizierten zeigen noch Monate (oder Jahre!) nach der Infektion Long Covid-Symtome, wie eine erste Studie aus München belegt. Dass das gesellschaftlich, gesundheitspolitisch, politisch, wirtschaftlich, psychologisch, sozial eine riesige Katastrophe ist, ein Skandal sondergleichen, der erst durch das leichtsinnige, fahrlässige und kriminelle Handeln der Regierungungen hervorgerufen wurde, durch Lügen, falsche Kommunikation, Verdrängung, Aufgabe, Desinteresse und völliger, absoluter Unfähigkeit, die die politische Legitimation der Verantwortlichen in Frage stellt, ist eine andere Sache. Das Versagen und die Gründe dafür sind offensichtlich, große Teile der Experten und der Wissenschaft warnen seit Wochen, Monaten vor genau dieser Entwicklung, sagten sie voraus, forderten Umdenken und Handeln der Politik.

Doch die Politik hat aufgegeben, aus Überforderung, und verkaufte diese vernichtende Niederlage ihrer Gestaltungskraft als „Sieg“, – Ende der Pandemie. Eine Irreführung, Lüge, Demagogie, aus purem Machtinteresse. Weil diese Message für die meisten Menschen schöner klingt als die Wahrheit: „Wir wissen nicht, wie es weitergeht, wir sind überfordert, wir alle müssen weiter zusammenhalten, uns einschränken, wenn wir uns schützen wollen. Dieses Virus ist die größte Herausforderung seit WW2, wird uns noch lange Zeit begleiten und wir haben keine klare Antwort, wie es weitergeht.“ Das wollte niemand mehr hören, auch wenn es die Wahrheit ist, nicht einmal die Handelnden in der Politik selbst. Die Politiker, auch Menschen, waren und sind teilweise selbst völlig überfordert und konnten nicht mehr. Man dachte an die eigenen Machtinteressen und begann zu lügen: Die Bevölkerung wurde unruhig und ungeduldig, nachvollziehbar. Aber anstatt darauf Antworten zu finden, das Empfinden der Menschen zu spiegeln, ihm Raum zu geben, es anzunehmen und zu bestätigen, erfand man die irrsinnige Vorstellung vom „Ende der Pandemie“ – entgegen allen Studien und Prognosen – und der „ungefährlichen Variante“. Die Menschen nahmen dankbar an, die Politik konnte ihre Macht absichern, was ihr allererster Interesse ist. Dass all das auf einer Lüge, Misskommunikation, Irreführung gründet, die die Urheber teilweise noch selbst glauben, ist ein Faktum. Dass inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung dasselbe glaubt, ebenso.

Es wird uns allen und vor allem am jenen auf den Kopf fallen, wie es immer der Fall ist bei Verdrängung und Scheinrealitäten: Die Lüge geht eine Weile gut, aber nicht für immer. Im Vorteil werden auf lange Sicht jene sein, die den Fakten glauben, der Wissenschaft vertrauen, die sich informieren – und die stark sind und durchhalten, so schwer das auch ist und so pathetisch das auch klingen mag. An alle anderen: Fuck you.

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