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14.4.2022

Nr. 68: Rette sich, wer kann!

Es ist vergleichsweise einfach und üblich, in Krisenzeiten und Zeiten der Überlastung auf verschiedene Verdrängungsmechanismen zurückzugreifen: Wer vom Job überfordert ist, reagiert mit Trotz, Streit mit dem Chef, lässt seinen Frust zuhause aus oder beginnt zu trinken; wer mit seiner Beziehung unzufrieden ist, treibt sich im Nachtleben herum, verliert sich in Fantasien oder beginnt eine Affäre; wer mit seinem Leben unglücklich ist, kauft sich Dinge, reist umher, zieht um, gibt Geld aus, will jemand anderer sein. All das gehört zum Leben, laut Freud sind Verdrängungsmechanismen nicht per se pathologisch oder neurotisch, sondern gehören in gesundem Ausmaß zum zentralen Repertoire des psychisch-kognitiven Apparats.

Klar, es kommt wie immer auf das Maß und Ausmaß an. Wer ein paar mal „einen über den Durst trinkt“, um seinen Gedanken oder seiner Wirklichkeit zu entfliehen, ist noch kein Alkoholiker, und gelegentliche Pausen von der Realität braucht jeder: Um gesund zu bleiben, ist es nötig, von Zeit zu Zeit aus der Zeit herauszutreten.

Wer allerdings die Verdrängung nicht zur Ausnahme, sondern zur Norm macht, ist krank.
Die reale Wirklichkeit wird ersetzt durch eine Schein-Realität, die auf den ersten Blick erträglicher wirkt (und das meist auch ist). Dieser Mechanismus ist so alt wie die Menschheit und kann mannigfaltige Formen annehmen. Gefährlich wird es insbesondere dann, wenn viele Menschen zum selben Zeitpunkt in Bezug auf die gleichen Phänomene Verdrängung und Verfälschung üben. Das Resultat sind Verschwörungstheorien und Massenverblendung, Demagogen arbeiten bewusst damit. Doch auch ohne „charismatischen Führer“ kann sich eine kollektive (Selbst)Manipulation einstellen, wenn nur genügend Menschen lange genug daran üben.

Wir beobachten diese Vorgänge seit Jahren, in gesteigerter Intensität: Den Beginn machten Rechtspopulisten mit ihren Erzählungen vom „Bevölkerungsaustausch“ und der „Überfremdung“, die Europa zerstören würden. Passiert ist bekanntlich nichts. Die nächste Stufe waren Trump und Kollegen mit unabsichtlich-absichtlicher Verbreitung von „Fake News“, „alternativen Fakten“ und Scheinwirklichkeiten, die ins eigene Weltbild passten, Macht sicherten oder persönliche Neurosen stillten. Aus der Ferne war klar: Wahnsinn, in Europa hat niemand (außer einer kleinen, im Endeffekt unbedeutenden Minderheit) den Schwachsinn geglaubt, der 4 Jahre aus dem Weißen Haus kam. In den USA sah und sieht die Lage anders aus, Nähe und Betroffenheit machen direkt betroffen und die Distanzierung umso schwerer.

Dann kam Corona: Zuerst eine Rückkehr zum Faktischen, Hören auf die Wissenschaft und empfohlene Maßnahmen, das Eingeständnis der Politik (großer Teile der Politik), selbst machtlos zu sein und Experten vertrauen zu müssen. Die Pandemie konnte so phasenweise unter Kontrolle gebracht werden.

Schon zu Beginn gab es Menschen und Gruppen, die gegen ihren Schutz (und den ihrer Mitmenschen) protestierten: Oft (aber nicht immer) waren es Rechte, Menschen, die bereits die Jahre zuvor ihr Mindset auf das Entwerfen „altenativer Realitäten“ geschult hatten, gepaart mit Schwäche und mangelnder Resilienz und Anpassungsfähigkeit. „Es kann nicht sein, dass mir jemand mein Leben verbietet!!“ – denn das Virus, den Feind, sah man ja nicht, insofern war es besonders einfach dessen Gefährlichkeit auszublenden. Würden diese Menschen auch auf die Straßen gehen und dort Partys feiern (wollen), wenn es Bomben hagelte und Menschen offensichtlich stärben, sie die Gefahr direkt SEHEN könnten? Wohl kaum. Obwohl: Der Herr im Kreml erprobt aktuell ein vergleichbares Experiment an seiner Bevölkerung.

Wie auch immer: Menschen, die zu Beginn der Pandemie so dachten uns sprachen, galten als Verharmloser, Leugner, Lügner, Idioten, und das waren sie ja auch. Vor einem Jahre bereits kam etwas ins Rutschen, spätestens seit dem Jahreswechsel 2022 ist die Meinung der Leugner mehrheitsfähig, nicht nur in der Bevölkerung, auch aufseiten der Politik. Es geschieht eine Massenleugnung und selbst induziertes Wunschdenken auf kollektiver Ebene, das aus abnehmender Resilienz und der Unfähigkeit entspringt, die Realität als das zu erkennen, was sie ist: schrecklich. In gewisser Weise ist die Mehrheit der Bevölkerung heute auf das geistige Level der Querdenker degeneriert, die vor einem Jahr noch deren erklärte Feinde waren.

Natürlich, die Lage ist jetzt eine andere als vor 2 Jahren oder vor einem Jahr: Das Virus hat sich verändert, viele Menschen sind geimpft. Doch anstatt die Maßnahmen schrittweise und vorsichtig und der Gefahr angemessen zu reduzieren, um auch an den Ansteckungs- und Todeszahlen oder dem persönlichen Sicherheitsgefühl ablesen und spüren zu können, dass sich die Lage zumindest etwas gebessert hat, musste alles niedergerissen werden. Mit Anlauf wurden Maßnahmen bis zu dem Ausmaß aufgehoben, um auf jeden Fall die selbe Krankenhausbelastung und die gleichen Todeszahlen zu garantieren, wie in den Wellen 2020 und 2021. Teilweise konnten die Zahlen sogar übertrumpft werden.

Warum das? Weil um das Jahresende 2021 mit vielen Menschen etwas passiert ist, das sich durch psychische Faktoren erklären lässt. Sie sind schlicht ge- und zerbrochen, ihre Fähigkeit, mit der Situation, der Krise, also der Realität umzugehen war erschöpft – und sie flüchteten sich in die eine oder andere Wahnvorstellungen. Der Mechanismus ist der selbe wie jener der Querdenker zu Beginn der Pandemie, die Inhalte sind ebenso die gleichen: „nur eine Grippe“, „ungefährlich“, „Freiheit“, „ich lasse mich nicht einsperren“, „schau nur nach Land xyz!“. Die weiterhin sehr reale Bedrohung wird negiert, verdrängt, indem Argumente gefunden werden, diese in Abrede zu stellen und zu widerlegen. Das Problem: Es sind Lügen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.

Was passiert, wenn sich große Teil der Bevölkerung belegbar falschen Deutungen der Realität hingeben, dafür gibt es in der Menschheitsgeschichte genügend Beispiele. Wer einmal mit der Lüge beginnt und ihr glaubt, kann sich schwer von ihr befreien. Wie war das mit der Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Österreich, der Umgang mit anderen Demagogen in anderen Ländern und dem Schaden, den sie angerichtet haben? Am Ende wollte keine „dabei gewesen sein“ oder „etwas gewusst haben“.

Man kann nur hoffen, dass viele der Neo-Querdenker, die von „Freedom Day“ und dem „Ende der Pandemie“, vom „ungefährlichen Omikron-Virus“ und der „Rückkehr zur Realität“ schadronieren möglichst bald mit der Realität konfrontiert werden: Sei es durch Krankheit. Oder durch den Tod. In zweiterem Fall ist es dann halt etwas zu spät für Erkenntnis.

Richtig.

„Die Trotteln, die Dummen, die Mehrheit, unter mir
ich bin erhaben, aber wer seid ihr?
schmutzig, dumm und dreckige Lumpen
falsch und böse, geht sterben ihr Dummen
Ich weiß, alleine, wie alles geht
weil sich alles stets nur um mich dreht
und das ist gut und richtig
weil andere Gefühle sind nichtig

Ich herrsche, weil ich nicht offen lüge
meine Kirche ist stärker, wenn ich alle betrüge
komm ich davon, weil ich auf der rechten Seite stehe
bin schadlos, auch wenn ich mich vergehe
Macht ist böse, darum nenne ich sie nicht
aber ohnmächtig sind die anderen, und ich steh im Licht
ich bin erleuchtet, mein Geist ist wach
die anderen sind dumm, das Volk ist schwach
ich meinte es gut, doch Rechthaben ist besser
ich gleite auch gerne durch trübe Gewässer
solange ich Macht hab und verdeckt schlagen kann
merkt keiner dass ich bin der neue Mann.“