IX

Wahnsinn ist die Unfähigkeit, seinen Gefühlen und Bedürfnissen mit legitimen Mitteln Ausdruck zu verleihen. Insofern ist die Definition von „Wahn-Sinn“ auch kultur- und epochenabhängig, so kann temporärer Wahn auch bloß eine Reaktion auf ein krankes Umfeld sein. Dennoch, und davon bin ich fest überzeugt, ist es die Aufgabe eines jeden, Schaden von anderen abzuwenden; der Schaden kann sich dann natürlich auch gegen einen selbst richten, und die Frage ist, ob dies nun „moralischer“ oder „richtiger“ ist.

Solche und ähnliche Gedanken spann ich, nachdem sich Madame trotz gegenteiligen Versprechen nicht gemeldet hatte. Meine kurzzeitig erhellte Stimmung verdunkelte sich zunehmend. Ich litt nicht an der faktischen Situation, die uns alle aufgrund des Virus gleich betraf, sondern an der kollektiven Isolation, in der sich die Menschheit verfangen hatte. Niemand verließ das Haus, jegliches soziales Leben war erstorben, und das bereits seit 5 Monaten. Ich verwarf die zarte Hoffnung, die mir die Begegnung mit Madame ermöglicht hatte, und fragte mich, wie ich mein Dasein die kommenden Monate fristen sollte. Von der Politik hieß es, es werde sich für zumindest 6 weitere Monate nichts an der aktuellen Lage ändern können; irgendwann, ja, irgendwann würde ein normales Leben wieder möglich sein, doch jetzt nicht.

Inzwischen konusmierte ich fast täglich eine Flasche Vodka oder andere hochprozentige Alkoholika, ohne entsprechende Wirkung. Online hatte ich mir Schmerzmittel bestellt, die ich morgens und Abends zu mir nahm, und die mich schlafen ließen. Mir erschien all das angesichts der Umstände völlig logisch und folgerichtig.

Mein üblicher Tagesablauf sah wie folgt aus: Ca. 8 Uhr: Aufstehen. Duschen, frühstücken. Dann den ersten Film einlegen, und hoffen, bis Mittag ohne Alkohol durchzuhalten. Mittag: 2 Bier oder eine Flasche Wein, je nachdem, dann der nächste Film. Danach der nächste. Um ca. 4 Uhr kochen, „Mittagessen“ wie ich es nannhte, dann 4 Folgen irgendeiner dämlichen Serie. Dann gegen 7 oder 8 ein Blick ins Internet. Danach eine halbe Flasche Hochprozentiges; 1 Folge einer Serie, danach wieder 1 Film. Gegen 11 die zweite Hälfte der Flasche, dann Musik oder eine weitere Serienfolge, manchmal ein Spaziergang in der Nacht, sofern das mein Zustand noch zuließ. Masturbation, einen letzten Film einlegen, zu dem ich gegen 2 oder 3 morgens einschlief.

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