Archiv der Kategorie: Diary

14.4.2022

Nr. 68: Rette sich, wer kann!

Es ist vergleichsweise einfach und üblich, in Krisenzeiten und Zeiten der Überlastung auf verschiedene Verdrängungsmechanismen zurückzugreifen: Wer vom Job überfordert ist, reagiert mit Trotz, Streit mit dem Chef, lässt seinen Frust zuhause aus oder beginnt zu trinken; wer mit seiner Beziehung unzufrieden ist, treibt sich im Nachtleben herum, verliert sich in Fantasien oder beginnt eine Affäre; wer mit seinem Leben unglücklich ist, kauft sich Dinge, reist umher, zieht um, gibt Geld aus, will jemand anderer sein. All das gehört zum Leben, laut Freud sind Verdrängungsmechanismen nicht per se pathologisch oder neurotisch, sondern gehören in gesundem Ausmaß zum zentralen Repertoire des psychisch-kognitiven Apparats.

Klar, es kommt wie immer auf das Maß und Ausmaß an. Wer ein paar mal „einen über den Durst trinkt“, um seinen Gedanken oder seiner Wirklichkeit zu entfliehen, ist noch kein Alkoholiker, und gelegentliche Pausen von der Realität braucht jeder: Um gesund zu bleiben, ist es nötig, von Zeit zu Zeit aus der Zeit herauszutreten.

Wer allerdings die Verdrängung nicht zur Ausnahme, sondern zur Norm macht, ist krank.
Die reale Wirklichkeit wird ersetzt durch eine Schein-Realität, die auf den ersten Blick erträglicher wirkt (und das meist auch ist). Dieser Mechanismus ist so alt wie die Menschheit und kann mannigfaltige Formen annehmen. Gefährlich wird es insbesondere dann, wenn viele Menschen zum selben Zeitpunkt in Bezug auf die gleichen Phänomene Verdrängung und Verfälschung üben. Das Resultat sind Verschwörungstheorien und Massenverblendung, Demagogen arbeiten bewusst damit. Doch auch ohne „charismatischen Führer“ kann sich eine kollektive (Selbst)Manipulation einstellen, wenn nur genügend Menschen lange genug daran üben.

Wir beobachten diese Vorgänge seit Jahren, in gesteigerter Intensität: Den Beginn machten Rechtspopulisten mit ihren Erzählungen vom „Bevölkerungsaustausch“ und der „Überfremdung“, die Europa zerstören würden. Passiert ist bekanntlich nichts. Die nächste Stufe waren Trump und Kollegen mit unabsichtlich-absichtlicher Verbreitung von „Fake News“, „alternativen Fakten“ und Scheinwirklichkeiten, die ins eigene Weltbild passten, Macht sicherten oder persönliche Neurosen stillten. Aus der Ferne war klar: Wahnsinn, in Europa hat niemand (außer einer kleinen, im Endeffekt unbedeutenden Minderheit) den Schwachsinn geglaubt, der 4 Jahre aus dem Weißen Haus kam. In den USA sah und sieht die Lage anders aus, Nähe und Betroffenheit machen direkt betroffen und die Distanzierung umso schwerer.

Dann kam Corona: Zuerst eine Rückkehr zum Faktischen, Hören auf die Wissenschaft und empfohlene Maßnahmen, das Eingeständnis der Politik (großer Teile der Politik), selbst machtlos zu sein und Experten vertrauen zu müssen. Die Pandemie konnte so phasenweise unter Kontrolle gebracht werden.

Schon zu Beginn gab es Menschen und Gruppen, die gegen ihren Schutz (und den ihrer Mitmenschen) protestierten: Oft (aber nicht immer) waren es Rechte, Menschen, die bereits die Jahre zuvor ihr Mindset auf das Entwerfen „altenativer Realitäten“ geschult hatten, gepaart mit Schwäche und mangelnder Resilienz und Anpassungsfähigkeit. „Es kann nicht sein, dass mir jemand mein Leben verbietet!!“ – denn das Virus, den Feind, sah man ja nicht, insofern war es besonders einfach dessen Gefährlichkeit auszublenden. Würden diese Menschen auch auf die Straßen gehen und dort Partys feiern (wollen), wenn es Bomben hagelte und Menschen offensichtlich stärben, sie die Gefahr direkt SEHEN könnten? Wohl kaum. Obwohl: Der Herr im Kreml erprobt aktuell ein vergleichbares Experiment an seiner Bevölkerung.

Wie auch immer: Menschen, die zu Beginn der Pandemie so dachten uns sprachen, galten als Verharmloser, Leugner, Lügner, Idioten, und das waren sie ja auch. Vor einem Jahre bereits kam etwas ins Rutschen, spätestens seit dem Jahreswechsel 2022 ist die Meinung der Leugner mehrheitsfähig, nicht nur in der Bevölkerung, auch aufseiten der Politik. Es geschieht eine Massenleugnung und selbst induziertes Wunschdenken auf kollektiver Ebene, das aus abnehmender Resilienz und der Unfähigkeit entspringt, die Realität als das zu erkennen, was sie ist: schrecklich. In gewisser Weise ist die Mehrheit der Bevölkerung heute auf das geistige Level der Querdenker degeneriert, die vor einem Jahr noch deren erklärte Feinde waren.

Natürlich, die Lage ist jetzt eine andere als vor 2 Jahren oder vor einem Jahr: Das Virus hat sich verändert, viele Menschen sind geimpft. Doch anstatt die Maßnahmen schrittweise und vorsichtig und der Gefahr angemessen zu reduzieren, um auch an den Ansteckungs- und Todeszahlen oder dem persönlichen Sicherheitsgefühl ablesen und spüren zu können, dass sich die Lage zumindest etwas gebessert hat, musste alles niedergerissen werden. Mit Anlauf wurden Maßnahmen bis zu dem Ausmaß aufgehoben, um auf jeden Fall die selbe Krankenhausbelastung und die gleichen Todeszahlen zu garantieren, wie in den Wellen 2020 und 2021. Teilweise konnten die Zahlen sogar übertrumpft werden.

Warum das? Weil um das Jahresende 2021 mit vielen Menschen etwas passiert ist, das sich durch psychische Faktoren erklären lässt. Sie sind schlicht ge- und zerbrochen, ihre Fähigkeit, mit der Situation, der Krise, also der Realität umzugehen war erschöpft – und sie flüchteten sich in die eine oder andere Wahnvorstellungen. Der Mechanismus ist der selbe wie jener der Querdenker zu Beginn der Pandemie, die Inhalte sind ebenso die gleichen: „nur eine Grippe“, „ungefährlich“, „Freiheit“, „ich lasse mich nicht einsperren“, „schau nur nach Land xyz!“. Die weiterhin sehr reale Bedrohung wird negiert, verdrängt, indem Argumente gefunden werden, diese in Abrede zu stellen und zu widerlegen. Das Problem: Es sind Lügen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.

Was passiert, wenn sich große Teil der Bevölkerung belegbar falschen Deutungen der Realität hingeben, dafür gibt es in der Menschheitsgeschichte genügend Beispiele. Wer einmal mit der Lüge beginnt und ihr glaubt, kann sich schwer von ihr befreien. Wie war das mit der Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Österreich, der Umgang mit anderen Demagogen in anderen Ländern und dem Schaden, den sie angerichtet haben? Am Ende wollte keine „dabei gewesen sein“ oder „etwas gewusst haben“.

Man kann nur hoffen, dass viele der Neo-Querdenker, die von „Freedom Day“ und dem „Ende der Pandemie“, vom „ungefährlichen Omikron-Virus“ und der „Rückkehr zur Realität“ schadronieren möglichst bald mit der Realität konfrontiert werden: Sei es durch Krankheit. Oder durch den Tod. In zweiterem Fall ist es dann halt etwas zu spät für Erkenntnis.

6.3.2022

Nr. 67: Krieg.

Krieg in Europa. Lange Zeit undenkbar, nun Realität.

Dass es so kommen musste, war jedem klar, der politische und gesellschaftliche Entwicklungen im „Westen“ der letzten Jahre aufmerksam und kritisch verfolgt hat. Dass es trotzdem eine Tragödie ist, die uns um ca. 90 Jahre in der Zeit zurückversetzt, ist ebenso klar.

Es ist Horror, Fernsehbilder zu sehen, von zerbombten Häusern, toten Menschen, in Kellern verschanzten Kindern – und das alles in unmittelbarer Nachbarschaft. Das wäre dann auch der Unterschied zu den Konflikten in Syrien, dem Irak etc., denn das ist vergleichsweise „weit weg“ und betrifft uns nicht direkt. Insofern ist es auch seltsam, wenn von einigen moniert wird, dass die Menschen hierzulande nun plötzlich Solidarität zeigen und helfen wollen, während das in Bezug auf andere Konfliktherde insb. in den letzten Jahren nicht (mehr) der Fall war. Das wäre, als würde man von Südkoreanern fordern, vom Russland-Krieg ebenso betroffen zu sein als von den Atomtests des Nachbarn im Norden. Manchmal lassen sich gewisse Dinge ganz pragmatisch erklären und nicht durch Schlagworte wie „Rassismus“ u.Ä.

Was soll man zu all dem sagen? Oft fehlen die Worte und man will, kann nichts sagen. Und muss vl auch nicht. Es wurde und wird ohnehin zu viel geredet, vA in „sozialen Medien“. Man darf auch einfach schockiert sein, sprachlos, innehalten, traurig sein und nicht mehr weiterwissen.

***

All das kostet Kraft, ein Nullpunkt ist erreicht, der unvermeidbar war. Nach null kommt eins, also Produktion und Materie, die anders aussehen wird als all das, das uns die letzten paar Jahre umgeben hat. Das muss nicht schlecht sein. Die Sonne schien zu hell und anstatt die Schatten zu sehen, die sie warf, wollten sie viele noch heller drehen. Utopie, immerwährendes Licht, Erleuchtung, Illusion. Ihre Welt bricht nun am meisten zusammen, sie werden diesen Krieg nicht überleben.

Es gibt keinen Ausweg, keine Flucht vor der Realität, Träume zerplatzen und falsche Ideologien lösen sich in Luft auf. Namen sind unwichtig, Bilder sprechen Worte und Worte sprechen Taten, die unumkehrbar sind, bis Taten wieder Worte sprechen.

21.2.2022

Nr. 65: Wahnsinn.

Die Frage stellt sich, was es bringen mag, über etwas zu schreiben, das bereits verloren ist. Die Menschheit hat sich verloren, in einem Sumpf aus Selbstverleugnung, Verdrängung und Re-Barbarisierung. Wie in allen unaufgeklärten Zeitaltern ist das den Menschen nicht bewusst, sonst würden sie sich anders verhalten. Neu ist das nicht, enttäuschend aber trotzdem, und umso gefährlicher in der aktuellen, globalen Krisenphase.

Statt Aufklärung erleben wir im Moment Verklärung, Populismus und Demagogie, die sich – wie immer – als „Heilmittel“ und „finale Lösung“ ausgeben. Aufhebung aller Corona-Maßnahmen? Bitteschön, her damit, die Pandemie ist vorbei! So nachvollziehbar der Wunsch ist, es ist schlichte Realitätsverweigerung. Man müsste nur auf die (meisten) Virologen, Mediziner, Wissenschaftler hören und wüsste, dass dem nicht so ist. Auch wenn die aktuell dominierende Omikron-Variante weniger „gefährlich“ ist, die Ansteckungszahlen sind immer noch hoch wie nie, die Krankenhausbelegungen verschieben sich von der Intensiv- in die Normalstationen, die überfüllt sind, die Todeszahlen sind hoch. Erkenntnisse aus Ländern wie Israel und Dänemark – mit nachweislich hohen Impfquoten – zeigen, dass bei Aufhebung der Maßnahmen die Zahlen weiter nach oben gehen, die Hospitalisierungsraten und Todeszahlen Rekordwerte erreichen. Was ist daran „besser“, nur weil es durch eine weniger gefährliche Mutante zustande kommt?

Außerdem ist es ein Trugschluss, davon auszugehen, dass alle kommenden Virus-Varianten nun „immer harmloser“ werden. Wir erinnern uns: Die ursprüngliche Variante zu Beginn der Pandemie war weniger ansteckend und letal als die folgende Delta-Variante, ebenso kann die kommende gefährlicher sein als die nun vorherrschende Omikron-Variante. Es gibt keine Gesetzmäßigkeit zur regressiven Mutation von Viren, der nächste Sand, der den Menschen in die Augen gestreut wird. Die nächste Welle kommt sicher, spätestens im Herbst, und dass überbordender Leichtsinn im wahrsten Sinne des Wortes tödlich ist, haben wir letzten Herbst gesehen, als davor auch so getan wurde, als sei es „nun vorbei“. Und das bei weitaus geringeren Infektionszahlen.

Mit Vollgas auf den Abgrund zu: Das ist keine Panikmache, sondern Realität. Die Menschen laufen dankbar nach, illusorische Freiheit ist für viele erträglicher als Realität und mit der Anerkennung derselben verbundene Selbstbeschränkung. Dass Staaten der Reihe nach (alle) Maßnahmen aufheben (also kapitulieren), ist nur auf der ersten Blick ein Werkzeug, das „Vertrauen“ in die Politik wiederherzustellen. Anstatt des Richtigen wird das als richtig Empfundene getan, die Abkehr vom Faktischen und der kollektive Absturz in „alternative Wahrheiten“. Trump hat es vorgemacht.

Am Ende bleibt keine Hoffnung mehr. „If you can’t make it, fake it.“ Falsche Hoffnungen werden geschürt, Opium für das Volk, um zu überleben. Die Krisen-unerprobten post-Krieg-Generationen zerbrechen an nicht vorhandener Resilienz, statt (darwinistischer) Anpassungsleistung wird Abwehr und Verdrängung geübt. Das mag auf den ersten Blick die einfachere, angenehmere Lösung sein, auf Dauer ist es katastrophal. Spätestens mit der nächsten Virus-Welle folgt die Konfrontation mit der Realität, dann wird es aber schon zu spät sein. Es heißt, „die Hoffnung stirbt zuletzt“. Sie ist bereits gestorben. Die Frage bleibt, was nach der Hoffnung kommt?

16.6.2021

Nr. 59: Verloren.

Ich sehe, dass der letzte Eintrag hier 1.5 Monate her ist. Macht Sinn. Warum seitdem nichts mehr? Weil ab dann absehbar war, dass tatsächlich Öffnungsschritte kommen würden bzw. diese auch tatsächlich kamen. Alleine mit der Perspektive änderte sich das Empfinden, da es eine gab. Nachdem die Perspektive zur Realität geworden war, unternahm ich ganz gezielt mehreres Sachen, um mich selbst zu therapieren, die Tanks wieder zu laden, die Corona-Depression von davor zu kurieren. Das hat ganz gut geklappt, seit mehreren Wochen ist die Stimmung spürbar besser. Nicht mehr jeder Tag fühlt sich wie ein Überlebenskampf an, ein Strampeln gegen das Ertrinken.

Und trotzdem: Irgendetwas ist anders. Es ist nicht wie davor. Auch nicht wie letzten Sommer. Zu viel ist passiert. Privat viel Gutes, und wer weiß, wie es mir ginge ohne dem. Aber abgesehen davon: Alles Mist. Erst keine Arbeit, dann wenig, dann mehr, aber keine Motivation, weil vieles weiterhin unklar. Die Menschen am Ende, durchgedreht, jene, die das nicht schon während des letzten Mega-Lockdowns getan hatten, machen es jetzt. Kein Diskurs mehr, kein Respekt, kein Anstand, nur Hass – zu sehen selbst bei unserer „Führung“, der Spitze des Staates, der Politik. Ein Trauerspiel.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, von dieser Verrohung, diesem Rückfall in die Barbarei, auf allen Ebenen. Man kann sich nur abwenden. Es ekelt mich. Es ist alles egal. Warum noch Würde bewahren? Schauspielerkollegen, die sich gegenseitig die Pest an den Hals wünschen, weil der andere Dinge etwas anders sieht. Wo ist die Toleranz, die so viele (scheinbar) predigen? Wasser predigen und Wein flaschenweise trinken. Ein Graus.

Die Gesellschaft ist zerfressen von Missgunst, Hass, Egoismus, Narzissmus, niemand tut etwas dagegen, alle sehen dabei zu. Soll man das verstehen können? Wegen der Krise geht es keinem gut, post-Corona-Depression, was auch immer? Aber wer steht auf, wer führt und leitet durch gutes Beispiel? Nicht die Politik, die hat versagt. Vielleicht nicht bei der Bekämpfung der Krise, aber bei der Vorbildfunktion.

Es ist deprimierend, die schönsten Blumen können nicht wachsen auf verdorbenem Boden, zwischen Unkraut. Blumen, das sind Hoffnung und Leben, das andere die Realität.

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Was wird verloren sein? Was wird nie mehr zurück kommen? Was ist kaputt gegangen? Vieles, vieles. Wer baut es wieder auf, wer bringt es zurück? Niemand. Lost Generation.

26.4.2021

Nr. 58: Emotio.

Ich wusste nicht, ob ich heute etwas schreiben würde, und worüber. Die #allesdichtmachen-Geschichte scheint mir auserzählt und langsam kriegen sich die Leute wieder ein, und ich muss mich da nicht immer mit so schwerem Zeugs befassen. Mir wird öfter gesagt, ich wäre zu rational, zu kontrolliert, zu „kalt“, wobei ich nicht sicher bin, ob das nur mit mir zu tun, oder auch mit anderen. Jedenfalls aber fällt es mir schwer, Emotionen zu zeigen, bevor ich etwas sage, denke ich nach, und Emotionen werden erst kommuniziert, wenn sie intern beachtet und betrachtet worden waren. Das ist mühsam, aber auch vernünftig, aber auch etwas lebensfremd.

Kontrolle ist das Stichwort, und kontrollieren können, auch sich selbst, ist wunderbar. „Kontrolliert“ heißt das, wiegt einen in Sicherheit, hebt einen über andere, die ihren Emotionen ausgeliefert sind, wie Tiere. Instinkte. Oder so. Oder echt? Ich weiß nicht, ich kann meine Ideale ideengeschichtlich und philosophisch begründen, stört es MICH denn, leide ich darunter? Nicht wirklich. Leiden andere darunter? Ich weiß es nicht, möglich, zeitweise. Mir scheint das Problem zu sein, dass jemand, der sein Leben mit der ratio steuert, wenig fühlt, wenig Negatives, aber auch wenige Positives. Das mag ein Problem sein.

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Warum diese Gedanken vorweg? Ich weiß es auch nicht, nur so, weil ich schreiben möchte, und meinen Gedanken freien Lauf lasse. Loslassen, Kontrolle abgeben, nicht alles muss klug und perfekt und vollendet sein, nein. Wie bin ich eigentlich auf das Thema gekommen? Ich vermute, aufgrund der Frage, wie ich mit der Corona-Krise umgehen soll, die ich mir stelle und sich immer mehr Menschen stellen. Es ist frustrierend, deprimierend, beschissen, fatal, traurig, furchtbar, schrecklich und zu viel. Alles. Die Gefahr, die allerdings haben wir inzwischen ganz gut unter Kontrolle, ich sorge mich wenig darum. Zu viel ist mir, dass wir kein Leben mehr haben, kein Leben wie davor, keine Möglichkeiten, aktiv das Leben zu gestalten, nach draußen zu gehen, Initiative zu zeigen, unsere Spuren in der Welt zu hinterlassen. Denn wir sind eingesperrt, zu Hause, alles ist auf Stopp, nichts geht, nichts geht, nichts geht. Müde, tot, Ende, fatal, träge, müde, nichts, besiegt?

Emotion, ich versuche, nicht das zu sagen, was klug, richtig, wichtig ist oder richtig ankommt, sondern das, was ich fühle. Es ist OK, dass ich das fühle. Ich. Ich. Und niemand sonst. Und ich muss mich nicht darum kümmern, was andere fühlen. Nein. Nicht.

Wie geht all das weiter? Ich weiß es nicht, und ich muss es nicht wissen. Ich mache das Beste draus, ich probiere, nehme an, was ich habe, tue, was ich tun kann, flüchte, wenn ich flüchten kann, genieße, wenn ich genießen kann. Aber darf auch leiden, liegen, verzweifeln, müde sein, genug haben, wütend sein und all das hassen. Das ist auch OK. Solange das OK ist, kann nichts passieren.

24.4.2021

Nr. 57: Zynismus und Empathie.

Die #allesdichtmachen – Aktion beschäftigt mich immer noch, obwohl ich gestern entschieden habe, mich nicht mehr damit zu beschäftigen. Die Teilnahme an der „Debatte“ ist bis auf weiteres wirklich unmöglich und sinnlos, da es keine Debatte gibt und nie gab, nur die Aktion auf der einen Seite, eine wütende Meute auf der anderen Seite, und dazwischen ein trauriges Schauspiel, bei dem die sonst oft so einmütig bis konform auftretende Kunstszene auseinanderbricht, sich gegenseitig beharkt, ehemalige Freunde und Kollegen sich über Videos hässlichste Botschaften ausrichten und einen Keil durch eine Branche treiben, die von der Corona-Pandemie betroffen ist wie kaum eine andere.

Was nötig wäre? Einheit, breiter Protest, die Forderung nach Ideen und Konzepten – in Österreich zumindest wird das inzwischen ansatzweise von der Politik gehört, in Deutschland gar nicht, warum der Protest dort umso schärfer und die „Debatte“ umso hässlicher verläuft. Es sind Neid, verletzte Eitelkeiten, Kränkungen, Moraldünkel, Wut und Hass, die den Kampf (von Debatte ist nicht mehr zu sprechen) befeuern, ohne Aussicht auf Mäßigung, Einhalt oder Konsens. Die Entwicklung spielt vor, was wir als gesamte Gesellschaft zu erwarten haben.

Mich persönlich besorgt weniger, dass sich ein Kollege in seiner Videobotschaft im Ton vergreift, dass der eine das gut oder schlecht findet, dass es unterschiedliche Ansichten zum Umgang mit dieser Krise gibt, sondern dass unsere Gesellschaften an einem Punkt angelangt scheinen, wo sie diese unterschiedlichen Ansichten nicht mehr auszuhalten scheinen. Ist das ein Vorbote auf den Endpunkt der liberalen Gesellschaft, der Demokratie mit Meinungsvielfalt und -freiheit? Möglich. Ab dem Zeitpunkt, wo es nur noch schwarz und weiß gibt, gut und schlecht, richtig und falsch, und das alles absolut, ist die Zivilisation am Ende, und die Barbarei regiert. Sind wir bereits dort angekommen?

Ich kann mich auch deshalb nicht mehr an der Auseinandersetzung beteiligen, weil ihr jegliche Charakteristika eines zivilisierten argumentativen Austausches fehlen. Ich kann nicht anders diskutieren, als unter der Annahme, dass mein Gegenüber eine Meinung hat, die für ihn ebenso richtig ist wie meine für mich, und dass seine Meinung die gleiche Berechtigung hat wie meine – und dass er oder sie das ebenso sieht. Dies ist nicht mehr gegeben, also erübrigt sich jeder Diskurs. Alles, das bleibt, ist (verbale) Gewalt und Hass.

Die wenige Hoffnung, die bleibt, ist, dass es noch vereinzelt einige Menschen gibt, die Interesse am Diskurs haben, am sowohl-als auch, die sehen, dass der andere ist, wie er, und umgekehrt, nicht besser, oder schlechter, oder böser, oder sonst was. Es ist inzwischen eine verschwindende Minderheit, aber es gibt sie, diese Menschen, egal, wie sie sich politisch verorten – wobei das, wie wir spätestens seit gestern wissen, inzwischen ohnehin völlig irrelevant geworden ist.

Alles, um das es noch gehen kann, ist Empathie und Menschlichkeit. Und dass diese unterschiedlich aussehen kann. Nein, die eine ist nicht besser und „höherwertiger“ als die andere. Dass sogar auf dem Rücken von Kranken, Toten, Arbeitslosen u.a. Moralspiele abgehalten werden, ist ein einziges Armutszeugnis. Das Argument der #allenichtganzdicht-Fraktion ist, dass durch Kritik und Infrage-Stellen der Maßnahmen Menschen sterben bzw. gefährdet werden und das Corona-Leid ignoriert wird. Das scheint mir zu kurz gedacht, ich will dem Großteil der #allesdichtmachen-Fraktion nicht unterstellen, dass ihnen auf der Intensivstation Liegende egal sind. Ich vermute, dass sie ihren Blick wo anders hin richtet.

Ich weiß es aber nicht, und kann nur für mich sprechen: Meine Empathie gilt neben den Erkrankten und Angehörigen von Verstorbenen jenen in der Kunst- und Kulturbranche, die ihre Jobs verloren haben, die am Hungertuch nagen, die keine Perspektive haben, denen ihr Beruf und ihre Berufung genommen wurde; und jenen, die seit mehr als einem Jahr psychisch unter dieser Krise leiden, an ihre Belastungsgrenzen kommen oder darüber hinaus, nicht mehr weiterwissen, egal, ob sie schon davor Probleme hatten, oder jetzt der „Corona-Depression“ verfallen sind. All jene brauchen eine Perspektive, wir wissen, dass nicht der „Tag X“ kommen wird, an dem „alles vorbei“ ist, dass uns dieses Virus noch Monate oder Jahre begleiten wird. Und wer ernsthaft meint, die einzige Lösung wäre Lockdown auf Lockdown auf Lockdown ohne Pause, nimmt damit Kollateralschäden in Kauf, die sich den Schäden durch das Virus an sich immer mehr annähern – oder diese schon überschreiten. Es muss eine Abwägung geben, einen Mittelweg zwischen Schutz vor dem Virus und Freiheit, zwischen Sicherheit und Leben, zwischen notwendigen Maßnahmen und den Schäden, die diese Maßnahmen verursachen. Nach über einem Jahr Pandemie müsste man von der Politik erwarten können, diese Abwägungen treffen und Lösungen finden zu können.

Es geht also um Empathie, und weil meine Empathie den arbeitslos Gewordenen, den psychisch Belasteten, den ihres Alltags Beraubten gilt, die nicht mehr weiterwissen bin ich deswegen nicht „schlechter“ als jene, deren Fokus auf den Erkrankten liegt, und schon gar kein „Zyniker“. Empathie braucht es für alle, und es ist gut, wenn sich jeder über das und die Gedanken macht, was ihm persönlich am nächsten ist.

Und warum beschäftigen mich die Themen Kunst, Kultur, psychisches Befinden, soziale Aspekte der Krise usw.? Weil ich eben da am nächsten dran bin und mich persönlich diese Aspekte auch treffen. Ich kenne bisher wenige, die an Corona erkrankt sind, und die, die es erwischt hat, haben es alle, zum Glück, mehr oder weniger gut überstanden. Ich kenne bisher niemanden, der daran gestorben ist. Aber ich kenne sehr, sehr viele, die durch die Krise ihren Job verloren haben, ihm nicht mehr wie gewohnt nachgehen können, denen ihr Alltag fehlt, ihre Tagesstruktur, ihr Leben, ganz allgemein eine Perspektive, wie es weitergehen soll. Und die psychisch mehr und mehr unter all dem leiden, je länger es dauert. Und ja, diesen Menschen zu sagen, „deine Probleme sind unwichtig“, „schau auf die Intensivstationen!“ oder „reiß dich mal zusammen“ – das ist wirklich zynisch.

23.4.2021

Nr. 56: WTFFF?!

Eigentlich dachte ich, nach meinem letzten Eintrag kann es nimmer schlimmer werden. Gestern/heute wurden wir eines Besseren belehrt: Eine Gruppe durchaus bekannter Schauspieler von untadeligem Ruf wagte es, in ironischen, satirischen bis zynischen Video-Beiträgen auf die triste Lage ihrer Branche und die Perspektivenlosigkeit bezüglich Corona ganz allgemein (die in Deutschland noch um einiges größer ist als in Österreich) hinzuweisen. Reaktion? Shitstorm mit Tenor: „Das sind alles Nazis!“ Größen wie Heike Makatsch, Niki Ofczarek, Jan Josef Liefers oder Manuel Rubey werden es danken. Oder sich ungläubig die Augen reiben. Denn durch Querdenker-Querulantie oder Nazitum waren sie bisher wirklich nicht aufgefallen – im Gegenteil.

Es ist die letzte Eskalation eines völligen Verfalles jeglicher Debattenkultur, die sich nunmehr ausschließlich in verbaler Gewalt ergeht und sich von jeglichen Fakten und Maßstäben befreit hat: Wer gestern noch als progressiver Bobo-linker flüchtlingsklatschender Moralapostel galt, gilt heute als rechtsradikaler Neonazis. Wie absurd, ja: krank das alles inzwischen ist, fällt offenbar immer weniger Menschen auf. All das ist auch Ausdruck einer gereizten, überreizten, belasteten und überlasteten Gesellschaft, was in gewisser Weise das Anliegen des #allesdichtmachen – Protests bestätigt: Eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, sich streitlustig, aber friedvoll darüber zu verständigen, wie man leben möchte, ist am Ende – und braucht dringend neue Lösungen und Alternativen.

Es ist eigentlich ja sinnlos, sich über all das aufzuregen, Gedanken zu machen, sich darüber den Kopf zu zerbrechen oder an diesen toxischen Diskussionen teilzunehmen, da sie zu nur noch mehr Hass und Spaltung führen. All jene, die aktiv Öl ins Feuer gießen, müssen sich dessen bewusst sein, und dass sie irgendwann dafür zur Verantwortung gezogen werden. Ich persönlich konnte mich heute den halben Tag, bis jetzt eben, beruflich bedingt nicht aus dem Ganzen raushalten, werde es aber ab jetzt tun, da es nichts bringt.

Ich will mich stattdessen selbst um die Alternativen kümmern um mir darüber Gedanken machen, was ICH tun kann, in meinem Alltag, in meinem Leben, um mit der neuen Corona-Normalität irgendwie klar zu kommen. Was wäre das? Mehr Zeit mit den Liebsten verbringen etwa. Raus gehen, wenn es schön ist. In die Sonne setzen. An den See legen. Ab und an Menschen treffen, am besten auch draußen, denn da ist die Gefahr am geringsten. Bücher lesen, ganz bewusst, zu bestimmten Zeiten, dadurch dem Alltag entfliehen, auf andere Ideen kommen, Inspiration finden. Filme schauen, ebenso bewusst, mit Muße, alleine oder in Gesellschaft. Spazieren gehen. Kochen. Schreiben. Telefonieren. Freunde kontaktieren, von denen man lange nichts mehr gehört hat, fragen, wie es ihnen geht. Etwas Neues lernen, genießen, sich Ruhe gönnen.

Es gibt sie, die Ideen, das Schöne, das trotz allem möglich ist. Auch, wenn das Andere, das Alte fehlt, schmerzlich vermisst wird. Doch es wird so schnell nicht wieder zurückkommen. Das ist Fakt. Und wenn schon die Politik nicht in der Lage ist, das zu akzeptieren und alternative Lebenskonzepte, Kulturkonzepte, Wirtschaftskonzepte anzubieten, dann müssen wir das eben selbst tun. Denn wir sind nicht alleine – trotz allem.

1.4.2021

Nr. 55: WTF.

Langsam reichts. Mit Corona meine ich. Was ist die Perspektive? Keiner weiß es, denn es gibt keine. Alle Pläne und Vorhaben: In den Sand gesetzt, unmöglich, verschoben, aufgehoben. Impfung? Wird wohl einiges erleichtern, aber die Pandemie nicht brechen, zu vielfältig inzwischen die Mutationen, zu unklar die Wirksamkeit diverser Impfstoffe, zu schlecht und ungenügend die Belieferung, zu langsam die Verimpfung. Die Corona-Pandemie ist die größte, globale Krise seit dem 2. Weltkrieg, zumindest das sollte inzwischen klar sein, und das Ausmaß der Krise und seiner Folgen ist noch nicht ansatzweise abschätzbar. Sollte die „Akutkrise“ mit Akutinfektionen und Akutmaßnahmen irgendwann abklingen (in 1, 2, 3… Jahren), wird eine massive Wirtschaftskrise folgen. Massive gesellschaftliche Krisen. Und eine massive soziale und psychologische Krise, deren Auswüchse bereits jetzt überall spürbar sind. Soziale Medien wie Twitter waren schon bisher ein Ort und Hort der kumulierten Asozialität, inzwischen sind sie nur mehr unerträglich. Als Ersatzhandlungen für die kollektive Ohnmacht gegenüber dem kleinen Virus, das kein Gesicht hat, werden täglich neue Schuldige gefunden und erfunden, gegen die virtuelle Instant-Revolutionen und Blitzkriege gestartet werden (auch „Shitstorms“ genannt), die eine saubere End-Lösung für alles bringen sollen. Am nächsten Tag sind sie meist verebbt, weil sie zumeist keinen realen Kern haben.

Diese Krise bereitet derzeit auch den Nährboden für Demagogien aller Arten und Formen, die man mit der Abwahl Trumps und dem Sturz diverser Rechtspopulisten abwendet gewähnt hatte. Kulturell-identitäre Krisen, die „Flüchtlingskrise“, die nie eine wirkliche Krise war, und die doch recht reale Klimakrise sind in ihren Ohnmachtserfahrungen nichts gegen die Corona-Krise. die akut, aktuell und allgegenwärtig ist und unsere Lebensmodelle in Frage stellt, abwürgt und/oder zerstört. Hunderte Jahre Zivilisation mit sich immer weiter intensivierendem Austausch, einem globalen Geflecht aus gegenseitigen Abhängigkeiten können derzeit nicht weiterexistieren, da der unsichtbare Feind es verunmöglicht: Reisen? Niente. Verwandte und Freunde besuchen? Eher nicht. Abends ausgehen, Party machen? Unmöglich. Kulturelle Aktivitäten, Kino, Theater, Oper, Konzerte? Undenkbar. Gastronomiebesuche? Geht nicht. All unsere Errungenschaften, für die unsere (zumindest westlichen) Vorfahren gekämpft hatten, die sie mühsam aufgebaut, etabliert, abgesichert haben, hinweggefegt. Was bleibt übrig?

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Es fühlt sich an wie Krieg mit gesichtslosem Feind, ein passiver Krieg ohne Kampf, der nur aus Abwehr besteht. Abwehrkrieg. Verbunkern zuhause, verstecken, aussitzen, warten, bis die Alarmsirene aufhört, zu heulen. Und sie heult immer wieder auf, in Form von neuen Pressekonferenzen, Ankündigungen, Maßnahmen, Lockdowns. Draußen und in uns tobt dieser Krieg, der Gesellschaft und Geist zersetzt, der Wunden schlagen wird, die Jahre zu sehen sein werden. Wer beendet den Krieg? Wie ist er zu beenden? Friedensverhandlungen mit dem Feind? Wut, Trauer, Akzeptanz? Auslöschung des Feindes, der sich mit Kräften wehrt, neue Waffen erfindet und sich erneuert, sich immer wieder aufbäumt? Und woher kommt der Feind? Von weit her; und wer hat ihn geschickt? Wir wissen es nicht, nur das: Er ist da, und will nicht gehen.

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Gibt es einen Ausweg? Derzeit nicht. Die Politik, deren Aufgabe genau das ist, tut alles mögliche, um ihre Bevölkerungen zu schützen. Viele, hunderttausende oder Millionen Menschenleben wurden dadurch gerettet. Die Wissenschaft tut alles mögliche, eine Waffe gegen diesen Feind zu finden, und tut das relativ schnell.

Aber können wir uns damit abfinden, begnügen, damit leben? Oder braucht es ein viel radikaleres Umdenken, neue Lebensmodelle, die uns derzeit noch unvorstellbar erscheinen? Eine völlig neue, weitgehend digitalisierte Arbeitswelt, ein streng reguliertes öffentliches Leben, das wenig Rücksicht auf Datenschutz oder andere Bedenken nehmen kann? Neue Ideen für die Kultur, die nur mehr in abgeschlossenen Glasboxen (öffentlich) genossen werden kann? Oder die (öffentliche) Gastronomie, ebenso? Was ist mit unserem sozialen Leben? Rückbesinnung auf kleine Gruppen, Familien, Freundeskreise, kleine, neue, tribale Zusammenschlüsse, die sich selbst versorgen? Es sind nur Ideen, und es gab schon viele gute, doch die Politik blockte diese bisher immer ab, unter Hinweis auf die Illusion, dass das alles „irgendwann, sehr bald vorbei sein wird“. Der Tag X, an dem das Virus verschwunden ist und alles so sein wird, wie davor. Wird es nicht.