XIV

Im nächsten Moment klingelte mein Handy. Ich entfernte mich vom Fenster, durch das von unten rauschend Stimmengewirr drang, und hob ab. Es war Madame. „Es tut mir so leid, dass ich mich erst jetzt melde. Glaub mir, bitte. Mir geht es nicht gut, wirklich, mir wird alles zu viel. Ich muss umziehen, also, mein Vermieter meint, alleine könne ich hier nicht bleiben, und meine Freund, also Ex-Freund, nun, du weißt ja…ich komme nicht zur Ruhe, alles ist mir zu viel, alles wächst mir über den Kopf. Was soll ich machen?! Ich stehe morgens auf und bin wirr im Kopf und irre durch meine Wohnung und versuche mich zu beruhigen, doch es geht nicht, und dann pure Panik, Panikattacken, Angst, es ist mir zu viel….und diese Erinnerungen, es ist die Hölle! Ich schwitze, mir ist heiß, ich kann nicht mehr!!“ Keuchend machte sie endlich einen Punkt. Sie wirkte erregt, überregt, aufgeregt. Ich hatte wenig Lust, mir ihr Geheule anzuhören: Wochenlang kein Wort, nun der Anruf, in Panik, glaubend, mich würde das noch interessieren? „Bin gerade bei meiner Freundin, was kann ich für dich tun?“ sagte ich, und fand diesen Einfall sehr clever. „Ähm, du…bei deiner Freundin?…Ich wusste gar nicht, dass…..also….nun…ähm, ich wollte nur mit einem Freund reden, ich dachte wir sind Freunde?“ „Naja, wir hatten einmal Sex, einige seltsame Begegnungen, und du meldest dich nur dann, wenn es dir passt und erwartest, dass ich für dich da bin. Ich verstehe es, ja, aber es ist mühsam, anstrengend, frustrierend und unfair. Und schau auf die Straßen: Es gibt andere Probleme als deine kleinen Neurosen, mein Herz.“ „Du hast Recht, ich bin unfair, es ist nur, mir fällt alles schwer, und…..“ „Das Leben ist schwer, mein Schatz, unperfekt, mühsam, traurig, schmerzhaft, und wenn du das akzeptierst, ist vieles einfacher. Ich muss auflegen, melde dich, wenn es dir passt, aber versprich mir nichts mehr, das du ohnehin nicht hältst. Liebe Grüße und Tschüss“. Damit legte ich auf, ohne ihre Antwort abzuwarten. Ich fühlte mich mächtig stark, und war stolz auf mich, so konsequent gehandelt zu haben.

Als ich zurück zum Fenster marschierte, hörte ich Schreie draußen: Einige Demonstranten hatten sich wohl in die Haare gekriegt, andere attakierten offenbar unbeteiligte Zuschauer, die am Straßenrand das Treiben beäugten. Ein Aktivist, der eine Fahne mit der Aufschrift „Make peace, not war!“ bei sich trug, stürmte gen Straßenrand, wo eine Gruppe älterer Menschen stand, die allem Anschein nach wenig Freude mit dem Aufruhr hatte, stieß eine rund 60-Jährige auf den Boden, beugte sich über sie und schlug ihr mit der Faust mehrmals ins Gesicht, bevor er die Flagge hob und ihr die Spitze des Fahnenstabs durch die Brust rammte. Die Flagge steckte in ihrem Leib fest, die Zuckungen der Dame wurden weniger und leichter, und während sich der Aktivist stolz schreiend entfernte, wehte die Flagge mit der nun blutbespritzten Aufschrift „Make peace, not war!“ sanft im lauwarmen Wind.

Ende.


„Aufzeichnungen aus dem Loch“ ist eine Kurzgeschichte in 14 Kapiteln, die über die letzten Wochen hier erschienen war. Den gesamten Text kann man HIER nachlesen.

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