Hehr

Kann nicht sprechen, starr und wehrlos
dringt die dumme Macht in mich
Ich kenne sie, ich wehrte sie
doch diesmal entbößte sie sich
Kann sie benennen, sehen, fühlen
riechen, Angst und Not Ohnmacht
Ohne Macht verfolgt sie Kinder
ist nicht mehr, es ward gemacht

Mitnichten Nichten, Neffen, Ohnheim
alle grausam bis zum Tod
die Mure bricht den Damm des Lebens
ich rutsche manchmal ohne Not
Die ward gefangen doch im Himmel
ließ sie fortfahren in dem Zug
was hat der Orden für Gebimmel?
setzt es auf postkoitale Wut!

Es wollte mich für sich und immer, ewig
schlimmer geht nicht, nie!
und doch, wer hat dem Tropf entnommen?
Vergessen lassen kann man sie

Man muss nur machen, Macht voll, Muße
Buße tun muss nur sie, mehr
Verfangen im Absprung zum Fuße
denn ich bin tatsächlich sehr hehr

Blind

Killers, thrillers, liars, fucks
dumb and useless, it’s you who sucks
die and I kill you, asshole shit
I hate you, hell you, you fucked up dumb bit
you fly in circles, high and dumb
you dont’d see that you’ve lost every crumb
you’re lost and dead, you’ll die in hell
even though you don’t see your own spell
you’re killing people, liars, fuckers, holes
you’ve lost your minds and you’ve lost your souls
you’ve lost your heart but still feel rich
but you ain’t nothing but a filthy bitch

you’re weak like Hitler, you’r blind like sheep
you cannot escape anymore, in too deep
you wear old feathers that rot like shit
people are what they wear, now we can all see it

I hate you, I hate you, you need to be killed
assassinated quickly, checked and billed
you sold your soul for weakness of mind
you’re nothing else but forever blind.

14.4.2022

Nr. 68: Rette sich, wer kann!

Es ist vergleichsweise einfach und üblich, in Krisenzeiten und Zeiten der Überlastung auf verschiedene Verdrängungsmechanismen zurückzugreifen: Wer vom Job überfordert ist, reagiert mit Trotz, Streit mit dem Chef, lässt seinen Frust zuhause aus oder beginnt zu trinken; wer mit seiner Beziehung unzufrieden ist, treibt sich im Nachtleben herum, verliert sich in Fantasien oder beginnt eine Affäre; wer mit seinem Leben unglücklich ist, kauft sich Dinge, reist umher, zieht um, gibt Geld aus, will jemand anderer sein. All das gehört zum Leben, laut Freud sind Verdrängungsmechanismen nicht per se pathologisch oder neurotisch, sondern gehören in gesundem Ausmaß zum zentralen Repertoire des psychisch-kognitiven Apparats.

Klar, es kommt wie immer auf das Maß und Ausmaß an. Wer ein paar mal „einen über den Durst trinkt“, um seinen Gedanken oder seiner Wirklichkeit zu entfliehen, ist noch kein Alkoholiker, und gelegentliche Pausen von der Realität braucht jeder: Um gesund zu bleiben, ist es nötig, von Zeit zu Zeit aus der Zeit herauszutreten.

Wer allerdings die Verdrängung nicht zur Ausnahme, sondern zur Norm macht, ist krank.
Die reale Wirklichkeit wird ersetzt durch eine Schein-Realität, die auf den ersten Blick erträglicher wirkt (und das meist auch ist). Dieser Mechanismus ist so alt wie die Menschheit und kann mannigfaltige Formen annehmen. Gefährlich wird es insbesondere dann, wenn viele Menschen zum selben Zeitpunkt in Bezug auf die gleichen Phänomene Verdrängung und Verfälschung üben. Das Resultat sind Verschwörungstheorien und Massenverblendung, Demagogen arbeiten bewusst damit. Doch auch ohne „charismatischen Führer“ kann sich eine kollektive (Selbst)Manipulation einstellen, wenn nur genügend Menschen lange genug daran üben.

Wir beobachten diese Vorgänge seit Jahren, in gesteigerter Intensität: Den Beginn machten Rechtspopulisten mit ihren Erzählungen vom „Bevölkerungsaustausch“ und der „Überfremdung“, die Europa zerstören würden. Passiert ist bekanntlich nichts. Die nächste Stufe waren Trump und Kollegen mit unabsichtlich-absichtlicher Verbreitung von „Fake News“, „alternativen Fakten“ und Scheinwirklichkeiten, die ins eigene Weltbild passten, Macht sicherten oder persönliche Neurosen stillten. Aus der Ferne war klar: Wahnsinn, in Europa hat niemand (außer einer kleinen, im Endeffekt unbedeutenden Minderheit) den Schwachsinn geglaubt, der 4 Jahre aus dem Weißen Haus kam. In den USA sah und sieht die Lage anders aus, Nähe und Betroffenheit machen direkt betroffen und die Distanzierung umso schwerer.

Dann kam Corona: Zuerst eine Rückkehr zum Faktischen, Hören auf die Wissenschaft und empfohlene Maßnahmen, das Eingeständnis der Politik (großer Teile der Politik), selbst machtlos zu sein und Experten vertrauen zu müssen. Die Pandemie konnte so phasenweise unter Kontrolle gebracht werden.

Schon zu Beginn gab es Menschen und Gruppen, die gegen ihren Schutz (und den ihrer Mitmenschen) protestierten: Oft (aber nicht immer) waren es Rechte, Menschen, die bereits die Jahre zuvor ihr Mindset auf das Entwerfen „altenativer Realitäten“ geschult hatten, gepaart mit Schwäche und mangelnder Resilienz und Anpassungsfähigkeit. „Es kann nicht sein, dass mir jemand mein Leben verbietet!!“ – denn das Virus, den Feind, sah man ja nicht, insofern war es besonders einfach dessen Gefährlichkeit auszublenden. Würden diese Menschen auch auf die Straßen gehen und dort Partys feiern (wollen), wenn es Bomben hagelte und Menschen offensichtlich stärben, sie die Gefahr direkt SEHEN könnten? Wohl kaum. Obwohl: Der Herr im Kreml erprobt aktuell ein vergleichbares Experiment an seiner Bevölkerung.

Wie auch immer: Menschen, die zu Beginn der Pandemie so dachten uns sprachen, galten als Verharmloser, Leugner, Lügner, Idioten, und das waren sie ja auch. Vor einem Jahre bereits kam etwas ins Rutschen, spätestens seit dem Jahreswechsel 2022 ist die Meinung der Leugner mehrheitsfähig, nicht nur in der Bevölkerung, auch aufseiten der Politik. Es geschieht eine Massenleugnung und selbst induziertes Wunschdenken auf kollektiver Ebene, das aus abnehmender Resilienz und der Unfähigkeit entspringt, die Realität als das zu erkennen, was sie ist: schrecklich. In gewisser Weise ist die Mehrheit der Bevölkerung heute auf das geistige Level der Querdenker degeneriert, die vor einem Jahr noch deren erklärte Feinde waren.

Natürlich, die Lage ist jetzt eine andere als vor 2 Jahren oder vor einem Jahr: Das Virus hat sich verändert, viele Menschen sind geimpft. Doch anstatt die Maßnahmen schrittweise und vorsichtig und der Gefahr angemessen zu reduzieren, um auch an den Ansteckungs- und Todeszahlen oder dem persönlichen Sicherheitsgefühl ablesen und spüren zu können, dass sich die Lage zumindest etwas gebessert hat, musste alles niedergerissen werden. Mit Anlauf wurden Maßnahmen bis zu dem Ausmaß aufgehoben, um auf jeden Fall die selbe Krankenhausbelastung und die gleichen Todeszahlen zu garantieren, wie in den Wellen 2020 und 2021. Teilweise konnten die Zahlen sogar übertrumpft werden.

Warum das? Weil um das Jahresende 2021 mit vielen Menschen etwas passiert ist, das sich durch psychische Faktoren erklären lässt. Sie sind schlicht ge- und zerbrochen, ihre Fähigkeit, mit der Situation, der Krise, also der Realität umzugehen war erschöpft – und sie flüchteten sich in die eine oder andere Wahnvorstellungen. Der Mechanismus ist der selbe wie jener der Querdenker zu Beginn der Pandemie, die Inhalte sind ebenso die gleichen: „nur eine Grippe“, „ungefährlich“, „Freiheit“, „ich lasse mich nicht einsperren“, „schau nur nach Land xyz!“. Die weiterhin sehr reale Bedrohung wird negiert, verdrängt, indem Argumente gefunden werden, diese in Abrede zu stellen und zu widerlegen. Das Problem: Es sind Lügen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.

Was passiert, wenn sich große Teil der Bevölkerung belegbar falschen Deutungen der Realität hingeben, dafür gibt es in der Menschheitsgeschichte genügend Beispiele. Wer einmal mit der Lüge beginnt und ihr glaubt, kann sich schwer von ihr befreien. Wie war das mit der Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Österreich, der Umgang mit anderen Demagogen in anderen Ländern und dem Schaden, den sie angerichtet haben? Am Ende wollte keine „dabei gewesen sein“ oder „etwas gewusst haben“.

Man kann nur hoffen, dass viele der Neo-Querdenker, die von „Freedom Day“ und dem „Ende der Pandemie“, vom „ungefährlichen Omikron-Virus“ und der „Rückkehr zur Realität“ schadronieren möglichst bald mit der Realität konfrontiert werden: Sei es durch Krankheit. Oder durch den Tod. In zweiterem Fall ist es dann halt etwas zu spät für Erkenntnis.

Rütteln

Rütteln, ruttern, Atem, Not
ist man selbst nicht, wer ist tot?
Weiß doch klar, was klärer ist
wird man aber gern verpisst

Träge Träume drängen dicht
vernebeln jedem das Gesicht
wer ist, wird scheitern mit der Not
die Wahrheit, sie ist längst schon tot

Flirrender Spiegel am Horizont
die Erde eine Scheibe, ungewohnt
bewohnen die Dächer und Villen Verbrecher
versammeln und sammeln sich, noch und nöcher!

Der Freund wird zum Feind, er muss ertrinken
die Waffe der Wahrheit lässt jeden sinken

Wendezeiten – Philosophie für die Krise, Teil 2

4. Überlastung & Kontrolle:

Massive Überlastung gab und gibt es nicht nur auf den Krankenhausstationen, sondern auch psychisch. Die bekannten Stressoren wirken sich auf viele Menschen schädlich aus, die dann weder ein, noch aus wissen. Zu der über 2 Jahre dauerenden Belastung durch die Pandemie kommt nun die Belastung eines Krieges hinzu, der uns zwar nicht direkt betrifft, über Folgewirkungen (Teuerung, Energiepreise etc.) aber sehr direkt indirekt. Hinzu kommt die Wahrnehmung eines Bruchs der Geschichte, Krieg ist für die meisten Menschen, die in Europa aufgewachsen sind, ein Fremdwort.

Auf psychologischer Ebene ist die Überlastung nachvollziehbar, es muss aber ein Angebot gemacht werden, wie damit umzugehen sei. Das geschieht nicht. Menschen werden mit ihrer Verzweiflung und Ohnmacht alleine gelassen und wenden sich alt- und neubekannten Kompensationsmechanismen zu. Auch diese Situation braucht neue Antworten.

In den letzten Jahrzehnten hat das Bewusstsein um psychische Aspekte der Gesundheit und des Lebens zugenommen, das Thema wurde enttabuisiert, in den wenigsten Fällen aber waren die Hilfesuchenden in derart großer Zahl mit einem derartigen, kollektiven Trauma konfrontiert. Das „psychische Leiden“ war zwar anerkannt, aber zumeist ein individuelles Projekt, das mit persönlichen Erfahrungen, Verletzungen und Schicksalsschlägen zu tun hatte. Nun haben wir es eben mit einem kollektiven Trauma zu tun, was medizinische belegbar und teilweise auch erforscht ist, auf das wir aber als Gesellschaft derzeit offensichtlich keine konstruktiven Antworten haben.

Die Frage ist, ob es diese denn überhaupt geben kann, solange eine krisenhafte Situation andauert. Traumatheorien lehren uns, dass eine Verarbeitung meist erst möglich ist, wenn die belastende Situation hinter sich gelassen wurde. Das ist aktuell unmöglich, denn die Pandemie oder der Krieg lassen sich nicht auf Knopfdruck abstellen. Auch Flucht ist nicht möglich, zumindest im Fall der Pandemie.

Es geht also um eine permanente Anpassungsleistung, darum, zu lernen, mit der „schwierigen Situation“ bestmöglich umzugehen. Wichtige Aspekte sind hierbei Selbstfürsorge, soziale Kontakte, Pausen und Auszeiten, aber auch das Ein- und Zugeständnis, dass es einem schlecht gehen darf, dass man leidet, dass man keine Antworten und wenig Kontrolle über die Gegenwart und die sie prägenden Krisen hat. Funktionieren funktioniert nicht mehr, oder nur eingeschränkt. Kontrolle kann nur durch individuelle Leistungen wiederhergestellt werden, wie Information, Reflexion, (Selbst)Beobachtung, Distanzierung und Bewusst-Werdung des aktuellen Gemütsszustandes.

5. Beschreibung des Zustands & Antworten

Viele Menschen scheitern bereits daran, der Gegenwart und den damit verbundenen Gefühlen Begriffe zu geben, sie zu benennen oder überhaupt bewusst wahrzunehmen. Die Gegenwart fühlt sich an wie ein träger, endloser Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt, in dem man sich abstrampelt, nach oben tritt, sich aber sich nicht befreien kann, die Gegenwart selbst liegt wie Blei auf unseren Körpern, Seelen, Gedanken und verunmöglicht es uns, so zu leben, wie wir das jahre- und jahrzehntelang gewohnt waren.

Das ist eine bestimmte Zeit lang erträglich, aber nicht über 2 Jahre +. Es ist kein realer Ausweg in Aussicht, der nicht auf Verdrängung und Verleugnung gründen würde. Nachdem aber die (psychische) Belastungsfähigkeit der meisten Menschen überschritten ist, muss sich jeder selbst jene Auszeiten von der Realität gönnen, unter kalkulierter Inkaufnahme der Risiken, die mit dem Virus und der Pandemie verbunden sind. Die Abwägung kann ab und an ergeben, dass die Achtlosigkeit im Gesamtkontext „vernünftiger“ erscheint als reine Ratio.

Es geht also auch um das Schaffen von Pausen, Räumen und Zeiten, in denen die Zumutungen der Pandemie (vor allem darauf bezieht sich nun diese Überlegung) außer Kraft gesetzt sind: Das kann etwa in (kleinen) sozialen Gefügen und Zusammenkünften sein (wer erinnert sich an die exklusiven, privaten Cinephilen-Treffen in den 60ern oder 70ern? Oder an private Zusammenkünfte vergangener Jahrhunderte zwecks Lesungen, Hausmusik etc.?). Oder in kleinen, persönlichen „Oasen“, in denen Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur Raum haben (neue Bedeutungsgewinne für Lesen, Schreiben, Musik hören, persönliche kreative Betätigungen). Das Bedürfnis des Menschen nach Lust, Leben, Libido, Freude, Spontanität kann ebenso in kleinen sozialen Gefügen gestillt werden: Treffen mit Bekannten, Verwandten, Freunden statt Besuch in der Großraumdisko. Auch unter aktuellen Bedingungen kann relative Sicherheit gerantiert werden, gleichzeitig können sozial überlebensnotwendige Kultur- und Sozialtechniken und -praktiken in neuer Form möglich sein.

Abfinden müssen wir uns endgültig mit der Illusion, dass alles wieder so werde, wie „davor“. Ursächlich „schuld“ daran ist auch nicht eine Regierung, der Staat, die „Maßnahmen“ etc., sondern ein Virus, das Teil einer Natur und eines Ökosystems ist, das sich eben nicht vollends beherrschen lässt, wie wir lange dachten (wenngleich der Umgang mit dieser Realität auf vielen Ebenen besser erklärt, angeleitet und vermittelt werden muss.) Je früher wir akzeptieren und uns damit abfinden, desto früher finden wir als Individuen und Gesellschaften Antworten und Auswege aus einer Situation und einem Zustand, der uns unerträglich erscheint.

6. Versagen der Institutionen:

Versagt haben in Bezug auf den Umgang mit der Pandemie insbesondere die Staaten und andere politische Institutionen: Das Auftreten von Virenerkrankungen und Pandemien lässt sich nicht planen und steuern, sehr wohl aber die Reaktion darauf und der Umgang damit. Staatliche Corona-Politiken sind inzwischen getrieben von Angst der Regierenden, Unvermögen, Unkenntnis, Selbstaufgabe, Populismus und Wunschdenken; weder wird rückblickend gelernt, noch für die Zukunft geplant, es herrscht ein Absolutismus der Gegenwart, die verklärt wird und die nach Szenarien geformt und gedeutet wird, deren Eintreten bisher rein spekulativ ist. Die Politik folgt nicht mehr der Wissenschaft, sondern dem „Volksempfinden“, das sich in erster Linie aus psychischer Überlastung und Verdrängung speist. Irrationalität wird nur neuen Normalität, emotio siegt über ratio, Gefühle und Empfindungen formen Realität, Fakten werden danach bewertet, ob sie zur aktuellen Gefühlslage passen, oder nicht.

Weiterlesen: Teil 1

Wendezeiten – Philosophie für die Krise, Teil 1

  1. Ausgangslage

Womit beginne ich meine Gedankenspiele, die sich mit unserer Gegenwart befassen wollen, und durch diese Auseinandersetzung Antworten finden möchten? Schon die Frage danach zeigt einiges auf, die möglichen Antworten umso mehr.

Klar ist, dass es zwei relativ klar benennbare „Brüche“ gab und gibt, die es mir so erscheinen lassen, als wäre eine ganz grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Regeln und Formen des menschlichen (Zusammen-)Lebens notwendig.

Zum einen ist das die Corona-Pandemie, die uns seit 2 Jahren in Atem hält, im wahrsten Sinne des Wortes, und all ihre gesellschaftserschütternden Implikationen und Folgen: Es gibt kein „danach“, da wir noch immer mittendrin sind, der Ausgang ist offen. Das Virus könnte sowohl (relativ gesehen) „verschwinden“, also (relativ) ungefährlich werden, als auch weiter mutieren und noch gefährlicher werden – und damit eine weitere Menge Menschen töten. Die Wissenschaften sind sich einig, dass valide Voraussagen unmöglich sind, und das oben als erstes geschilderte Szenario galt lange Zeit als das „optimistischste“, aber auch unwahrscheinlichste.

Zum anderen ist es der Einmarsch der Russen in die Ukraine, der erste derartige Krieg in Europa seit dem 2. Weltkrieg. Der Schock darüber ist noch zu groß, um dieses Ereignis irgendwie fassen zu können. Bilder von unmenschlichen Verbrechen erreichen uns aus der Ukraine. Waren die letzten Jahrzehnte, zumindest im „Westen“, gekennzeichnet von Hoffnung, Aufbruchsstimmung, Lebensfreude und Wohlstand, stehen wir nun am Anfang einer neuen Phase der Barbarei. Die Zeichen zeigten sich seit Jahren, nur wollte sie keiner sehen.

Neben erwartbaren, jetzt schon sichtbaren und wohl noch schlimmer werdenden indirekten Auswirkungen auf uns (steigende Preise, Flüchtlinge, Umgang mit diesen Menschen, gesellschaftliche, politische, psychologische, soziale Erschütterungen) ist nicht ausgemacht, dass dieser Krieg nicht auch uns (in Mittel/Westeuropa) ganz direkt betreffen könnte.

2. Wunschdenken

Allein die Benennung dieser Brüche impliziert bereits einige sichtbare Veränderungen. In Bezug auf den Umgang mit der Pandemie lässt sich nunmehr in weiten Teilen der Bevölkerungen, aber auch der Politik, magisches Wunsch-Denken feststellen, das tendenziell faktenfrei und evidenzlos ist. Die Erklärung ist relativ einfach: Die Resilienzen sind erschöpft, teilweise schon seit langem oder um Längen, sowohl die individuell-persönlichen, als auch die kollektiven. Die (natürliche) Reaktion darauf ist Abwehr, Verdrängung, Verleugnung bis hin zu Flucht in „alternative Realitäten“ oder paranoide Tendenzen.

Was zu Beginn der Pandemie eine nur kleine Menge an Menschen umfasste, betrifft nun eine Mehrheit. Erklärbar ist es dadurch, dass man eine große Anzahl an Menschen nicht über lange Zeit (über)belasten kann. Die Mehrheit kann mit 2-3 monatigen Krisen umgehen und sie verarbeiten. Eine immer noch knappe Mehrheit schafft das wohl 6 Monate bis zu einem Jahr. Nur noch eine Minderheit hält das 2 Jahre lang aus. Insofern ist die Mehrheits-Reaktion („alles vorbei“, „Freedom Day“ usw.) nachvollziehbar und erklärbar.

Antwort gibt es darauf vorerst keine. Es ist eher nicht davon auszugehen, dass diese Krise schnell beendet sein wird, das Virus einfach „verschwindet“. Man kann hoffen, doch bisher gibt es keine validen Aussagen darüber, ob wir nicht im Herbst von der nächsten Corona-Welle erfasst werden. Gleichzeitig wird die (psychische) Resilienz der Bevölkerung nicht stärker, sondern noch schwächer werden.

Daraus ergeben sich mehrere Konsequenzen:

a) „Normalisierung“ der Krise: Eine nicht mögliche oder nicht erfolgte Anpassung an geänderte Bedingungen und Realitäten führt zu einem pathologischen Dauerkrisenmodus. Verdrängung und Verleugung werden immer stärker, bis die neue Schein-Realität die Wirklichkeit ersetzt, die nicht mehr erträglich scheint.

b) Auflösung von Strukturen: Gesellschaftliche Strukturen und Institutionen lösen sich auf, wenn nicht faktisch und konkret sichtbar dann in ihrer Bedeutung. Eine Gesellschaft im Dauerkrisen- und Dauerstressmodus kann nicht funktionieren. Derzeit treten diese Brüche noch nicht immer offen zutage, sie sind aber etwa in der bereits radikalisierten Anti-Corona-Bewegung konkret sichtbar. Und man kann spekulieren, ob die Kriegserklärung Russlands, die im Wesentlichen auf eine Person zurückgeht, nicht auch bereits eine Auswirkung dieser Zersetzung von Strukturen, Sicherheiten, Regeln ist.

c) Abschottung und Anpassung: Viele Menschen reagieren mit Rückzug auf die oben beschriebenen Vorgänge. Es ist dies eine sinnvolle Schutzfunktion. In gesteigerter Form handelt es sich um Abschottung, die ebenso eher als sinnvoll zu bezeichnen ist: Eine Form „innerer Emigration“, Flucht vor einer Wirklichkeit, die immer unwirklicher wird. Die notwendige Anpassung scheint nicht auf kollektiver Ebene möglich zu sein, da es dafür zumindest Institutionen geben müsste, die pädagogisch wirken (wollen) (etwa den Staat, Religionen etc.). Das ist nicht sichtbar, im Gegenteil. Insofern bleibt die Anpassung eine individuelle Aufgabe, die im kleinen sozialen Gefüge geübt und erprobt werden kann. Darwin lässt grüßen. Dafür ist Abschottung von der Mehrheitsgesellschaft, die der Anpassung unfähig ist, notwendig.

d) Neue Bedeutungen und Werte: Alle uns bekannten Werte werden auf den Kopf gestellt. Die Gesellschaft und Kultur der Gegenwart funktioniert nicht mehr so wie jene von vor 2, 3 Jahren und jahrzehntelang davor, kann sie auch nicht mehr. Rückkehr zu einem „davor“ ist völlig unmöglich, ausgeschlossen und verleugnendes Wunschdenken. Trauer ist nötig. Der Bruch ist endgültig, eine neue Epoche steht am Anfang. Wie ihre Werte aussehen werden, ist noch nicht klar und wird sich erst zeigen, etablieren müssen. Neue Werte sind gleichsame die Voraussetzung für den Fortbestand der menschlichen Spezies. Wer sich nicht anpasst, stirbt (aus).

3. Neue Werte

Man kann trotz allem bereits einige Tendenzen erkennen, wohin sich die „neue Wirklichkeit“ und ihre Wertsysteme entwickeln werden: Aufwertung des Privat-Persönlichen, Verlust der Bedeutung des „Öffentlichen“; Rückkehr zu Werten wie „Familie“, „Klein-Gemeinschaft“, Re-Lokalisierung (im Gegensatz zur Globalisierung, indem Orte wieder an Bedeutung gewinnen); Verlust staatlicher Autorität: mögliche neue gesellschaftliche Organisationsstrukturen, die viel „kleinteiliger“ sind und eher wie jene tribaler Gesellschaften aussehen werden, als jene großer, heterogener (National-)Staatengebilde, die in globale Kontexte eingebettet sind; absoluter Bedeutungsverlust von alten Kultur- und Sozialtechniken in der uns bekannten Form (nicht aber dem Inhalt nach, dem eine neue, der Zeit angemessene Form gegeben werden muss, also Entstehung in ihrer Form neuer und/oder Rückbesinnung auf in ihrer Form alte, bereits für „überlebt“ gehaltene Kultur- und Sozialtechniken); völlige Fragmentierung des „kulturellen Feldes“ (Kunst, Kultur, Unterhaltung), Zusammenbruch alter Strukturen und Bedeutungen; Hunger und Bedürfnis der Menschen nach SINN und Erzählungen, die positive, hoffnungsvolle und realistische Visionen für die Gegenwart und Zukunft bereithalten, egal in welchem Medium (Wort, Schrift, visuell, musikalisch, bildnerisch etc.)

Weiterlesen: Teil 2

Sterben

Ich kann nicht mehr vernünftig sein
am Leid zerbrach auch diese fein
Hoffnung, ließ los, und sah ein Licht
vergessen lässt sich falsche Sicht
Doch sehe ich nun falsch und klar
dass es nicht sein kann was nicht war
Klar ist die Lüge, immerhin
sie macht im Leben vielmehr SINN

Die Angst vergrämt und lähmt den Leib
die Ratten laufen, hüpfend, feig
und glücklich, fröhlich, immermehr
lieben sich doch das Leben sehr

Was auch bedrängt im dunklen Schatten
die Echos traben durch die Latten
die knarren, knacken, brechen nicht
das Knacken löst sich von dem Licht
er suche nach dem Halt und fasse
doch nichts mehr nötig das man lasse
die Krankheit: Blindheit, Taubheit, stumm
die Fesseln ketten mich herum

Hier sicher, was geht in mir vor?
welch Dunkelheit wallte davor?
die Schatten, Angst und lahme Volten
die wir immer vergessen sollten
zu scharfer Blick für böse Blitze
weitsichtig, Aug verzerrt zum Schlitze
der Eisberg, besser, kann man machen
und Licht den Tag erhellt aufwachen

Die Quere liegt derzeit hierbei
nicht Zukunft, auch nicht was vorbei
die dunklen Schatten fallen dicht
doch sagt‘ ich ich seh nicht mehr nicht

Was geht, wenn nichts geht? Alles dann
Man kann nur warten, bis man kann
der Tod ist besser als das Leben
zum Leben s’Leben musst aufgeben
Der Lebenstrieb führt uns zum Tod
der Sinn geriet weit aus dem Lot
Verdammnis, Lüge wird nun wahr
die letzten Jahre, wunderbar

Das Wort verstummt, das Licht zerbrochen
gefrieren mir die jungen Knochen
verlähmt und sterbend, jedermann
die Menschheit nun aussterben kann.

6.3.2022

Nr. 67: Krieg.

Krieg in Europa. Lange Zeit undenkbar, nun Realität.

Dass es so kommen musste, war jedem klar, der politische und gesellschaftliche Entwicklungen im „Westen“ der letzten Jahre aufmerksam und kritisch verfolgt hat. Dass es trotzdem eine Tragödie ist, die uns um ca. 90 Jahre in der Zeit zurückversetzt, ist ebenso klar.

Es ist Horror, Fernsehbilder zu sehen, von zerbombten Häusern, toten Menschen, in Kellern verschanzten Kindern – und das alles in unmittelbarer Nachbarschaft. Das wäre dann auch der Unterschied zu den Konflikten in Syrien, dem Irak etc., denn das ist vergleichsweise „weit weg“ und betrifft uns nicht direkt. Insofern ist es auch seltsam, wenn von einigen moniert wird, dass die Menschen hierzulande nun plötzlich Solidarität zeigen und helfen wollen, während das in Bezug auf andere Konfliktherde insb. in den letzten Jahren nicht (mehr) der Fall war. Das wäre, als würde man von Südkoreanern fordern, vom Russland-Krieg ebenso betroffen zu sein als von den Atomtests des Nachbarn im Norden. Manchmal lassen sich gewisse Dinge ganz pragmatisch erklären und nicht durch Schlagworte wie „Rassismus“ u.Ä.

Was soll man zu all dem sagen? Oft fehlen die Worte und man will, kann nichts sagen. Und muss vl auch nicht. Es wurde und wird ohnehin zu viel geredet, vA in „sozialen Medien“. Man darf auch einfach schockiert sein, sprachlos, innehalten, traurig sein und nicht mehr weiterwissen.

***

All das kostet Kraft, ein Nullpunkt ist erreicht, der unvermeidbar war. Nach null kommt eins, also Produktion und Materie, die anders aussehen wird als all das, das uns die letzten paar Jahre umgeben hat. Das muss nicht schlecht sein. Die Sonne schien zu hell und anstatt die Schatten zu sehen, die sie warf, wollten sie viele noch heller drehen. Utopie, immerwährendes Licht, Erleuchtung, Illusion. Ihre Welt bricht nun am meisten zusammen, sie werden diesen Krieg nicht überleben.

Es gibt keinen Ausweg, keine Flucht vor der Realität, Träume zerplatzen und falsche Ideologien lösen sich in Luft auf. Namen sind unwichtig, Bilder sprechen Worte und Worte sprechen Taten, die unumkehrbar sind, bis Taten wieder Worte sprechen.