Archiv der Kategorie: Diary

16.6.2021

Nr. 59: Verloren.

Ich sehe, dass der letzte Eintrag hier 1.5 Monate her ist. Macht Sinn. Warum seitdem nichts mehr? Weil ab dann absehbar war, dass tatsächlich Öffnungsschritte kommen würden bzw. diese auch tatsächlich kamen. Alleine mit der Perspektive änderte sich das Empfinden, da es eine gab. Nachdem die Perspektive zur Realität geworden war, unternahm ich ganz gezielt mehreres Sachen, um mich selbst zu therapieren, die Tanks wieder zu laden, die Corona-Depression von davor zu kurieren. Das hat ganz gut geklappt, seit mehreren Wochen ist die Stimmung spürbar besser. Nicht mehr jeder Tag fühlt sich wie ein Überlebenskampf an, ein Strampeln gegen das Ertrinken.

Und trotzdem: Irgendetwas ist anders. Es ist nicht wie davor. Auch nicht wie letzten Sommer. Zu viel ist passiert. Privat viel Gutes, und wer weiß, wie es mir ginge ohne dem. Aber abgesehen davon: Alles Mist. Erst keine Arbeit, dann wenig, dann mehr, aber keine Motivation, weil vieles weiterhin unklar. Die Menschen am Ende, durchgedreht, jene, die das nicht schon während des letzten Mega-Lockdowns getan hatten, machen es jetzt. Kein Diskurs mehr, kein Respekt, kein Anstand, nur Hass – zu sehen selbst bei unserer „Führung“, der Spitze des Staates, der Politik. Ein Trauerspiel.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, von dieser Verrohung, diesem Rückfall in die Barbarei, auf allen Ebenen. Man kann sich nur abwenden. Es ekelt mich. Es ist alles egal. Warum noch Würde bewahren? Schauspielerkollegen, die sich gegenseitig die Pest an den Hals wünschen, weil der andere Dinge etwas anders sieht. Wo ist die Toleranz, die so viele (scheinbar) predigen? Wasser predigen und Wein flaschenweise trinken. Ein Graus.

Die Gesellschaft ist zerfressen von Missgunst, Hass, Egoismus, Narzissmus, niemand tut etwas dagegen, alle sehen dabei zu. Soll man das verstehen können? Wegen der Krise geht es keinem gut, post-Corona-Depression, was auch immer? Aber wer steht auf, wer führt und leitet durch gutes Beispiel? Nicht die Politik, die hat versagt. Vielleicht nicht bei der Bekämpfung der Krise, aber bei der Vorbildfunktion.

Es ist deprimierend, die schönsten Blumen können nicht wachsen auf verdorbenem Boden, zwischen Unkraut. Blumen, das sind Hoffnung und Leben, das andere die Realität.

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Was wird verloren sein? Was wird nie mehr zurück kommen? Was ist kaputt gegangen? Vieles, vieles. Wer baut es wieder auf, wer bringt es zurück? Niemand. Lost Generation.

26.4.2021

Nr. 58: Emotio.

Ich wusste nicht, ob ich heute etwas schreiben würde, und worüber. Die #allesdichtmachen-Geschichte scheint mir auserzählt und langsam kriegen sich die Leute wieder ein, und ich muss mich da nicht immer mit so schwerem Zeugs befassen. Mir wird öfter gesagt, ich wäre zu rational, zu kontrolliert, zu „kalt“, wobei ich nicht sicher bin, ob das nur mit mir zu tun, oder auch mit anderen. Jedenfalls aber fällt es mir schwer, Emotionen zu zeigen, bevor ich etwas sage, denke ich nach, und Emotionen werden erst kommuniziert, wenn sie intern beachtet und betrachtet worden waren. Das ist mühsam, aber auch vernünftig, aber auch etwas lebensfremd.

Kontrolle ist das Stichwort, und kontrollieren können, auch sich selbst, ist wunderbar. „Kontrolliert“ heißt das, wiegt einen in Sicherheit, hebt einen über andere, die ihren Emotionen ausgeliefert sind, wie Tiere. Instinkte. Oder so. Oder echt? Ich weiß nicht, ich kann meine Ideale ideengeschichtlich und philosophisch begründen, stört es MICH denn, leide ich darunter? Nicht wirklich. Leiden andere darunter? Ich weiß es nicht, möglich, zeitweise. Mir scheint das Problem zu sein, dass jemand, der sein Leben mit der ratio steuert, wenig fühlt, wenig Negatives, aber auch wenige Positives. Das mag ein Problem sein.

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Warum diese Gedanken vorweg? Ich weiß es auch nicht, nur so, weil ich schreiben möchte, und meinen Gedanken freien Lauf lasse. Loslassen, Kontrolle abgeben, nicht alles muss klug und perfekt und vollendet sein, nein. Wie bin ich eigentlich auf das Thema gekommen? Ich vermute, aufgrund der Frage, wie ich mit der Corona-Krise umgehen soll, die ich mir stelle und sich immer mehr Menschen stellen. Es ist frustrierend, deprimierend, beschissen, fatal, traurig, furchtbar, schrecklich und zu viel. Alles. Die Gefahr, die allerdings haben wir inzwischen ganz gut unter Kontrolle, ich sorge mich wenig darum. Zu viel ist mir, dass wir kein Leben mehr haben, kein Leben wie davor, keine Möglichkeiten, aktiv das Leben zu gestalten, nach draußen zu gehen, Initiative zu zeigen, unsere Spuren in der Welt zu hinterlassen. Denn wir sind eingesperrt, zu Hause, alles ist auf Stopp, nichts geht, nichts geht, nichts geht. Müde, tot, Ende, fatal, träge, müde, nichts, besiegt?

Emotion, ich versuche, nicht das zu sagen, was klug, richtig, wichtig ist oder richtig ankommt, sondern das, was ich fühle. Es ist OK, dass ich das fühle. Ich. Ich. Und niemand sonst. Und ich muss mich nicht darum kümmern, was andere fühlen. Nein. Nicht.

Wie geht all das weiter? Ich weiß es nicht, und ich muss es nicht wissen. Ich mache das Beste draus, ich probiere, nehme an, was ich habe, tue, was ich tun kann, flüchte, wenn ich flüchten kann, genieße, wenn ich genießen kann. Aber darf auch leiden, liegen, verzweifeln, müde sein, genug haben, wütend sein und all das hassen. Das ist auch OK. Solange das OK ist, kann nichts passieren.

24.4.2021

Nr. 57: Zynismus und Empathie.

Die #allesdichtmachen – Aktion beschäftigt mich immer noch, obwohl ich gestern entschieden habe, mich nicht mehr damit zu beschäftigen. Die Teilnahme an der „Debatte“ ist bis auf weiteres wirklich unmöglich und sinnlos, da es keine Debatte gibt und nie gab, nur die Aktion auf der einen Seite, eine wütende Meute auf der anderen Seite, und dazwischen ein trauriges Schauspiel, bei dem die sonst oft so einmütig bis konform auftretende Kunstszene auseinanderbricht, sich gegenseitig beharkt, ehemalige Freunde und Kollegen sich über Videos hässlichste Botschaften ausrichten und einen Keil durch eine Branche treiben, die von der Corona-Pandemie betroffen ist wie kaum eine andere.

Was nötig wäre? Einheit, breiter Protest, die Forderung nach Ideen und Konzepten – in Österreich zumindest wird das inzwischen ansatzweise von der Politik gehört, in Deutschland gar nicht, warum der Protest dort umso schärfer und die „Debatte“ umso hässlicher verläuft. Es sind Neid, verletzte Eitelkeiten, Kränkungen, Moraldünkel, Wut und Hass, die den Kampf (von Debatte ist nicht mehr zu sprechen) befeuern, ohne Aussicht auf Mäßigung, Einhalt oder Konsens. Die Entwicklung spielt vor, was wir als gesamte Gesellschaft zu erwarten haben.

Mich persönlich besorgt weniger, dass sich ein Kollege in seiner Videobotschaft im Ton vergreift, dass der eine das gut oder schlecht findet, dass es unterschiedliche Ansichten zum Umgang mit dieser Krise gibt, sondern dass unsere Gesellschaften an einem Punkt angelangt scheinen, wo sie diese unterschiedlichen Ansichten nicht mehr auszuhalten scheinen. Ist das ein Vorbote auf den Endpunkt der liberalen Gesellschaft, der Demokratie mit Meinungsvielfalt und -freiheit? Möglich. Ab dem Zeitpunkt, wo es nur noch schwarz und weiß gibt, gut und schlecht, richtig und falsch, und das alles absolut, ist die Zivilisation am Ende, und die Barbarei regiert. Sind wir bereits dort angekommen?

Ich kann mich auch deshalb nicht mehr an der Auseinandersetzung beteiligen, weil ihr jegliche Charakteristika eines zivilisierten argumentativen Austausches fehlen. Ich kann nicht anders diskutieren, als unter der Annahme, dass mein Gegenüber eine Meinung hat, die für ihn ebenso richtig ist wie meine für mich, und dass seine Meinung die gleiche Berechtigung hat wie meine – und dass er oder sie das ebenso sieht. Dies ist nicht mehr gegeben, also erübrigt sich jeder Diskurs. Alles, das bleibt, ist (verbale) Gewalt und Hass.

Die wenige Hoffnung, die bleibt, ist, dass es noch vereinzelt einige Menschen gibt, die Interesse am Diskurs haben, am sowohl-als auch, die sehen, dass der andere ist, wie er, und umgekehrt, nicht besser, oder schlechter, oder böser, oder sonst was. Es ist inzwischen eine verschwindende Minderheit, aber es gibt sie, diese Menschen, egal, wie sie sich politisch verorten – wobei das, wie wir spätestens seit gestern wissen, inzwischen ohnehin völlig irrelevant geworden ist.

Alles, um das es noch gehen kann, ist Empathie und Menschlichkeit. Und dass diese unterschiedlich aussehen kann. Nein, die eine ist nicht besser und „höherwertiger“ als die andere. Dass sogar auf dem Rücken von Kranken, Toten, Arbeitslosen u.a. Moralspiele abgehalten werden, ist ein einziges Armutszeugnis. Das Argument der #allenichtganzdicht-Fraktion ist, dass durch Kritik und Infrage-Stellen der Maßnahmen Menschen sterben bzw. gefährdet werden und das Corona-Leid ignoriert wird. Das scheint mir zu kurz gedacht, ich will dem Großteil der #allesdichtmachen-Fraktion nicht unterstellen, dass ihnen auf der Intensivstation Liegende egal sind. Ich vermute, dass sie ihren Blick wo anders hin richtet.

Ich weiß es aber nicht, und kann nur für mich sprechen: Meine Empathie gilt neben den Erkrankten und Angehörigen von Verstorbenen jenen in der Kunst- und Kulturbranche, die ihre Jobs verloren haben, die am Hungertuch nagen, die keine Perspektive haben, denen ihr Beruf und ihre Berufung genommen wurde; und jenen, die seit mehr als einem Jahr psychisch unter dieser Krise leiden, an ihre Belastungsgrenzen kommen oder darüber hinaus, nicht mehr weiterwissen, egal, ob sie schon davor Probleme hatten, oder jetzt der „Corona-Depression“ verfallen sind. All jene brauchen eine Perspektive, wir wissen, dass nicht der „Tag X“ kommen wird, an dem „alles vorbei“ ist, dass uns dieses Virus noch Monate oder Jahre begleiten wird. Und wer ernsthaft meint, die einzige Lösung wäre Lockdown auf Lockdown auf Lockdown ohne Pause, nimmt damit Kollateralschäden in Kauf, die sich den Schäden durch das Virus an sich immer mehr annähern – oder diese schon überschreiten. Es muss eine Abwägung geben, einen Mittelweg zwischen Schutz vor dem Virus und Freiheit, zwischen Sicherheit und Leben, zwischen notwendigen Maßnahmen und den Schäden, die diese Maßnahmen verursachen. Nach über einem Jahr Pandemie müsste man von der Politik erwarten können, diese Abwägungen treffen und Lösungen finden zu können.

Es geht also um Empathie, und weil meine Empathie den arbeitslos Gewordenen, den psychisch Belasteten, den ihres Alltags Beraubten gilt, die nicht mehr weiterwissen bin ich deswegen nicht „schlechter“ als jene, deren Fokus auf den Erkrankten liegt, und schon gar kein „Zyniker“. Empathie braucht es für alle, und es ist gut, wenn sich jeder über das und die Gedanken macht, was ihm persönlich am nächsten ist.

Und warum beschäftigen mich die Themen Kunst, Kultur, psychisches Befinden, soziale Aspekte der Krise usw.? Weil ich eben da am nächsten dran bin und mich persönlich diese Aspekte auch treffen. Ich kenne bisher wenige, die an Corona erkrankt sind, und die, die es erwischt hat, haben es alle, zum Glück, mehr oder weniger gut überstanden. Ich kenne bisher niemanden, der daran gestorben ist. Aber ich kenne sehr, sehr viele, die durch die Krise ihren Job verloren haben, ihm nicht mehr wie gewohnt nachgehen können, denen ihr Alltag fehlt, ihre Tagesstruktur, ihr Leben, ganz allgemein eine Perspektive, wie es weitergehen soll. Und die psychisch mehr und mehr unter all dem leiden, je länger es dauert. Und ja, diesen Menschen zu sagen, „deine Probleme sind unwichtig“, „schau auf die Intensivstationen!“ oder „reiß dich mal zusammen“ – das ist wirklich zynisch.

23.4.2021

Nr. 56: WTFFF?!

Eigentlich dachte ich, nach meinem letzten Eintrag kann es nimmer schlimmer werden. Gestern/heute wurden wir eines Besseren belehrt: Eine Gruppe durchaus bekannter Schauspieler von untadeligem Ruf wagte es, in ironischen, satirischen bis zynischen Video-Beiträgen auf die triste Lage ihrer Branche und die Perspektivenlosigkeit bezüglich Corona ganz allgemein (die in Deutschland noch um einiges größer ist als in Österreich) hinzuweisen. Reaktion? Shitstorm mit Tenor: „Das sind alles Nazis!“ Größen wie Heike Makatsch, Niki Ofczarek, Jan Josef Liefers oder Manuel Rubey werden es danken. Oder sich ungläubig die Augen reiben. Denn durch Querdenker-Querulantie oder Nazitum waren sie bisher wirklich nicht aufgefallen – im Gegenteil.

Es ist die letzte Eskalation eines völligen Verfalles jeglicher Debattenkultur, die sich nunmehr ausschließlich in verbaler Gewalt ergeht und sich von jeglichen Fakten und Maßstäben befreit hat: Wer gestern noch als progressiver Bobo-linker flüchtlingsklatschender Moralapostel galt, gilt heute als rechtsradikaler Neonazis. Wie absurd, ja: krank das alles inzwischen ist, fällt offenbar immer weniger Menschen auf. All das ist auch Ausdruck einer gereizten, überreizten, belasteten und überlasteten Gesellschaft, was in gewisser Weise das Anliegen des #allesdichtmachen – Protests bestätigt: Eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, sich streitlustig, aber friedvoll darüber zu verständigen, wie man leben möchte, ist am Ende – und braucht dringend neue Lösungen und Alternativen.

Es ist eigentlich ja sinnlos, sich über all das aufzuregen, Gedanken zu machen, sich darüber den Kopf zu zerbrechen oder an diesen toxischen Diskussionen teilzunehmen, da sie zu nur noch mehr Hass und Spaltung führen. All jene, die aktiv Öl ins Feuer gießen, müssen sich dessen bewusst sein, und dass sie irgendwann dafür zur Verantwortung gezogen werden. Ich persönlich konnte mich heute den halben Tag, bis jetzt eben, beruflich bedingt nicht aus dem Ganzen raushalten, werde es aber ab jetzt tun, da es nichts bringt.

Ich will mich stattdessen selbst um die Alternativen kümmern um mir darüber Gedanken machen, was ICH tun kann, in meinem Alltag, in meinem Leben, um mit der neuen Corona-Normalität irgendwie klar zu kommen. Was wäre das? Mehr Zeit mit den Liebsten verbringen etwa. Raus gehen, wenn es schön ist. In die Sonne setzen. An den See legen. Ab und an Menschen treffen, am besten auch draußen, denn da ist die Gefahr am geringsten. Bücher lesen, ganz bewusst, zu bestimmten Zeiten, dadurch dem Alltag entfliehen, auf andere Ideen kommen, Inspiration finden. Filme schauen, ebenso bewusst, mit Muße, alleine oder in Gesellschaft. Spazieren gehen. Kochen. Schreiben. Telefonieren. Freunde kontaktieren, von denen man lange nichts mehr gehört hat, fragen, wie es ihnen geht. Etwas Neues lernen, genießen, sich Ruhe gönnen.

Es gibt sie, die Ideen, das Schöne, das trotz allem möglich ist. Auch, wenn das Andere, das Alte fehlt, schmerzlich vermisst wird. Doch es wird so schnell nicht wieder zurückkommen. Das ist Fakt. Und wenn schon die Politik nicht in der Lage ist, das zu akzeptieren und alternative Lebenskonzepte, Kulturkonzepte, Wirtschaftskonzepte anzubieten, dann müssen wir das eben selbst tun. Denn wir sind nicht alleine – trotz allem.

1.4.2021

Nr. 55: WTF.

Langsam reichts. Mit Corona meine ich. Was ist die Perspektive? Keiner weiß es, denn es gibt keine. Alle Pläne und Vorhaben: In den Sand gesetzt, unmöglich, verschoben, aufgehoben. Impfung? Wird wohl einiges erleichtern, aber die Pandemie nicht brechen, zu vielfältig inzwischen die Mutationen, zu unklar die Wirksamkeit diverser Impfstoffe, zu schlecht und ungenügend die Belieferung, zu langsam die Verimpfung. Die Corona-Pandemie ist die größte, globale Krise seit dem 2. Weltkrieg, zumindest das sollte inzwischen klar sein, und das Ausmaß der Krise und seiner Folgen ist noch nicht ansatzweise abschätzbar. Sollte die „Akutkrise“ mit Akutinfektionen und Akutmaßnahmen irgendwann abklingen (in 1, 2, 3… Jahren), wird eine massive Wirtschaftskrise folgen. Massive gesellschaftliche Krisen. Und eine massive soziale und psychologische Krise, deren Auswüchse bereits jetzt überall spürbar sind. Soziale Medien wie Twitter waren schon bisher ein Ort und Hort der kumulierten Asozialität, inzwischen sind sie nur mehr unerträglich. Als Ersatzhandlungen für die kollektive Ohnmacht gegenüber dem kleinen Virus, das kein Gesicht hat, werden täglich neue Schuldige gefunden und erfunden, gegen die virtuelle Instant-Revolutionen und Blitzkriege gestartet werden (auch „Shitstorms“ genannt), die eine saubere End-Lösung für alles bringen sollen. Am nächsten Tag sind sie meist verebbt, weil sie zumeist keinen realen Kern haben.

Diese Krise bereitet derzeit auch den Nährboden für Demagogien aller Arten und Formen, die man mit der Abwahl Trumps und dem Sturz diverser Rechtspopulisten abwendet gewähnt hatte. Kulturell-identitäre Krisen, die „Flüchtlingskrise“, die nie eine wirkliche Krise war, und die doch recht reale Klimakrise sind in ihren Ohnmachtserfahrungen nichts gegen die Corona-Krise. die akut, aktuell und allgegenwärtig ist und unsere Lebensmodelle in Frage stellt, abwürgt und/oder zerstört. Hunderte Jahre Zivilisation mit sich immer weiter intensivierendem Austausch, einem globalen Geflecht aus gegenseitigen Abhängigkeiten können derzeit nicht weiterexistieren, da der unsichtbare Feind es verunmöglicht: Reisen? Niente. Verwandte und Freunde besuchen? Eher nicht. Abends ausgehen, Party machen? Unmöglich. Kulturelle Aktivitäten, Kino, Theater, Oper, Konzerte? Undenkbar. Gastronomiebesuche? Geht nicht. All unsere Errungenschaften, für die unsere (zumindest westlichen) Vorfahren gekämpft hatten, die sie mühsam aufgebaut, etabliert, abgesichert haben, hinweggefegt. Was bleibt übrig?

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Es fühlt sich an wie Krieg mit gesichtslosem Feind, ein passiver Krieg ohne Kampf, der nur aus Abwehr besteht. Abwehrkrieg. Verbunkern zuhause, verstecken, aussitzen, warten, bis die Alarmsirene aufhört, zu heulen. Und sie heult immer wieder auf, in Form von neuen Pressekonferenzen, Ankündigungen, Maßnahmen, Lockdowns. Draußen und in uns tobt dieser Krieg, der Gesellschaft und Geist zersetzt, der Wunden schlagen wird, die Jahre zu sehen sein werden. Wer beendet den Krieg? Wie ist er zu beenden? Friedensverhandlungen mit dem Feind? Wut, Trauer, Akzeptanz? Auslöschung des Feindes, der sich mit Kräften wehrt, neue Waffen erfindet und sich erneuert, sich immer wieder aufbäumt? Und woher kommt der Feind? Von weit her; und wer hat ihn geschickt? Wir wissen es nicht, nur das: Er ist da, und will nicht gehen.

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Gibt es einen Ausweg? Derzeit nicht. Die Politik, deren Aufgabe genau das ist, tut alles mögliche, um ihre Bevölkerungen zu schützen. Viele, hunderttausende oder Millionen Menschenleben wurden dadurch gerettet. Die Wissenschaft tut alles mögliche, eine Waffe gegen diesen Feind zu finden, und tut das relativ schnell.

Aber können wir uns damit abfinden, begnügen, damit leben? Oder braucht es ein viel radikaleres Umdenken, neue Lebensmodelle, die uns derzeit noch unvorstellbar erscheinen? Eine völlig neue, weitgehend digitalisierte Arbeitswelt, ein streng reguliertes öffentliches Leben, das wenig Rücksicht auf Datenschutz oder andere Bedenken nehmen kann? Neue Ideen für die Kultur, die nur mehr in abgeschlossenen Glasboxen (öffentlich) genossen werden kann? Oder die (öffentliche) Gastronomie, ebenso? Was ist mit unserem sozialen Leben? Rückbesinnung auf kleine Gruppen, Familien, Freundeskreise, kleine, neue, tribale Zusammenschlüsse, die sich selbst versorgen? Es sind nur Ideen, und es gab schon viele gute, doch die Politik blockte diese bisher immer ab, unter Hinweis auf die Illusion, dass das alles „irgendwann, sehr bald vorbei sein wird“. Der Tag X, an dem das Virus verschwunden ist und alles so sein wird, wie davor. Wird es nicht.

6.3.2021

Nr. 54: Es ist kompliziert.

Eigentlich hab ich gar keine Lust zum Schreiben. Und schon gar nicht irgendwas Sinnvolles. Wenn, dann etwas Persönliches, aber eigentlich hab ich das schon mit mir selbst ausgemacht. Fazit: Corona nervt. Menschen nerven auch, wegen Corona noch mehr. Weil sie genervt sind, von Corona. Ich nerve vielleicht auch. Mich nerve ich auch.

Man kann derzeit wenig tun, außer warten. Das Wetter wird wärmer, die Sonne geht auf, aber die Lokale bleiben zu. Noch. Bald nicht mehr, aber bald vielleicht wieder. Man kann drinnen sitzen und irgendwas tun. Man kann auch raus gehen und irgendwas tun. Aber man kann nicht wo hingehen und dort etwas tun. Nur irgendwas.

Alle sind gereizt, alle sind sensibel. Waren sie schon länger, aber nun noch mehr. Leute drehen durch und einem einen Strick aus etwas, das nichts war. Menschen radikalisieren sich und man muss aufpassen, was man sagt. Wenn man aufpassen muss, was man sagt, sollte man aufpassen: Eine gefährliche Entwicklung. Aus konstruktivem Diskurs wird destruktive Diskursvergiftung, und wer das Gift nicht trinkt, ist gefährlich. Denken viele. Weil fast alles es trinken.

Wir warten und wollen Sicherheit, doch die gibt es nicht. Es hieß so und so, dann und wann, sicher, ja, sicher, bald! Und nichts.

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Idee: Warum befetzen sich Menschen ständig wegen Lappalien, legen Worte auf die Goldwaage, entfernen sich voneinander, grenzen sich ab, warum spalten sich unsere Gesellschaften ständig anhand dieser oder jener Linien? Weil es in einer globalisierten Welt keine klaren Trennlinien mehr gibt, keine Einteilung in „gut“ und „böse“. Früher war es Ost vs. West. Liberale Demokratien in Westeuropa vs. kommunistische Diktatur in Osteuropa. Zwei Weltbilder und Ideen, die sich voneinander abgrenzten und gegenseitig bedingten, was Orientierung und Halt gab, Sicherheit für die Bevölkerung dieser oder jener Seite, auf der „richtigen“ Seite zu stehen.

Seit 1989 ist das Geschichte, der Westen hat triumphiert und seinen Sieg gut 1.5 unbeschwerte Jahrzehnte ausgekostet, in denen Francis Fukuyama „Das Ende der Geschichte“ und den finalen Triumph des westlichen Lebensmodells proklamierte. Denkste. Dann kam 9/11 und die islamische Welt als neues Feindbild (durchaus auch: vice-versa), von dem es sich abzugrenzen galt. In Russland Putin mit seiner Neo-Diktatur.

Dann aber: Die immer weiter fortschreitende Globalisierung, Vernetzen von allem mit allem, Digitalisierung, Gleichzeitigkeit von allem und unterschiedlichen Lebensentwürfen: Ein unübersichtliches Feld, das kaum Halt gibt. Allein dadurch lässt sich die neu aufflammende Obsession mit „Identitäten“, also Neo-Tribalismus, links wie rechts erklären.

Keine klar geordnete Welt, kein Lebensmodell, in das grundsätzliches Vertrauen herrscht, viele Lebensmodelle, wild durcheinander, Überforderung, Versuch der Ordnung durch radikale Abgrenzung, Diskreditierung (Flüchtlinge, Ausländer, „Islamismus“, aber auch: „alte weiße Männer“, Patriarchat, „Rechte“, „Rassisten“, „unwoke“ etc.) und Absolutierung der eigenen Weltsicht, die richtig ist, weil sie empfunden wird: Kompensation. Polarisierung. Der „Feind“, der früher weit Weg im Außen war, ist nun im Innen, und muss bekämpft werden: Zerfall von Gesellschaften, vor unseren Augen.

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Eigentlich geht es mir ganz gut. Ich habe viel zu tun und bin gestresst, habe leichte Kopfschmerzen, aber ich mache das gut.

14.2.2021

Nr. 53: Falsche Propheten.

Wer kennt sie nicht, die Geschichten von „falschen Propheten“, Heuchlern, falschen Christen, die ihren (vermeintlichen, meist übersteigerten) Glauben in erster Linie dazu nutzten, andere zu denunzieren? Sei es nun aus persönlichen Berichten von Eltern oder Großeltern, oder – meist schon einige Jahre alte – Bücher, Filme…: Man kann davon ausgehen, dass es entsprechendes Phänomen nicht nur im Katholizismus oder Christentum, sondern in jeder vergleichbaren Religion gegeben hat, oder gibt. Oder sogar in der gelebten Praxis politischer Ideologien. Jedes Glaubenssystem, das moralische Ansprüche stellt und „gute“ von „schlechten“ Verhaltensweisen trennt, lässt sich besonders leicht missbrauchen und pervertieren.

Manchmal braucht es nicht einmal eine Ideologie dafür, oft reicht eine exponierte Machtposition, um zu besonderer Heuchelei anzustiften: Wer besonders großes öffentliches Ansehen genießt, dünkt sich gern erhaben und überlegen – und nimmt es mit den Verhaltensregeln selbst oft nicht so genau.

In der Praxis sah das dann so aus: Der stolze Familienvater, der der Tochter in schwingenden Reden verbat, diesen oder jenen Jungen zu treffen, auszugehen oder ihr (Sexual)Leben zu genießen – während er seit Jahren eine heimliche Affäre mit der Nachbarin unterhielt; der katholische Priester, der in Predigten vom Fegefeuer für vorehelichen Sex berichtete – während er 3 Kinder hatte (gezeugt oder belästigt); die Mutter am Dorfe, die sich tratschend über die moralischen Verfehlungen dieses oder jenes Dorfbewohners ausließ – während sie ihre beiden kleinen Söhne regelmäßig mit der Rute züchtigte: Was hier illustriert werden soll, ist klar – besondere moralische Selbsbeweihräucherung lässt meist auf besondere Heuchelei schließen, verfolgt in vielen Fällen einzig und allein die Absicht, andere, (vermeintlich) „schlechtere“ Menschen zu diskreditieren, um sich selbst zu erhöhen, um eigene, versteckte oder verdrängte Defizite und „dunkle Seiten“ abzuwehren: Freud lässt grüßen.

Dabei liegt der Hund selten in den Religionen, Ideologien, Glaubenssystemen an sich begraben, sondern in der Praxis, in dem, was Menschen daraus machen. Das Christentum predigt Nächstenliebe, übereifrige Vertreter versuchten, diese Nächstenliebe über Jahrhunderte hinweg mit Schwertgewalt zu verbreiten. Der Marxismus predigt gleiche Rechte und Gerechtigkeit für alle, der Stalinismus nahm es damit dann auch nicht mehr so genau, wer von der Mission nicht überzeugt war, wurde ins Lager gesteckt – oder getötet. Nun ist es ja so, dass es heißt, dass Religionen in unseren Breiten an Bedeutung verloren haben. Das mag sein, aber jene oben beschriebene Praxis feiert gerade eine große, große Renaissance: Wunder ist das keines, in Zeiten multipler Krisen und Perspektivenlosigkeit suchen Menschen nach Halt, besonders simple und einfache Ideologien haben Hochkonjunktur, zumal dann, wenn sie behaupten, für ALLES EINE Antwort zu haben, oder das Weltgeschehen in einem Satz erklären zu können.

Konkret nennen sich die Christen der Gegenwart, die Heuchler der Jetztzeit „woke“ (schon die Selbstzuschreibung als „erwacht“ – während alle anderen schliefen – sollte auf den pseudo-religiösen Charakter hinweisen), sie predigen Toleranz, Respekt, Gleichbehandlung aller – und leben das Gegenteil: Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns ist einer der zentralen Glaubenssätze, wer Kritik übt, in welcher Form auch immer, ist Gegner und Feind und muss vernichtet werden. Linksilliberalismus, wie das „Die Linke“-Politikerin Sahra Wagenknecht kürzlich so treffend nannte. Besonders traurig daran: Die Grundideen hinter der „woke“-Ideologie sind gut und unterstützenswert, die daraus gemachte Praxis ist es nicht, und konterkariert in den meisten Fällen genau das, das an sich gefordert wurde.

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Ich persönlich gehe ja davon aus, dass jene, die am lautesten schreien, immer den meisten Dreck am Stecken haben. Wer sich im echten Leben tolerant, respektvoll und anständig verhält, hat es nicht nötig, sich in der virtuellen Welt als Moralapostel hervorzutun, sich mit diesen oder jenen Orden zu schmücken und andere zu denunzieren. Das traf früher auf den heuchlerischen Familienvater und die tratschende Dorfbewohnerin ebenso zu wie heute auf besonders laute Twitter-Aktivisten und Social Media-warriors: Ich glaube ihnen kein Wort, diesen von Minderwertigkeitskomplexen und Eitelkeit getriebenen Existenzen, die sich für die Spitze der Schöpfung halten, dabei aber meist 1 und 1 nicht zusammenzählen können, da die entsprechende Bildung fehlt. Am Ende sind sie nämlich vor allem eines, dem sie ständig zu entkommen versuchen: schlechte Menschen.

15.1.2021

Nr. 52: Fatal banal.

Erster Eintrag im neuen Jahr, das beginnt, wie das alte geendet hatte: Beschissen. Über die Corona-Lage an sich will ich keine weiteren Worte verlieren, da es dazu im Moment nichts zu sagen gibt. Es wird weitergehen wie bisher, Ende dank Mutation und trotz Impfung nicht absehbar, frühestens Ende des Jahres 2021 – wenn überhaupt. Es liegt also an uns, uns auf diese neuen Tatsachen einzustellen, ob wir wollen oder nicht. Manche machen das inzwischen unter Mithilfe von verschwörungstheoretischer Realitätsabwehrschilder, die ihnen vermeintlichen Schutz vor Fakten bieten und eine für sie wohl völlig unerträgliche Lage kurzfristig mildern. Doch wie schon Freud wusste: Abwehr macht auf Dauer alles noch schlimmer.

Vernünftiger wäre es, auf sich und sein engstes Umfeld zu achten, sich zu überlegen, was unter momentanen Bedingungen möglich ist und vor Allem eines zu verstehen: Unser Leben as we knew it ist tot. Und es wird auf absehbare Zeit auch nicht zurückkommen.

Neben den offensichtlichen, expliziten Verschwörungstheoretikern gibt es auch implizite, die ihren Wahn geschickt und kunstvoll verschleiern: Sie flüchten sich in Ideologien, die idealerweise die Welt in zwei Teile teilen und vorgeben, in ein paar banalen Merksätzen alle Vorgänge auf diesem Planeten erklären zu können. Waren das klassischerweise – und vor allem in den letzten Jahren – oft rechte oder rechtspopulistische Erklärungsmodelle, greift diese Banalisierung des Politischen, Sozialen, Kulturellen auch auf auf die Linke über. Es ist schon verständlich: In Zeiten der Krise, der Unsicherheit, der Perspektivenlosigkeit wünschen sich Menschen SICHERHEIT, Erklärungen, Antworten – je einfacher, desto besser, denn die kognitiven Kapazitäten sind eh schon über Gebühr strapaziert. Problem: Dadurch vergiftet man jegliche intellektuelle Diskurse, ernsthafte Auseinandersetzungen mit realen Phänomenen – und der Erkenntnisgewinn bleibt zumeist gleich null, da das erste Ziel „(Selbst)Bestätigung“ und „Sicherheit“ ist – und eben nicht Erkenntnis und Aufklärung. In diesem Sinne sind diese postmodernen Ideologien, die sich selbst gerne als „progressiv“ verstehen im Grunde zutiefst anti-aufklärerisch und eher ver-klärerisch, da sie diskursive Rationalität (Habermas) als „Wettkampf der besten Argumente“ verhindern. Nicht das beste Argument gewinnt, sondern das lauteste – eine Bankrotterklärung für die sich immer noch gerne als „Krone der Schöpfung“ verstehende westliche Zivilisation.

Nicht nur haftet der oben beschriebenen Praxis der Anschein von Barbarei an, auch driften diese verklärenden Ideologien zeitweise ins zutiefst Romantische ab: Jugendlicher Sturm und Drang, ich denk mir die Welt, wie sie mir gefällt, emotio als letzte Instanz, ich fühle, also bin ich, und so weiter. Bedenklich, allemal. Noch bedenklicher, dass den meisten Vertretern die nötige Bildung fehlt, um ihre Irrwege selbst erkennen zu können – und dass dergleichen romantische Fantastereien, die gemütliche Scheinwelten der Realität vorziehen, selten, ganz selten der Startpunkt erstrebenswerter gesellschaftlicher Entwicklungen waren – eher das Gegenteil ist historisch gesehen der Fall.