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2022 – Das Ende der Welt ?

Geschichte verläuft in Wellenbewegungen: Auf den „Aufschwung“ folgt meist der „Abschwung“. Ob es insgesamt doch „nach oben“ geht, ist der Interpretation jeder/s einzelnen überlassen. Der letzte Aufschwung dauerte nun mehrere Jahrzehnte an, und damit außergewöhnlich lange. Und er war außergewöhnlich hoch. Nach dem 1. Weltkrieg und dem Zivilisationsbruch in vielen Ländern im 2. Weltkrieg folgte in der 2. Hälfte des 20. Jh. ein nie zuvor dagewesener Aufschwung, eine Zeit großer technischer, sozialer, gesellschaftlicher Entwicklungen, geprägt von Optimismus, Stabilität und Demokratie. Während diese Entwicklung in erster Linie im „Westen“, also Europa und den USA, stattfand, strahlte sie und ihre Errungenschaften auch auf den Rest der Welt aus: Kulturimperialismus muss nicht immer aktiv und explizit sein, die Atttrativität einer liberalen und demokratischen Gesellschaft ist unbestreitbar, die „Vorbild“wirkung muss nichts Schlechtes sein. Und der Zusammenbruch undemokratischer Systeme wie der Sowjetunion waren nur möglich, weil es auf der anderen Seite das „Andere“, „Bessere“ gab, das als Alternative der Hoffnung leuchtete.

In den 1990ern sprach Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“, da sich unser liberales Lebensmodell nun endgültig und für immer durchgesetzt hätte. Dachte er.

Während die 1990er als vielleicht größtes, bestes Jahrzehnt für viele Menschen in die Geschichte eingegangen sind, bekam das Ideal der sorglosen Zukunft mit 9/11 erste Risse: Die USA – und damit der „Westen“ – bekamen vor Augen geführt, dass man nicht absolut unantastbar ist. Der Terror, ein reaktionärer Angriff „von außen“ auf unser Lebensmodell, blieb als Angst und Warnung präsent, konnte aber letztendlich real wenig ausrichten, die faktische Wirkung von islamistischen Organisationen wie Al Kaida oder ISIS IN Europa und den USA blieb überschaubar. Der Angriff musste also „von innen“ kommen.

Das Plateau der Jahrzehnte der relativen kollektiven Sorglosigkeit wurde 2015 erreicht. Danach ging es nur noch bergab, um es flapsig auszudrücken. Die exakte Ursache ist schwer zu benennen, da es kein eindeutig nachvollziehbares Ereignis gab, das die Wellenbewegung nach unten kippen ließ. Man kann von einem „natürlichen Vorgang“ sprechen, wenn man an eine gesellschaftliche und historische Logik glaubt, nach der Entwicklungen immer in Wellenbewegungen stattfinden, auf die „These“ die „Antithese“ folgt. Trotzdem muss es Auslöser für die Kippbewegung geben.

Was um 2015 feststellbar wurde, war ein zunehmendes Gefühl vieler Menschen, dass es nicht mehr „voranging“, dass sie nicht mehr positiv in die Zukunft blicken ließ, sondern besorgt oder hoffnungslos. Hatte sich „das System“ überlebt, war an seine Grenzen gestoßen? Gedachte „Fortschritte“ wie „soziale“ Medien, die Teilhabe am öffentlichen Diskurs demokratisieren sollten, zeigten ihre Schattenseiten, der digitale Wilde Westen ohne Regulation gab bisher Stummen eine Stimme, aber auch solchen, die besser stumm geblieben wären: Missgunst, Hass und Desinformation zogen ein in die öffentlichen Diskurse ein und bekamen aufgrund der Funktionsweise dieser Medien Bedeutung und Macht, die sie in demokratischen Gesellschaften nicht haben sollten. Zudem ist wohl auch die ganz alltägliche Wirkung dieser Medien (digitaler, virtueller Kontakt statt direkt-menschlicher inkl. all der Vorteile und Korrektive „normaler“ Kommunikation) nicht wegzudenken.

Eine Mischung aus subtiler Unzufriedenheit, negativen sozialer Effekten technischer Fortschritte und dem tatsächlichen Erreichen eines (auch ökonomischen) Plateaus führte bei einem gewissen Teil der Bevölkerung zu (nachvollziehbarer) Sorge und Wut, Parteien und Politiker wie die FPÖ, AfD, Front National, Donald Trump und Co. instrumentalisierten diese Gemengelage populistisch und demagogisch für ihre Zwecke. Das Resultat waren Brexit und Trump-Präsidentschaft und das Gefühl einer „Bedrohung von Rechts“ auf das existierende System, die sich als „bessere Alternative“ und „Lösung“ ausgab. Während dabei mitunter auch tatsächliche Probleme benannt und existierende Gefühle angesprochen wurden, geschah dies aus falschen Motiven und ohne reale Lösungsabsicht.

In diese Zeit fiel auch die „Flüchtlingskrise“, die rückblickend eine Kombination zwischen staatlicher Belastung, demagogischer Stimmungsmache und Instrumentalisierung und „Sündenbock“-Suche darstellte: Während einige Staaten Europas mit dem Zulauf von Flüchtenden tatsächlich an ihre Grenzen der Belastbarkeit kamen, stand ein „Zusammenbruch“ des Systems nie im Raum und durch mit der Zeit auch EU-weit implementierten Regulationen konnte die Entwicklung bald unter Kontrolle gebracht werden. Natürlich bot diese emotional aufgeladenen „Bedrohung von außen“ aber auch eine dankbare Projektionsfläche für alle (teilweise auch berechtigt) Unzufriedenen, die ihre Unzufriedenheit mit den herrschenden Bedingungen, dem „System“, ihren Wut und Hass einfach auf „den Flüchtlingen“ abladen konnten – und so zumindest imaginativ ihrer gefühlte Ohnmacht Herr werden konnten: Wenn nur die Grenzen dicht sind, ist die Bedrohung abgewehrt; mir geht es schlecht, weil es dem Flüchtling hier (zu) gut geht – und so weiter. Gedankt wurde jenen politischen Parteien, die ebendas versprachen: Nämlich den „alten Zustand“ wiederherzustellen, und das am besten durch dichte Grenzen und Abschiebung der Flüchtlinge. Dass eine Belastung in manchen Staaten zwar vorhanden war, aber kein kausaler Zusammengang zwischen „Flüchtlingen“ im Land und persönlicher Unzufriedenheit bestand, ist die andere Seite.

Während sich nach 2015 in manchen Staaten Rechtspopulisten tatsächlich durchsetzen konnten und an die Macht kamen, wurde der Angriff dieser Parteien in anderen abgewehrt; mit Blick auf Österreich zerlegten sich einige Parteien wie die FPÖ selbst, die ihren Dilettantismus offenlegten und sich so selbst disqualifizierten. Während die Welt um 2019, Anfang 2020 also nicht zwingend eine hoffnungsvolle war, gab es eine Gleichzeitigkeit und einen Wettstreit demokratischer und undemokratischer Kräfte in vielen Ländern und Gesellschaften, Ausgang offen. Man konnte noch hoffen. Dann kam März 2020 und Corona.

***

Die Pandemie stellt tatsächlich den größten Bruch, das größte eruptive globale Ereignis seit dem 2. Weltkrieg dar. Zu Beginn fehlten die Erfahrungswerte im Umgang damit, weder waren wir als Menschen, noch unsere Systeme mit einer solchen spezifischen Herausforderung, auch nicht einer Krise dieses Ausmaßes allgemein vertraut, da wir seit Generationen in erster Linie Sorglosigkeit kannten. In den meisten Ländern reagierten die Politik und Gesellschaft sehr vernünftig, man verließ sich auf Fakten und Wissenschaft im Kampf gegen die schwer fassbare Bedrohung. Zu Beginn waren nur jene gegen Schutzmaßnahmen (eine an sich völlig absurde Idee, sich dagegen zu wehren, geschützt zu werden / sich zu schützen), die bereits vorher Misstrauen gegen den Staat hegten, falsch informiert waren oder mit Einschränkungen in ihrem Alltag (psychisch/sozial) nicht zurande kamen. Wenig überraschend waren es oft rechte bis extrem rechte Parteien, die ähnliches forderten. Das Ideal in diesen Gruppierungen war Krise negieren statt konfrontieren und Lernen, ein auch aus dem Privaten wohlbekannter, psychischer Mechanismus.

Während zu Beginn der Pandemie die überwiegende Mehrheit der Menschen die Maßnahmen mittrug und guthieß und auch die meisten politischen Parteien sie unterstützten, begann diese Solidarität Ende 2020 langsam zu bröckeln. Wir wussten nicht, wie das weitergehen würde, nach der ersten Corona-Welle im Frühjahr dachten manche, es wäre „überstanden“ (die wenigsten waren mit den Charakteristiken von Pandemien vertraut, da sie nie eine erlebt hatten). Im Herbst/Winter 2020 folgte die nächste Welle und weitere Lockdowns, die natürlich psychisch an den Menschen zehrten. Die Aufhebung strikter Maßnahmen erfolgte in manchen Bereichen 2021 mitunter etwas zu spät, vor allem aber wurde es völlig verabsäumt, auch die psychischen Auswirkungen der Pandemie an sich, aber auch der Maßnahmen auf die Menschen zu beachten oder ihnen entgegenzuwirken. Bei vielen Menschen setzte spätestens nach der 2. Welle eine „Pandemie-Müdigkeit“ ein, die sie an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit brachte (oder darüber hinaus).

Als die Pandemie Ende 2021 immer noch nicht vorbei war, eine nächste Welle weitere Maßnahmen erforderlich machte (bis hin zu erneuten Lockdowns, etwa in Österreich), kippte die Stimmung vielerorts: In manchen Ländern wurde klar und offensichtlich, dass die politischen (und sozialen) Systeme an ihre Grenzen bei der Bekämpfung und Abwehr der Bedrohung geraten waren. Das Resultat waren erratische Entscheidungen und verwirrende Kommunikation (insb. mit Blick auf Österreich), die vieles ausstrahlten und bewirkten, aber sicher nicht Vertrauen oder Stabilität, im Gegenteil. Als Im späten Winter 2022 eine weitere Infektionswelle folgte, wurde, so scheint es, „aufgegeben“: 2 Jahre Dauerkrise war für viele Menschen, aber auch (politische) Systeme zu viel, anstatt sich anzupassen, umzudenken, abzuwägen, sich zu reformieren und die geänderten Umstände zu akzeptieren, wurde verdrängt, negiert, ausgeblendet. Natürlich lässt sich keine Krise, keine reale Bedrohung damit „beenden“ oder bekämpfen.

Knapp danach folgte die nächste Krise – Der von Putin vom Zaun gebrochene Krieg in der Ukraine. Neben dem Schock, nun erstmals seit 1945 wieder Krieg in direkter Nachbarschaft zu haben (abgesehen vom „Bürgerkrieg“ im ehemaligen Jugoslawien), der Sorge, die damit verbunden ist, der Angst, dass dieser Krieg auch uns erreichen könnte und die Wirkung von Bildern von Gräueltaten der Russen betraf uns das Ganze bald auch direkt: Explodierende Benzin- und Energiepreise, Versorgungsunsicherheit, Inflation, kommende Wirtschaftskrise. Menschen, die sich schon davor bezüglich der Corona-Pandemie ihrer Vernunft entledigt hatten, taten dies nun umso stärker. Die wahnsinnige Forderungen, einfach die Sanktionen gegen Russland aufzuheben, um den „alten Zustand“ wiederherzustellen, sind Beispiel dafür.

Verdrängung ist inzwischen für die Mehrheit der Menschen der einzige Weg geworden, zu überleben. Dass das nicht nachhaltig und mittel- und langfristig destruktiv und im wahrsten Sinn des Wortes tödlich ist, ist klar. In diese Gemengelage stoßen (erneut) Demagogen und Populisten, die Ängste, Wut, Überforderung vieler Menschen aufgreifen und kanalisieren. Hass greift um sich, Entwertung menschlichen Lebens hat wieder Einzug in unsere Politik und alltägliche Kommunikation gehalten. Falschinformationen, die die eigene Verdrängung und Lüge und deren Aufrechterhaltung (die zum Überleben nötig ist) fördern, verbreiten sich und werden zur „neuen Realität“. Offenkundige Missstände, sei es nun die Überlastung von Spitälern und des Gesundheitswesens, bleibende gesundheitliche Schäden oder Tote durch Corona, aber auch massive Probleme, die die Inflation und steigende Energiepreise den Menschen machen, werden ignoriert, abgetan, ausgeblendet, von weiten Teilen der Politik, aber auch vielen Menschen.

Hinter all dem droht natürlich auch die Klimakrise, deren Auswirkungen bereits sichtbar sind (Temperaturänderungen, bisher unbekannte Wetterphänomene wie massive und flächendeckende Unwetter, Überschwemmungen in regelmäßigen Abständen etc. – und deren Folgen), aber für viele Menschen angesichts der bereits beschriebenen und direkter spürbaren Krisen in den Hintergrund getreten sind, aber nichtsdestotrotz schnellste Antworten erfordern würden.


Wir sind am Endpunkt einer Entwicklung angelangt, die das Fortbestehen demokratischer Systeme nicht nur in Frage stellt und bedroht, sondern vielerorts bereits unmöglich macht. Eine „Reform“ von innen scheint derzeit in vielen Staaten nicht möglich, eine „von außen“ nicht gewünscht, da dies (kollektive) Reflexion, Anerkennung und Aufarbeitung der oben beschriebenen Missstände und Entwicklungen voraussetzen würde.

Klar ist, dass dies in den Abgrund führt: Undemokratische, demagogische und faschistische Prinzipien greifen bereits jetzt in pro forma noch demokratischen Systemen um sich und werden durch neue politische Führungsfiguren in den kommenden Jahren weiter verschärft werden. Die kollektive Lüge, das „Böse“ halten wieder Einzug in unserer Gesellschaft, in anderer Form wie um 1940, von vielen noch unerkannt, aber letztendlich mit ähnlichen Konsequenzen.

Als „Gesellschaft“ kann solch eine Entwicklung nur gestoppt werden, wenn die Mehrheit der Menschen das möchte; das ist aktuell nicht möglich oder absehbar. Man muss davon ausgehen, dass es „noch viel schlimmer werden muss“, bevor „etwas geschieht“ und es wieder „besser werden“ kann.

Was kann man nun also als Individuum tun? Sich abgrenzen. Der eigenen Wahrnehmung trauen. Auf sich und sein Umfeld achten. Sich schützen. Und bei Möglichkeit sich soweit wie möglich von toxischen Verstrickungen lösen, die in den sicheren Abgrund führen. Irgendwann wird diese aus mehreren Riesen-Krisen bestehende Mega-Krise vorbei sein und jene werden als Gewinner dastehen, die sich der Vorgänge bewusst waren und vernünftig, achtsam, klug und menschlich gehandelt haben. Dem Rest winkt der selbstverschuldete Untergang, in der einen Form oder der anderen, jetzt oder später.

Liege

Liegend lebend, richtig, rau
Angst vergrämt des Erfolgs Tau
sicher sitzend in den Lungen
Angst verriegelt Abgesprungen
Nebel licht, der Zug ist weg
abgefahren, Oberdeck
System kaputt, Tradierung tot
wer weiterzieht ist aus dem Lot
die braune Brille passt perfekt
aus rosa erwachsen, alles verdeckt
Schreie verhallen, es ist zu spät
weder Leben, doch Tod, ohne Gerät.

Simulation/Fiktion

Stark durchdacht wird es Rache regnen
gegen die Gegner die lügen wie Sand
vertrocknet, verdammt, verlogen, verlassen
Nichtstun veranlasst den Flächenbrand
Lügen verleugnen die Logik des Lebens
Wenn Wollen wird Wahrheit, der Wille ist schwach
blind und verdorben, zu spät umzukehren
floss bereits alles runter den Bach.

Kein Leben ohne Wahrheit, Simulation/Fiktion
erkauftes Lügen macht Tod erträglich
der Hass ist unendlich, der Krater untragbar
auch enge Freunde scheiterten kläglich
Loslassen, mit Freud in den Untergang stoßen
die Lüge bleibt Lüge, wer dem Führer vertraut
Verlangen, verlassen, verdrehen, verlangen
Steine geschultert, das Haar ergraut.

Das Leben, eine Grauen, zu schlimm um zu sehen
Die Torheit, der Rückschritt, bewusste Devolution
Warum überleben, warum noch glauben?
Kontrolle abgeben, geklärte Situation.

Der Hass bleibt bestehen, die Grenzen zu kappen
die Dummheit, unendlich das leise Geheul
Der Führer des Bösen hat wieder gewonnen
ich geb ihnen freudvoll ein herrliches Seil.

Vergraben

Im dunklen Keller, sitzend, leidend, oben klopft der falsche Sturm
Die Panzer krachen auf den Menschen, brechen Knochen und Verstand
Laut und sichtbar, unsichtbar blind, die Spezies wird stetig entmannt.

Lügen haben falsche Beine
brechen früher oder später
die Menschheit sich vergiftet hat
Säfte verdarben Körper und Geist
töten, töten, töten, töten
will jeder der in den Untergang tanzt.

Mächtig ohnmächtig bleibt jeder der denkt
der Abschaum ist tot, doch treibt wie Morast
Neid zieht uns gezielt in die Arme des Teufels
der viele ist und alles heißt.

24.8.2022

Nr. 70: Beschissen.

Es ist beschissen. Alles. Die Gegenwart, die von Wahnsinn und Dummheit geprägt ist, von multiplem Systemversagen, dem Untergang unserer demokratischen Institutionen, der Ohnmacht, der Abkoppelung der Machthabenden vom Rest der Bevölkerung; von multiplen Krisen: Corona-Pandemie, Teuerung, Klimawandel (+ Unwetter, Überschwemmungen..), Energiepreisexplosion, kommender Energiekrise im Winter….

Das sind die Tatsachen. Voraussetzung für eine Änderung an der unaushaltbaren Situation wäre, sie anzuerkennen und klar zu benennen. Wer macht das noch? Wer macht das nicht? Unsere Politik. Einer Truppe von Versagern, der inzwischen alles egal ist, allem voran die Bevölkerung. Es ist unfassbar und unaussprechlich und das Fehlverhalten dieser Regierung des Wegschauens, Kalmierens, Lügens, der Weltfremdheit muss eigentlich dazu führen, ihre Legitimität nicht mehr anzuerkennen.

Jede Beziehung und Abhängigkeit basiert auf Gegenseitigkeit: Der Staat etwa erlässt Gesetze und bietet dem Bürger Schutz, dafür hält sich der Bürger an gegebene Gesetze. Wenn nur der Staat seiner Schutzfunktion nicht mehr nachkommt und den Bürger mit seinen Problemen – die der Staat noch dazu zu gewissem Ausmaß selbst verursacht! – alleine lässt, warum sollte der Bürger seinem Teil der Vereinbarung nachkommen?

Es wird dazu führen, dass das System als solches komplett zusammenbricht, dass Menschen sich gewaltvoll erheben und die Regierung in der einen Form oder anderen stürzen. Das ist kein Alarmismus, sondern simple systemische Logik. Ein System, das nicht mehr funktioniert, das von innen zerfressen wird und das es nicht mehr braucht wird über kurz oder lang sterben. Die Frage ist, ob man das will – und ob das, was danach kommt, besser ist. Viele Kriege begannen nach diesem Muster, die Machtübernahme Hitlers war nur möglich, da sich das davor herrschende System selbst aufgegeben hatte. Es ist nicht zwingend zu erwarten, dass der Mensch seither klüger geworden ist – der erste, der kommt und sagt, er werde alle Probleme lösen, der Schuldige ausmacht und verspricht, mit ihm würde alles besser, er wird voraussichtlich die Macht übernehmen und die Demagogie fortsetzen, die bereits jetzt zu sehen ist.


Was kann die aufgeklärte Gesellschaft dagegen tun? Nur mehr wenig, vermutlich.

Unerträglich ist die Situation für alle.

Kann man sich als Individuum „retten“, in Sicherheit bringen, einen Ausweg finden? Kann man. Aber es ist nicht einfach, da man sich von allen Verbindungen zum System kappen müsste. Muss man auch, wenn man nicht mit dem System untergehen will. Aber es ist schwer und macht einsam. Die einzige Hoffnung, die bleibt, ist der Zusammenschluss vernünftiger, solidarischer, aufgeklärter und mutiger Bürger, die etwas Anderes, Neues erschaffen.

dying

Dying in silence
many strong, some weak weak
dictators fleeing
playing hide and seek
destruction of a system not because it is bad
the fall of an empire because it is sad
too weak to see what is brought by the wind
too vain to to think and see their own lies
too dumb and stupid, too evil to drink
the tears that fall from society’s eyes.

locked up in their castles, fearless and blind
forgetting, forgotten, parts of humankind
destroying lives coz it’s the easiest way
forgetting about everyone everyday

if you don’t stand up and shout and fight
you are a bad person, dying at night.

Alkohol oder Psychopharmaka?

Nr. 69 – 11.7.2022

Soll man sich zur aktuellen Lage noch äußern? Sich Gedanken machen? Auswege suchen? Daran verzweifeln? Aufgeben? Ich weiß es auch nicht, weil alles mühsam erscheint und deprimierend und es wenige Lichtblicke gibt in dieser Dauerdunkelheit, die nicht auf Verdrängung gründen würden.

Während die Corona-Zahlen erstmals nach 2 relativ Corona-freien Sommern auch in der heißen Jahreszeit hoch sind und wohl noch weiter steigen werden, wollen Regierungen (Außnahme: Wien) nichts davon oder möglichen neuen Maßnahmen oder Adaptionen bei der Pandemiebekämpfung wissen, sondern erklären diese für „beendet“. Sie fordern, man müsse nun eben „mit dem Virus leben“, ohne vernünfte Vorschläge zu geben, wie denn das gehen sollte. Und fordern, man müssen den „Krisenzustand beenden“, als würde sich das Virus von solchen Wortmeldungen beeindrucken lassen und einfach verschwinden.

Ich stelle es mir interessant vor, wenn solche Politiker, Medienmenschen, Menschen überhaupt dann vor Familien stehen, die Angehörige verloren haben; vor Betroffenen, die nach Jahren noch Post Covid-Folgeschäden haben, keinem normalen Alltag oder keiner Arbeit mehr nachgehen können; vor (ehemals) schwer Infizierten oder jenen, die wegen Long Covid wochen- und monatelang in ihrem Leben eingeschränkt waren (ca. 20-30% aller Infizierten!). Oder den Ärzten und Pflegern in den KH, auf den Stationen, die nun teilweise wieder geschlossen werden müssen, die seit 2.5. Jahren im Dauerkrisenmodus sind und nicht mehr können; denjenigen, die wegen der Überlastung des Gesundheitswesens keine Behandlung mehr (wegen Corona oder irgendwas anderem) bekommen. Wenn diese Schlauberger vor diesen Menschen stehen und ihnen sagen „also echt, wir müssen den Krisenmodus jetzt endlich mal beenden“.

….und es ist ja nicht die einzige Krise: Putins Überfall auf die Ukraine wäre für sich genommen schon ein einschneidendes Ereignis, eine „Zeitenwende“, die noch viel mehr Staub aufwirbeln würde, aber in dem Tornado oder Hurrikane aus Dauerkrisen geht dieses Drama inzwischen langsam auch unter. Der WKO-Präsident fordert bereits, man müsse über die Sanktionen nachdenken, die wären nicht klug (weil sie auch der heimischen Wirtschaft schaden). Er wäre damals vermutlich auch für Verhandlungen mit Hitler oder Stalin gewesen. Tausende Menschen starben und sterben und es kümmert uns nur insofern, als bei uns alles teurer wird. Und auch das ist schlimm und kann sich zur nächsten Tragödie auswachsen, insb. im Herbst/Winter, wo möglicherweise wegen Energieknappheit ganze Industrien ausfallen werden. Unsere Versorgungssicherheit infrage gestellt ist. Und wir im schlimmsten Fall ohne Heizwärme dastehen, frieren müssen, Zustände erleben werden, die niemand von uns auch nur im Ansatz kennt. Und dazu und oberdrauf dann noch eine weitere Corona-Welle. Zu erwarten ist ein Winter, der noch um einiges schlimmer werden wird als die letzten beiden.

Was macht also die Politik? Nichts. Der Kanzler aus Österreich empfiehlt „Alkohol und Psychopharmaka“, wenn „wir“ (damit meint er wohl die Regierung selbst) „so weitermachten“ (also nichts tun). Manchmal sind solche unbedarften Scherze und flapsigen Äußerungen schon recht entlarvend: Der Kanzler weiß, dass er nichts weiß, keine Antworten hat, auch keine Hoffnung mehr, welche zu finden und stellt die Menschen – scheinbar im Scherz – darauf ein, was wohl für viele tatsächlich die einzige Lösung sein wird. Auch eine Form eines freudschen Versprechers, unfreiwillig vieles offenbarend. Die Realität ist ein kolossales multiples (Polit-)Systemversagen und das „System“ (die politischen Institutionen etwa) scheitern vor unseren offenen und verzweifelten Augen daran, Lösungen zu finden und sich zu reformieren, an die neuen Realitäten anzupassen.

In diesem Kontext ist es natürlich kein Wunder, dass inzwischen eine Mehrheit der Menschen nichts mehr von all dem hören oder wissen will, nichts mehr glaubt, das „die da oben“ sagen, sich abwendet, verdrängt oder sich gar anderswo „informiert“. Diese Realität ist kaum noch erträglich und Scheinrealitäten und Verschwörungstheorien bieten kurzfristige Erleichterung, in kleinen Dosen oder in völliger Hingabe. Beispiel Pandemie: Äußerungen, die vor 2 Jahren als vollkommener Humbug, Schwachsinn, Irrsinn und Geschwurbel galten sind inzwischen nicht nur mainstreamfähig, sondern Mainstream, selbst Politiker oder führende Medien sprechen inzwischen von „Corona-Panikmache“ und dass das alles ja nicht mehr so schlimm sei. Ja, es ist nicht gleich wie 2020, es ist anders als vor 2 Jahren – aber gleich schlimm (Stichwort Long Covid, „Massendisabling“).

Diese Äußerungen sind Ausdruck völliger Überforderung und Verdrängung. Der Mechanismus ist wohlbekannt und in der Psychologie gut erforscht. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Augen zu und durch. Und danach will dann niemand etwas gesehen oder gewusst haben. Im „besten“ Fall führt das zur emotionalen Abstumpfung, sozialen Disruption und zum Verlust von Empathie und Solidarität (bereits sichtbar); im schlimmsten Fall zum Verlust der Gemeinschaft ihres Realitätssinns, ihres Wahrheitssinns, der Wahrheit an sich. Wir sind am besten (schlechtesten) Weg dorthin.

Warum ist es wichtig, sich dagegen zu wehren? Weil die Lüge der Anfang allen Bösen ist. „The genesis of evil“. Wer sich selbst belügt, belügt irgendwann andere, lügt über das, was er denkt, will, tut, tat, tun will, möchte, wünscht. Jede Neurose ensteht aus Selbstverleugnung und Verdrängung, sowohl auf individueller, als auch auf kollektiver Ebene. Und die Neurose wird umso größer und monströser, je mächtiger die Lüge und Verdrängung, der langfristige Schaden umso größer, je länger es andauert. Wie konnte Hitler (und Konsorten) passieren? Ebenso.

Was bleibt uns also noch? Nichts, außer die Dinge zu benennen, sie zu sehen und anzusprechen, wie sie sind, so schmerzhaft das für uns (und andere) auch sein mag: Die Wahrheit. Denn am Ende obsiegt sie immer.

Leugner

Ich denke niemals, also bin ich
sorglos, hirnlos, verbrannt und frei
mit Vollgas in die Wand, Scheinleben
was morgen, geht an mir vorbei

Erleuchtet bin ich, schwach und dämlich
aber denkend, dass ich weiß
auserwählt von höhern Mächten
geh mir weg mit Faktenscheiß

Muss nichts wissen, um zu glauben
Augen zu und durch die Nacht
was nicht sein darf kann’s nich geben
Licht im Hirn wird ausgemacht

Am besten lebt sich’s dumm und sorglos
wer bremst verliert, schwach bin ich nicht
starke Physis, strammer Körper
unverwundbar, kleines Licht

Die Wahrheit ist wie ich’s mir mache
ich glaube nichts das ich nicht weiß
Logik und Fakten, übertrieben
Romantik jetzt um jeden Preis

Wir müssen leben ohne sterben
wer stirbt und leidet ist zu schwach!
lieber zerstör ich alles richtig
bevor ich nur eins richtig mach.