Hehr

Ich liege, liege, liege, lag

und liege, läge weiter

heiter tanzen geht ohnehin nicht

ohne dem Begleiter

/

Denken, suchen, fluchen, sehen

renken in Gedanken

ranken, wanken, niemals wankel

mutig, ohne Zanken

/

Vergaß, vergas, vergessen, lassen

niemals ohne Plan

im Suchen scheinbar schnell gefunden

ein milder, alter Wahn

/

Angst um Angst, um Angst, um Leben

zu leben, doch niemal

suchen, halten, sehnen, stehen, stellen

doch banal

/

Der eine Weg, das eine Ziel, der eine Ort

verloren

und jetzt ist hier, und hier ist jetzt

stets stetig auserkoren

/

Gedankenschweife fliegen höher

wallend, klar und hehr

doch hehre Heere im Salon

sie ziehen doch nicht mehr.

26.4.2021

Nr. 58: Emotio.

Ich wusste nicht, ob ich heute etwas schreiben würde, und worüber. Die #allesdichtmachen-Geschichte scheint mir auserzählt und langsam kriegen sich die Leute wieder ein, und ich muss mich da nicht immer mit so schwerem Zeugs befassen. Mir wird öfter gesagt, ich wäre zu rational, zu kontrolliert, zu „kalt“, wobei ich nicht sicher bin, ob das nur mit mir zu tun, oder auch mit anderen. Jedenfalls aber fällt es mir schwer, Emotionen zu zeigen, bevor ich etwas sage, denke ich nach, und Emotionen werden erst kommuniziert, wenn sie intern beachtet und betrachtet worden waren. Das ist mühsam, aber auch vernünftig, aber auch etwas lebensfremd.

Kontrolle ist das Stichwort, und kontrollieren können, auch sich selbst, ist wunderbar. „Kontrolliert“ heißt das, wiegt einen in Sicherheit, hebt einen über andere, die ihren Emotionen ausgeliefert sind, wie Tiere. Instinkte. Oder so. Oder echt? Ich weiß nicht, ich kann meine Ideale ideengeschichtlich und philosophisch begründen, stört es MICH denn, leide ich darunter? Nicht wirklich. Leiden andere darunter? Ich weiß es nicht, möglich, zeitweise. Mir scheint das Problem zu sein, dass jemand, der sein Leben mit der ratio steuert, wenig fühlt, wenig Negatives, aber auch wenige Positives. Das mag ein Problem sein.

**

Warum diese Gedanken vorweg? Ich weiß es auch nicht, nur so, weil ich schreiben möchte, und meinen Gedanken freien Lauf lasse. Loslassen, Kontrolle abgeben, nicht alles muss klug und perfekt und vollendet sein, nein. Wie bin ich eigentlich auf das Thema gekommen? Ich vermute, aufgrund der Frage, wie ich mit der Corona-Krise umgehen soll, die ich mir stelle und sich immer mehr Menschen stellen. Es ist frustrierend, deprimierend, beschissen, fatal, traurig, furchtbar, schrecklich und zu viel. Alles. Die Gefahr, die allerdings haben wir inzwischen ganz gut unter Kontrolle, ich sorge mich wenig darum. Zu viel ist mir, dass wir kein Leben mehr haben, kein Leben wie davor, keine Möglichkeiten, aktiv das Leben zu gestalten, nach draußen zu gehen, Initiative zu zeigen, unsere Spuren in der Welt zu hinterlassen. Denn wir sind eingesperrt, zu Hause, alles ist auf Stopp, nichts geht, nichts geht, nichts geht. Müde, tot, Ende, fatal, träge, müde, nichts, besiegt?

Emotion, ich versuche, nicht das zu sagen, was klug, richtig, wichtig ist oder richtig ankommt, sondern das, was ich fühle. Es ist OK, dass ich das fühle. Ich. Ich. Und niemand sonst. Und ich muss mich nicht darum kümmern, was andere fühlen. Nein. Nicht.

Wie geht all das weiter? Ich weiß es nicht, und ich muss es nicht wissen. Ich mache das Beste draus, ich probiere, nehme an, was ich habe, tue, was ich tun kann, flüchte, wenn ich flüchten kann, genieße, wenn ich genießen kann. Aber darf auch leiden, liegen, verzweifeln, müde sein, genug haben, wütend sein und all das hassen. Das ist auch OK. Solange das OK ist, kann nichts passieren.

24.4.2021

Nr. 57: Zynismus und Empathie.

Die #allesdichtmachen – Aktion beschäftigt mich immer noch, obwohl ich gestern entschieden habe, mich nicht mehr damit zu beschäftigen. Die Teilnahme an der „Debatte“ ist bis auf weiteres wirklich unmöglich und sinnlos, da es keine Debatte gibt und nie gab, nur die Aktion auf der einen Seite, eine wütende Meute auf der anderen Seite, und dazwischen ein trauriges Schauspiel, bei dem die sonst oft so einmütig bis konform auftretende Kunstszene auseinanderbricht, sich gegenseitig beharkt, ehemalige Freunde und Kollegen sich über Videos hässlichste Botschaften ausrichten und einen Keil durch eine Branche treiben, die von der Corona-Pandemie betroffen ist wie kaum eine andere.

Was nötig wäre? Einheit, breiter Protest, die Forderung nach Ideen und Konzepten – in Österreich zumindest wird das inzwischen ansatzweise von der Politik gehört, in Deutschland gar nicht, warum der Protest dort umso schärfer und die „Debatte“ umso hässlicher verläuft. Es sind Neid, verletzte Eitelkeiten, Kränkungen, Moraldünkel, Wut und Hass, die den Kampf (von Debatte ist nicht mehr zu sprechen) befeuern, ohne Aussicht auf Mäßigung, Einhalt oder Konsens. Die Entwicklung spielt vor, was wir als gesamte Gesellschaft zu erwarten haben.

Mich persönlich besorgt weniger, dass sich ein Kollege in seiner Videobotschaft im Ton vergreift, dass der eine das gut oder schlecht findet, dass es unterschiedliche Ansichten zum Umgang mit dieser Krise gibt, sondern dass unsere Gesellschaften an einem Punkt angelangt scheinen, wo sie diese unterschiedlichen Ansichten nicht mehr auszuhalten scheinen. Ist das ein Vorbote auf den Endpunkt der liberalen Gesellschaft, der Demokratie mit Meinungsvielfalt und -freiheit? Möglich. Ab dem Zeitpunkt, wo es nur noch schwarz und weiß gibt, gut und schlecht, richtig und falsch, und das alles absolut, ist die Zivilisation am Ende, und die Barbarei regiert. Sind wir bereits dort angekommen?

Ich kann mich auch deshalb nicht mehr an der Auseinandersetzung beteiligen, weil ihr jegliche Charakteristika eines zivilisierten argumentativen Austausches fehlen. Ich kann nicht anders diskutieren, als unter der Annahme, dass mein Gegenüber eine Meinung hat, die für ihn ebenso richtig ist wie meine für mich, und dass seine Meinung die gleiche Berechtigung hat wie meine – und dass er oder sie das ebenso sieht. Dies ist nicht mehr gegeben, also erübrigt sich jeder Diskurs. Alles, das bleibt, ist (verbale) Gewalt und Hass.

Die wenige Hoffnung, die bleibt, ist, dass es noch vereinzelt einige Menschen gibt, die Interesse am Diskurs haben, am sowohl-als auch, die sehen, dass der andere ist, wie er, und umgekehrt, nicht besser, oder schlechter, oder böser, oder sonst was. Es ist inzwischen eine verschwindende Minderheit, aber es gibt sie, diese Menschen, egal, wie sie sich politisch verorten – wobei das, wie wir spätestens seit gestern wissen, inzwischen ohnehin völlig irrelevant geworden ist.

Alles, um das es noch gehen kann, ist Empathie und Menschlichkeit. Und dass diese unterschiedlich aussehen kann. Nein, die eine ist nicht besser und „höherwertiger“ als die andere. Dass sogar auf dem Rücken von Kranken, Toten, Arbeitslosen u.a. Moralspiele abgehalten werden, ist ein einziges Armutszeugnis. Das Argument der #allenichtganzdicht-Fraktion ist, dass durch Kritik und Infrage-Stellen der Maßnahmen Menschen sterben bzw. gefährdet werden und das Corona-Leid ignoriert wird. Das scheint mir zu kurz gedacht, ich will dem Großteil der #allesdichtmachen-Fraktion nicht unterstellen, dass ihnen auf der Intensivstation Liegende egal sind. Ich vermute, dass sie ihren Blick wo anders hin richtet.

Ich weiß es aber nicht, und kann nur für mich sprechen: Meine Empathie gilt neben den Erkrankten und Angehörigen von Verstorbenen jenen in der Kunst- und Kulturbranche, die ihre Jobs verloren haben, die am Hungertuch nagen, die keine Perspektive haben, denen ihr Beruf und ihre Berufung genommen wurde; und jenen, die seit mehr als einem Jahr psychisch unter dieser Krise leiden, an ihre Belastungsgrenzen kommen oder darüber hinaus, nicht mehr weiterwissen, egal, ob sie schon davor Probleme hatten, oder jetzt der „Corona-Depression“ verfallen sind. All jene brauchen eine Perspektive, wir wissen, dass nicht der „Tag X“ kommen wird, an dem „alles vorbei“ ist, dass uns dieses Virus noch Monate oder Jahre begleiten wird. Und wer ernsthaft meint, die einzige Lösung wäre Lockdown auf Lockdown auf Lockdown ohne Pause, nimmt damit Kollateralschäden in Kauf, die sich den Schäden durch das Virus an sich immer mehr annähern – oder diese schon überschreiten. Es muss eine Abwägung geben, einen Mittelweg zwischen Schutz vor dem Virus und Freiheit, zwischen Sicherheit und Leben, zwischen notwendigen Maßnahmen und den Schäden, die diese Maßnahmen verursachen. Nach über einem Jahr Pandemie müsste man von der Politik erwarten können, diese Abwägungen treffen und Lösungen finden zu können.

Es geht also um Empathie, und weil meine Empathie den arbeitslos Gewordenen, den psychisch Belasteten, den ihres Alltags Beraubten gilt, die nicht mehr weiterwissen bin ich deswegen nicht „schlechter“ als jene, deren Fokus auf den Erkrankten liegt, und schon gar kein „Zyniker“. Empathie braucht es für alle, und es ist gut, wenn sich jeder über das und die Gedanken macht, was ihm persönlich am nächsten ist.

Und warum beschäftigen mich die Themen Kunst, Kultur, psychisches Befinden, soziale Aspekte der Krise usw.? Weil ich eben da am nächsten dran bin und mich persönlich diese Aspekte auch treffen. Ich kenne bisher wenige, die an Corona erkrankt sind, und die, die es erwischt hat, haben es alle, zum Glück, mehr oder weniger gut überstanden. Ich kenne bisher niemanden, der daran gestorben ist. Aber ich kenne sehr, sehr viele, die durch die Krise ihren Job verloren haben, ihm nicht mehr wie gewohnt nachgehen können, denen ihr Alltag fehlt, ihre Tagesstruktur, ihr Leben, ganz allgemein eine Perspektive, wie es weitergehen soll. Und die psychisch mehr und mehr unter all dem leiden, je länger es dauert. Und ja, diesen Menschen zu sagen, „deine Probleme sind unwichtig“, „schau auf die Intensivstationen!“ oder „reiß dich mal zusammen“ – das ist wirklich zynisch.

23.4.2021

Nr. 56: WTFFF?!

Eigentlich dachte ich, nach meinem letzten Eintrag kann es nimmer schlimmer werden. Gestern/heute wurden wir eines Besseren belehrt: Eine Gruppe durchaus bekannter Schauspieler von untadeligem Ruf wagte es, in ironischen, satirischen bis zynischen Video-Beiträgen auf die triste Lage ihrer Branche und die Perspektivenlosigkeit bezüglich Corona ganz allgemein (die in Deutschland noch um einiges größer ist als in Österreich) hinzuweisen. Reaktion? Shitstorm mit Tenor: „Das sind alles Nazis!“ Größen wie Heike Makatsch, Niki Ofczarek, Jan Josef Liefers oder Manuel Rubey werden es danken. Oder sich ungläubig die Augen reiben. Denn durch Querdenker-Querulantie oder Nazitum waren sie bisher wirklich nicht aufgefallen – im Gegenteil.

Es ist die letzte Eskalation eines völligen Verfalles jeglicher Debattenkultur, die sich nunmehr ausschließlich in verbaler Gewalt ergeht und sich von jeglichen Fakten und Maßstäben befreit hat: Wer gestern noch als progressiver Bobo-linker flüchtlingsklatschender Moralapostel galt, gilt heute als rechtsradikaler Neonazis. Wie absurd, ja: krank das alles inzwischen ist, fällt offenbar immer weniger Menschen auf. All das ist auch Ausdruck einer gereizten, überreizten, belasteten und überlasteten Gesellschaft, was in gewisser Weise das Anliegen des #allesdichtmachen – Protests bestätigt: Eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, sich streitlustig, aber friedvoll darüber zu verständigen, wie man leben möchte, ist am Ende – und braucht dringend neue Lösungen und Alternativen.

Es ist eigentlich ja sinnlos, sich über all das aufzuregen, Gedanken zu machen, sich darüber den Kopf zu zerbrechen oder an diesen toxischen Diskussionen teilzunehmen, da sie zu nur noch mehr Hass und Spaltung führen. All jene, die aktiv Öl ins Feuer gießen, müssen sich dessen bewusst sein, und dass sie irgendwann dafür zur Verantwortung gezogen werden. Ich persönlich konnte mich heute den halben Tag, bis jetzt eben, beruflich bedingt nicht aus dem Ganzen raushalten, werde es aber ab jetzt tun, da es nichts bringt.

Ich will mich stattdessen selbst um die Alternativen kümmern um mir darüber Gedanken machen, was ICH tun kann, in meinem Alltag, in meinem Leben, um mit der neuen Corona-Normalität irgendwie klar zu kommen. Was wäre das? Mehr Zeit mit den Liebsten verbringen etwa. Raus gehen, wenn es schön ist. In die Sonne setzen. An den See legen. Ab und an Menschen treffen, am besten auch draußen, denn da ist die Gefahr am geringsten. Bücher lesen, ganz bewusst, zu bestimmten Zeiten, dadurch dem Alltag entfliehen, auf andere Ideen kommen, Inspiration finden. Filme schauen, ebenso bewusst, mit Muße, alleine oder in Gesellschaft. Spazieren gehen. Kochen. Schreiben. Telefonieren. Freunde kontaktieren, von denen man lange nichts mehr gehört hat, fragen, wie es ihnen geht. Etwas Neues lernen, genießen, sich Ruhe gönnen.

Es gibt sie, die Ideen, das Schöne, das trotz allem möglich ist. Auch, wenn das Andere, das Alte fehlt, schmerzlich vermisst wird. Doch es wird so schnell nicht wieder zurückkommen. Das ist Fakt. Und wenn schon die Politik nicht in der Lage ist, das zu akzeptieren und alternative Lebenskonzepte, Kulturkonzepte, Wirtschaftskonzepte anzubieten, dann müssen wir das eben selbst tun. Denn wir sind nicht alleine – trotz allem.

1.4.2021

Nr. 55: WTF.

Langsam reichts. Mit Corona meine ich. Was ist die Perspektive? Keiner weiß es, denn es gibt keine. Alle Pläne und Vorhaben: In den Sand gesetzt, unmöglich, verschoben, aufgehoben. Impfung? Wird wohl einiges erleichtern, aber die Pandemie nicht brechen, zu vielfältig inzwischen die Mutationen, zu unklar die Wirksamkeit diverser Impfstoffe, zu schlecht und ungenügend die Belieferung, zu langsam die Verimpfung. Die Corona-Pandemie ist die größte, globale Krise seit dem 2. Weltkrieg, zumindest das sollte inzwischen klar sein, und das Ausmaß der Krise und seiner Folgen ist noch nicht ansatzweise abschätzbar. Sollte die „Akutkrise“ mit Akutinfektionen und Akutmaßnahmen irgendwann abklingen (in 1, 2, 3… Jahren), wird eine massive Wirtschaftskrise folgen. Massive gesellschaftliche Krisen. Und eine massive soziale und psychologische Krise, deren Auswüchse bereits jetzt überall spürbar sind. Soziale Medien wie Twitter waren schon bisher ein Ort und Hort der kumulierten Asozialität, inzwischen sind sie nur mehr unerträglich. Als Ersatzhandlungen für die kollektive Ohnmacht gegenüber dem kleinen Virus, das kein Gesicht hat, werden täglich neue Schuldige gefunden und erfunden, gegen die virtuelle Instant-Revolutionen und Blitzkriege gestartet werden (auch „Shitstorms“ genannt), die eine saubere End-Lösung für alles bringen sollen. Am nächsten Tag sind sie meist verebbt, weil sie zumeist keinen realen Kern haben.

Diese Krise bereitet derzeit auch den Nährboden für Demagogien aller Arten und Formen, die man mit der Abwahl Trumps und dem Sturz diverser Rechtspopulisten abwendet gewähnt hatte. Kulturell-identitäre Krisen, die „Flüchtlingskrise“, die nie eine wirkliche Krise war, und die doch recht reale Klimakrise sind in ihren Ohnmachtserfahrungen nichts gegen die Corona-Krise. die akut, aktuell und allgegenwärtig ist und unsere Lebensmodelle in Frage stellt, abwürgt und/oder zerstört. Hunderte Jahre Zivilisation mit sich immer weiter intensivierendem Austausch, einem globalen Geflecht aus gegenseitigen Abhängigkeiten können derzeit nicht weiterexistieren, da der unsichtbare Feind es verunmöglicht: Reisen? Niente. Verwandte und Freunde besuchen? Eher nicht. Abends ausgehen, Party machen? Unmöglich. Kulturelle Aktivitäten, Kino, Theater, Oper, Konzerte? Undenkbar. Gastronomiebesuche? Geht nicht. All unsere Errungenschaften, für die unsere (zumindest westlichen) Vorfahren gekämpft hatten, die sie mühsam aufgebaut, etabliert, abgesichert haben, hinweggefegt. Was bleibt übrig?

**

Es fühlt sich an wie Krieg mit gesichtslosem Feind, ein passiver Krieg ohne Kampf, der nur aus Abwehr besteht. Abwehrkrieg. Verbunkern zuhause, verstecken, aussitzen, warten, bis die Alarmsirene aufhört, zu heulen. Und sie heult immer wieder auf, in Form von neuen Pressekonferenzen, Ankündigungen, Maßnahmen, Lockdowns. Draußen und in uns tobt dieser Krieg, der Gesellschaft und Geist zersetzt, der Wunden schlagen wird, die Jahre zu sehen sein werden. Wer beendet den Krieg? Wie ist er zu beenden? Friedensverhandlungen mit dem Feind? Wut, Trauer, Akzeptanz? Auslöschung des Feindes, der sich mit Kräften wehrt, neue Waffen erfindet und sich erneuert, sich immer wieder aufbäumt? Und woher kommt der Feind? Von weit her; und wer hat ihn geschickt? Wir wissen es nicht, nur das: Er ist da, und will nicht gehen.

**

Gibt es einen Ausweg? Derzeit nicht. Die Politik, deren Aufgabe genau das ist, tut alles mögliche, um ihre Bevölkerungen zu schützen. Viele, hunderttausende oder Millionen Menschenleben wurden dadurch gerettet. Die Wissenschaft tut alles mögliche, eine Waffe gegen diesen Feind zu finden, und tut das relativ schnell.

Aber können wir uns damit abfinden, begnügen, damit leben? Oder braucht es ein viel radikaleres Umdenken, neue Lebensmodelle, die uns derzeit noch unvorstellbar erscheinen? Eine völlig neue, weitgehend digitalisierte Arbeitswelt, ein streng reguliertes öffentliches Leben, das wenig Rücksicht auf Datenschutz oder andere Bedenken nehmen kann? Neue Ideen für die Kultur, die nur mehr in abgeschlossenen Glasboxen (öffentlich) genossen werden kann? Oder die (öffentliche) Gastronomie, ebenso? Was ist mit unserem sozialen Leben? Rückbesinnung auf kleine Gruppen, Familien, Freundeskreise, kleine, neue, tribale Zusammenschlüsse, die sich selbst versorgen? Es sind nur Ideen, und es gab schon viele gute, doch die Politik blockte diese bisher immer ab, unter Hinweis auf die Illusion, dass das alles „irgendwann, sehr bald vorbei sein wird“. Der Tag X, an dem das Virus verschwunden ist und alles so sein wird, wie davor. Wird es nicht.

Lost

The pain is Corona and nothing else

you suffer like hell but nothing dwells

there ain*t a way out, what is lost is lost

we may have hope, but our lives are crossed

//

Come back, come back, it will never be

some day we’ll build up, but it’s not to see

make peace with the pain, it ain’t so big

take what we have got, and take off the whig

//

Don’t torture yourself for what could have been

it is not, it’s gone, forever not seen

our life is hurt, we are small and weak

while people think they are loud and speak

//

All movements, ideology, just compensation

an attempt to feel powerful in this situation

progression, in mind, but in fact we are weak

God sent us a message, we should listen, not speak

//

We are small, we are lost and nature hit back

it is what it is, we just see the lack

we who think we are bigger than God

beaten by a small thing by a lot.

Sun

tired, dead, done, broke

fucked, empty, high, choke

nothing goes with the wind

no one and everyone sinned

/

high, hot, heated, bad

shouting, evil, inside, sad

gone away, and hit me low

stuck inside, no will to grow

/

sad, cold, down, depressed

i need a break, a time to rest

i’m resting now, we hurt our soul

living in peace was the goal

/

no need to control, no need to fear

it is what it is, and it is here

/

still, the pain of loss of life

pressing us down, floating the hive

alone now, ever, all, everyone

fucked up, by God, it is the Sun.

6.3.2021

Nr. 54: Es ist kompliziert.

Eigentlich hab ich gar keine Lust zum Schreiben. Und schon gar nicht irgendwas Sinnvolles. Wenn, dann etwas Persönliches, aber eigentlich hab ich das schon mit mir selbst ausgemacht. Fazit: Corona nervt. Menschen nerven auch, wegen Corona noch mehr. Weil sie genervt sind, von Corona. Ich nerve vielleicht auch. Mich nerve ich auch.

Man kann derzeit wenig tun, außer warten. Das Wetter wird wärmer, die Sonne geht auf, aber die Lokale bleiben zu. Noch. Bald nicht mehr, aber bald vielleicht wieder. Man kann drinnen sitzen und irgendwas tun. Man kann auch raus gehen und irgendwas tun. Aber man kann nicht wo hingehen und dort etwas tun. Nur irgendwas.

Alle sind gereizt, alle sind sensibel. Waren sie schon länger, aber nun noch mehr. Leute drehen durch und einem einen Strick aus etwas, das nichts war. Menschen radikalisieren sich und man muss aufpassen, was man sagt. Wenn man aufpassen muss, was man sagt, sollte man aufpassen: Eine gefährliche Entwicklung. Aus konstruktivem Diskurs wird destruktive Diskursvergiftung, und wer das Gift nicht trinkt, ist gefährlich. Denken viele. Weil fast alles es trinken.

Wir warten und wollen Sicherheit, doch die gibt es nicht. Es hieß so und so, dann und wann, sicher, ja, sicher, bald! Und nichts.

***

Idee: Warum befetzen sich Menschen ständig wegen Lappalien, legen Worte auf die Goldwaage, entfernen sich voneinander, grenzen sich ab, warum spalten sich unsere Gesellschaften ständig anhand dieser oder jener Linien? Weil es in einer globalisierten Welt keine klaren Trennlinien mehr gibt, keine Einteilung in „gut“ und „böse“. Früher war es Ost vs. West. Liberale Demokratien in Westeuropa vs. kommunistische Diktatur in Osteuropa. Zwei Weltbilder und Ideen, die sich voneinander abgrenzten und gegenseitig bedingten, was Orientierung und Halt gab, Sicherheit für die Bevölkerung dieser oder jener Seite, auf der „richtigen“ Seite zu stehen.

Seit 1989 ist das Geschichte, der Westen hat triumphiert und seinen Sieg gut 1.5 unbeschwerte Jahrzehnte ausgekostet, in denen Francis Fukuyama „Das Ende der Geschichte“ und den finalen Triumph des westlichen Lebensmodells proklamierte. Denkste. Dann kam 9/11 und die islamische Welt als neues Feindbild (durchaus auch: vice-versa), von dem es sich abzugrenzen galt. In Russland Putin mit seiner Neo-Diktatur.

Dann aber: Die immer weiter fortschreitende Globalisierung, Vernetzen von allem mit allem, Digitalisierung, Gleichzeitigkeit von allem und unterschiedlichen Lebensentwürfen: Ein unübersichtliches Feld, das kaum Halt gibt. Allein dadurch lässt sich die neu aufflammende Obsession mit „Identitäten“, also Neo-Tribalismus, links wie rechts erklären.

Keine klar geordnete Welt, kein Lebensmodell, in das grundsätzliches Vertrauen herrscht, viele Lebensmodelle, wild durcheinander, Überforderung, Versuch der Ordnung durch radikale Abgrenzung, Diskreditierung (Flüchtlinge, Ausländer, „Islamismus“, aber auch: „alte weiße Männer“, Patriarchat, „Rechte“, „Rassisten“, „unwoke“ etc.) und Absolutierung der eigenen Weltsicht, die richtig ist, weil sie empfunden wird: Kompensation. Polarisierung. Der „Feind“, der früher weit Weg im Außen war, ist nun im Innen, und muss bekämpft werden: Zerfall von Gesellschaften, vor unseren Augen.

***

Eigentlich geht es mir ganz gut. Ich habe viel zu tun und bin gestresst, habe leichte Kopfschmerzen, aber ich mache das gut.