Archiv der Kategorie: „Versuch“ – a short story

5

Als Joe zufrieden zurück in die Wohnung ging, vernahm er, wie die Klingel nicht klingelte. Nachbarin war also entgegen ihrer Ankündigung noch nicht wieder zurückgekehrt. Joe machte sich keine weiteren Gedanken darüber und einen weiteren Abstecher auf die Terrasse. Idiot war inzwischen wieder aufgestanden und zog schimpfend von dannen und eine Blutspur, die langsam tröpfelnd seinem Hohlkopf entschwand. Ab und ab blickte er wütend nach oben, dann wieder auf sein Handy, das im 10-Sekunden-Takt irrsinnige Nachrichten zu empfing, von denen Leben und Tod abzuhängen schienen. Joe rauchte eine weitere Zigarette. Inzwischen war es dunkel geworden draußen, es musste 5 sein, oder 7, oder 9, für Joe machte es keinen Unterschied, denn es fühle sich alles gleich an. Wieder drinnen aß er weitere Reste von den von Nachbarin mitgebrachten Köstlichkeiten, die tatsächlich recht köstlich waren. Indes war sie, diese Juliette, immer noch nicht zurückgekehrt. Trotz anfänglicher Zweifel hatte sich Joe inzwischen freudig damit angefunden, dass sie die nächsten Wochen während des Lockdowns sich bei ihm in der Wohnung festsetzen würde, wie ein lieber, wohlwollender Parasit, der ihm langsam das Leben aussaugen würde, und andere Dinge. Es klang für ihn nach einer relativ erträglichen Gesellschaft, die diese Zeit aushaltbar machen sollte, vielleicht sogar schön. Joe schaut auf seinen Laptop, dann auf sein kleines Handy: Keine Infos, keine Nachricht, nichts von Juliette.

Er las, dass die Festsetzung der Bevölkerung bereits am nächsten Tag beginnen sollte und ab 0:00 in Kraft treten würde. Es war nun tatsächlich bereits 20:00, wie Joe der Uhr in der Küche entnahm. Nichts Neues von Nachbarin, kein Mucks. Er überlegte, ob er einfach nach oben zu ihr gehen sollte, bei ihr klingen, ZU ihr gehen sollte, oder sie nach unten holen, oder einfach nach draußen gehen sollte und die letzten 4 Stunden in Freiheit genießen. Er entschied sich für ersteres und verließ seine Wohnung, wobei er den Schlüssel drinnen vergaß, wie er sofort merkte, als die Tür in die Angeln gefallen war. „Fuck“ schrie Joe, nahm den hässlichen Kranz von seiner Tür, welche dieser seit Monaten verunstaltete, warf ihn gegen die Tür des Nachbars, sprang ein paarmal darauf herum und trat dann gegen die Nachbarstür, die unerwarteterweise nachgab: Eine Tür ging zu, eine andere auf. Joe trat vorsichtig ein und bemerkte überrascht, dass die gesamte Wohnung leer stand. Es war eine große Wohnung, wenn nicht 3 mal so groß wie seine eigene, mit geschätzt 10 Zimmern. In einem stand eine Couch, in einem anderen ein Bett, sonst war sie leer. Sie war allerdings beheizt und warm. Joe überlegte, was er nun machen sollte: Er dachte bisher immer, sein Nachbar, den er das letzte Mal vor einigen Monaten gesehen hatte, würde hier wohnen, er hatte ihn allerdings auch davor nur alle paar Monate gesehen, was zum einen daran lag, dass Joe seine Wohnung oft wochenlang nicht verließt, oder dann wieder tagelang nicht zuhause war. Er überlegte auch, ob er nicht seine Wohnung eintreten sollte, da diese Türen offenbar leicht nachgaben, ging dann aber nach draußen und hinauf nur Nachbarin, die immer noch nicht aufgetaucht war.

Als er ihr Stockwerk erreichte, stand die Tür einen Spalt offen. Joe trat wortlos ein und vernahm Wassergeräusche aus dem Badezimmer. Er war zum ersten mal hier und folgte dem Plätschern des Wasser bis ans Ende des Flurs, auch diese Tür war nur angelehnt, Joe öffnete sie schnell und trat ein, vor ihm lag Juliette in der Badewanne und machte es sich gerade selbst. Joe entkleidete sich und stieg wortlos zu ihr in die Wanne, was sie nicht zu stören schien und was sie ebenso wortlos akzeptierte. Joe begann, ihren Körper, den er nun zum ersten mal völlig nackt sah, zu küssen, er steigerte die Intensität dieses Vorgangs schrittweise, bis Wasserspritzer über den Rand des Beckens und stöhnende Laute aus dem offenen Mund der Nachbarin schwappten. Nachbarin wechselte die Position und tauchte Joe unter Wasser, während sie nach unten abtauchte und verhaltene Laute bei Joe evozierte, der diese versuchte zu unterdrücken. Das ganze Spiel ging zirka 20 Minuten, bis beide zufrieden und wortlos in der nassen Wanne nebeneinander einschliefen, während das große Fenster an der Decke, das einen Blicken nach draußen gen Himmel offenbarte, schwer beschlagen war.

Als Joe nach kurzem erwachte, lag Juliette in seinen Armen und schließ tief uns fest, während er plötzlich zu schluchzen begann, große Tränen kullerten über seine Wangen und flossen in das nur mehr lauwarme Wasser. Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und schämte sich für seinen peinlichen Gefühlsausbruch, den zum Glück niemand bemerkt hatte, entstieg der Wanne und ließ warmes Wasser ein, sodass Nachbarin nicht frieren musste. Er ging auf den Flur hinaus, bog rechts ab und kam in ein großes Wohnzimmer, das hell beleuchtet war und das halb mit allen möglichen Kleidern bedeckt zu sein schien. Er schämte sich immer noch für seine Gefühle, die ihn in der Wanne übermannt hatten, wollte sie rückgängig machen, löschen, sagte sich, er wäre dumm und schlecht, hasste sich selbst und wusste nicht, warum. In diesem Moment kam Nachbarin ebenfalls ins Wohnzimmer, immer noch nackt, blickte Joe in die Augen, sagte „Is Okay, Mann“ und bot ihm ein Getränk an, das sich in einem großen Cocktailglas befand.

4

Als Joe zurück ins Wohnzimmer kam, lag Nachbarin schlafend auf der Couch, sie schnarchte. Neben ihr lief der Fernseher, den sie offenbar eingeschaltet hatte. Joe drehte die Lautstärke runter und ging auf die Terrasse, um 2 Zigaretten zu rauchen. Der undurchsichtige Nebel lichtete sich etwas, die Sicht wurde wurde klarer, die Szenerie hellte sich auf. Das galt auch für den Blick über die Stadt. Als Joe zurück nach drinnen ging, aß er zunächst die Reste der Pizza, die er bestellt hatte, danach das Essen aus einem der Kartons, das Nachbarin mitgebracht hatte. Da sie tief und fest schließ, entwendete Joe ihre Geldbörse, die sie auf dem Couchtisch abgelegt hatte: Er wusste bisher nicht, wie sein Gast hieß, diese Person, die er seit Jahren kannte, der er immer wieder begegnete, bisher meist mit überbordendem Desinteresse, die in seinem Kopf immer nur „geile Nachbarin“ gewesen war, in seinen depressiven Phasen „Nachbarin“ oder „Frau“.

Juliette hieß sie, wie er ihrem Personalausweis entnehmen konnte, den er in ihrer Geldbörse fand. Joe hielt das für einen schönen Namen und nahm sich vor, ihn sich zu merken und sie gedanklich ab nun damit zu assoziieren. Er wusste nicht, ob sie seinen Namen eigentlich kannte, erinnerte sich dann aber, dass sie ihn heute morgen im Stiegenhaus mit „Hey, Joe“ begrüßt hatte. Ihm war langweilig, Nachbarin Juliette schnarchte vor sich hin. Joe drehte den Ton des TV-Geräts wieder auf und zappte durch die Kanäle. Er blieb bei einem News-Kanal hängen, wo eben verkündet wurde, dass die Bevölkerung ihre Gemächer die nächsten 3 Wochen nicht verlassen dürfte. Joe überlegte, ob er Nachbarin wecken und unter irgendeinem Vorwand aus seiner Wohnung verscheuchen sollte, ob er sie wecken und sie darüber informieren sollte, was er eben gehört hatte oder was sonst zu tun war. Er hatte den starken Drang, alleine zu sein und sich zu betrinken, gleichzeitig machte er sich Gedanken über die kommende Zeit. Er könnte Nachbarin auch nichts von alldem sagen und sie bei sich behalten, er wusste nicht, ab wann die lokale Festsetzung zu gelten begann, ob sie absolut war und ob sie denn nun den Ort betraf, wo man nun aufhältig war.

Joe hatte keine Lust, sich weiter darüber Gedanken zu machen oder Entscheidungen zu treffen, die am Ende doch drittrangig waren. Er ging in die Küche, schenkte sich ein Glas Vodka ein und leerte es; der Plan war, zu sehen, was passiert, und die Dinge laufen zu lassen.

Als Juliette erst 3 Stunden später erwachte, wurde es bereits langsam dunkel. Joe sagte „Hey, wie gehts?“ und sie lächelte ihn an. Er verspürte plötzlich eine seltsame Anziehung, die von dieser Frau ausging, die er davor noch nicht festgestellt hatte. Schließlich informierte er sie über die neuen News, die er davor aus dem TV-Kasten gehört hatte. Juliette dachte kurz nach und sagte dann: „Ich geh‘ kurz rauf und hol‘ ein paar Sachen, dann komm ich wieder, ist das OK?“ Joe nickte und sie verließ die Wohnung. Joe trank ein weiteres Glas Vodka und rechnete nach, wie betrunken er nun bereits sein müsste, während er kaum etwas von dem Alkohol spürte und sich völlig nüchtern fühlte. Im Internet recherchierte er in Abwesenheit von Nachbarin nach Detail zu der Festsetzung und fand heraus, dass sie absolut galt, erlaubt waren nur Einkäufe im Supermarkt, unaufschiebbare Arztbesuche und Besuche bei kranken Verwandten. Joe hatte keine kranken Verwandten, und auch keine gesunden. Keine Ärzte, die er regelmäßig sehen musste – und genügend Essensvorräte für wohl einen Monat. Zufrieden ging er ins Schlafzimmer, nahm seinen Couchsessel, auf dem er ab und an abends las, trug ihn auf die Terrasse, rauchte eine weitere Zigarette und warf den Sessel über den Balkon. Er flog in seltsamen Bewegungen nach unten und traf einen Passanten, der eben unter dem Balkon durchlief: Dieser flog zu Boden, blickte irritiert nach oben und schrie wild um sich. Es war jener Idiot, der Joe morgens eine blutige Wange beschert hatte.

3

Als Joe seine Wohnung erreichte, schleppte er sich die Stufen hinauf zu seiner Wohnungstür, während er auch im Stiegenhaus eine rote Blutspur hinterließ. Maria, die Putzfrau, würde sich freuen. Zumindest etwas vorweihnachtliche Feststimmung, sagte sich Joe, während er die rote Blutspur mit einigen glitzernden Tannenzweigen schmückte, die er von einem hässlichen Kranz rupfte, der seine Wohnungstür „zierte“. Schließlich sperrte er auf, ließ sich in sein Zuhause fallen, warf die Tür hinter sich zu und torkelte Richtung Badezimmer. Die Blutung auf der Wange hatte gestoppt, er wischte die restlichen Blutspuren mit einem Handtuch weg. Sein linker Ellbogen schmerzte, er konnte den Arm kaum bewegen. Joe ging in die Küche, holte eine Gabel aus der Lade und stach damit auf den schmerzenden Arm ein, der zuckte und nach oben schnellte. Er war also noch bewegbar. Zufrieden warf Joe die Gabel auf den Boden und ließ sich selbst im Wohnzimmer auf die Couch fallen.

Nach 3 Stunden wachte er auf, er war wohl eingenickt, als das Telefon klingelte. Er hatte immer noch eines dieser alten Geräte in seiner Wohnung stehen, da er die Kunst des Telefonierens liebte. Er war Nachbarin, die er zuvor im Stiegenhaus getroffen hatte. „Hey, Joy, ich bin gerade in der Stadt und hatte ein Riesen-Drama mit meiner Freundin, ihr geht es nicht gut, sie hat Rotz und Wasser geheult hier, nun bin ich auch am Ende mit den Nerven. Sie ist jetzt weg, aber willst du nicht vorbeikommen? Ich schicke dir ein Taxi vorbei und zahl‘ es gern für dich, was sagt du? Ich lade dich auch zum Essen ein…und danach, schaun wir zu mir, ja?“ Joe blickte irritiert auf den Hörer und wusste nicht, was er sagen sollte. Nach 30 Sekunden Schweigen sagte er knapp „Nein.“ und legte auf. Nach 10 Sekunden klingelte das Telefon erwartungsgemäß erneut, Joe ignorierte es, nach 1 Minute klingelte es wieder. So ging das nervige Schauspiel noch 5 mal, dann war Ruhe. Joe nahm nun den Hörer zur Hand und bestellte bei der Pizzeria ums Eck eine Riesenpizza, die ihm 20 Minuten später geliefert wurde. Nachdem er die Hälfte davon gegessen hatte, schlief er erneut ein, bis ihn die Wohnungsklingel weckte. Er wusste bereits, wer es war, bevor er öffnete: Nachbarin stand im Gang, mit demonstrativ tiefem Ausschnitt: „Hey du, ich dachte, wenn du schon nicht zu mir kommst, dann komm ich zumindest zu dir…“ „Ach was“ sagte Joe und überlegte, ob er ihr nicht die Tür vor der Nase zuschlagen sollte. Widerwillig ließ er sie schließlich doch eintreten: Sie hatte offenbar diverses Zeugs aus dem Lokal mitgebracht, in dem sie Joe erwartet hatte, das sie auf dem Küchentisch ablud. Danach ließ sie ihren Mantel fallen, zog ihre Schuhe aus und dann ihre Bluse. Joe blickte sie verwundert an und fragte sie, was das werden solle. „Ach tu doch nicht so, du Schlingel, ich weiß doch genau, wie du mich immer anschaust!“ Sie machte weiter, schob ihren Rock hoch und begann, an sich herumzuspielen.

Joe sagte nichts dazu und ließ sich auf die Couch neben ihr sinken und beobachtete sie skeptisch von der Seite. Da saß nun also eine halbnackte Frau neben ihm, die darauf wartete, dass er etwas unternahm, IRGENDETWAS machte, doch er weigerte sich. Zehn Minuten ging dieses Trauerspiel weiter, Nachbarin erregt und lüstern, Joe desinteressiert und apathisch. Schließlich stand er auf, hob die Gabel vom Küchenboden auf und rammte sie sich in sein Bein. Dann ging er zu Nachbarin, beugte sich über sie, begann, sie zu küssen und entkleidete sich und sie. Sie hatten Sex, 2 mal, jeweils rund 15 Minuten lang, unterbrochen von einer 10-minütigen Pause, in der die beiden Turteltäubchen still und regungslos nebeneinander lagen.

Nach dem lustvollen Liebesabenteuer im Wohnzimmer stand Joe auf und nahm eine Dusche, während sich Nachbarin wieder teilweise ankleidete. Joes Stimmung erhellte sich minimal, er war nun doch froh, dass Nachbarin vorbeigekommen war und fand sein voriger Verhalten dämlich.

Versuch – 2

Am nächsten Morgen wachte er viel zu früh auf. Schon um 5 Uhr läutete sein innerer Wecker und ließ ihn aus dem Kippstuhl aufschrecken. Er schleppte sich in die Küche und kochte Kaffee, trank 2 Tassen und ging danach auf den Balkon. Er blickte über eine sich aus der Nacht erhebende Stadt, die ihm unzugänglich war. Nachdem er 3 Zigaretten geraucht hatte, ging er wieder nach drinnen und ließ sich im Badezimmer in seiner großen Wanne ein Bad ein.

Nach dem heißen Bad bekleidete er sich und verließ widerwillig die Wohnung; widerwillig, da ihm die Decke auf den Kopf fiel, er sich aber ungern draußen bei dem trüben Wetter herumrieb. Im Stiegenhaus begegnete er einer Nachbarin, die ab und an einen Plausch mit ihm hielt, ohne dass diese Gespräche bisher irgendwohin geführt hätten. Sie trug einen langen, leopardengefleckten Mantel und hässliche High Heels, die vor allem zu dieser Uhrzeit unangebracht schienen, da sie offenbar das Haus eben verließ, und nicht etwa nach einer durchzechten Nach nach Hause kam. „Hallo, Joe! Wie geht’s dir? Was machst du so früh munter?!“ „Das könnte ich dich auch fragen“, antwortete er mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen, für dass er all seine Kräfte aufbringen musste. „Ach, ich fahre in die Stadt, treffe eine Freundin, man muss sich doch irgendwie beschäftigen, bei dieser Lage! Hast du die Nachrichten gehört? Es ist schlimm. Ich mache mir Sorgen. Weißt du, ich könnte auch daheim bleiben, aber drinnen dreh ich durch, du nicht auch?“ „Ja, absolut“, meinte er, es sollte klingen, als würde er ihrer Sorge zustimmen, für sich wusste er aber, dass er eigentlich nur ihrem letzten Satz beipflichtete.

Nach einigen seltsamen Sekunden der Stille, die die beiden starr stehend im Stiegenhaus verbrachten, platze es aus Nachbarin heraus: „Sag, komm doch heute Abend zu mir in die Wohnung, ja? Wir könnten etwas essen und trinken, einen Film schauen, ja?“ Joe überlegte. „An sich gerne, aber ich bin mir nicht sicher, ich melde mich später, vielleicht.“ Nachbarin nickte, sagte ein beiläufiges „Ja!“ und schritt die Stufen hinunter, um nach Verlassen der Wohnhaustür in ein wartendes Taxi zu steigen, das augenblicklich davonbrauste.

Joe war nun draußen und ging einige Schritte. Sein linkes Bein schmerzte, er wusste nicht, warum. Es wurde heller, doch der dichte Nebel machte die Straßen zu unwirtlichen Gegenden, die man am liebsten meiden würde. Hier und dan begegnete er anderen Spaziergängern, die meist augenblicklich die Straßenseite wechselten, als sie ihn sahen. Nach rund 10 Minuten gelangte Joe an sein Stammcafe, ging nach drinnen, nahm im fast leeren Lokal Platz und orderte Kaffee – noch mehr davon. Er saß am Fenster, starrte ausdruckslos auf die menschenlosen Straßen hinter dem beschlagenen Fenster, das ihn von der Welt trennte. Im Cafe befanden sich lediglich 3 andere Gäste: Ein alter Herr, der jeden Tag mit seinem Hund hierher kam, um Zeitung zu lesen. Ein junger Mann, etwa in Joes Alter, der geschäftig und angestrengt auf seinem Tablet herumtippte. Und eine Frau, um die 40, die Joe noch nie hier gesehen hatte. Sie weckte zumindest kurz Joes Interesse und er wandte sich von der tristen, trostlosen Straßenszenerie ab und ihr zu. Sie schien das zu bemerken und blickte kurz herüber, worauf Joe – bevor sich ihre Blicke treffen konnten – eilig wieder hinaus auf die Straßen blickte. Er leerte nun seinen Kaffee, stand auf, ging zum Tresen, zahlte und verließ hastig das Lokal.

Auf dem Heimweg stieß er mit einem Mann zusammen, der auf sein Handy starrend durch die nebeligen Straßen hastete und Joe übersah. Mit voller Wuchte krachte er in Joe hinein, der irritiert nach hinten kippte und sich gerade noch fangen konnte. Der Mann begann zu schreien: „Was…Warum….also…passen Sie doch auf!“, worauf Joe nach vorne trat, den Kerl schief anblickte und ihn kräftig anrempelte. Die Gesichtszüge des Typen verzogen sich, er errötete und holte aus, schlug Joe mit der Faust und voller Wucht auf die rechte Wange. Joe klatschte gegen die Hauswand rechts neben sich, von seiner Wange tropfte Blut, er verspürte aber kaum Schmerzen. Grimmig lächelte er seinen neuen Feind an, nickte, meinte „Danke, nun bin ich munter!“ und wünschte ihm „Auch einen wunderschönen Tag und durchschlagenden Erfolg bei jener sinnlosen Tätigkeit, die Sie zweifelsohne beruflich ausführen!“ Der Kerl blickte irritiert und hilfesuchend um sich, wusste nicht, was er sagen oder tun sollte, bis sein Handy klingelte, das auf den Boden gefallen war, das er nun nervös aufhob, abhob und irgendetwas sagte, das der kalte Wind in den Nebel davontrug. Auch der Kerl verschwand in der dichten Nebelsuppe, Joe schleppte sich in Richtung seiner Wohnung. Von seiner Wange rann Blut, er hinterließ am Gehsteig eine bemerkenswerte Spur aus rot glänzenden Tropfen und Blutschlieren.

„Versuche“ ist eine Kurzgeschichte, die kapitelweise hier veröffentlicht wird.

„Versuch“ – 1

Er erwachte erneut bereits um 4 Uhr Früh. Draußen war es dunkel, kalte Luft strömte durch das geöffnete Fenster, Regen klatschte gegen den Boden. Es war Ende November. Er befand sich in seiner großen 5 Zimmer-Wohnung, die er vor einigen Monaten gemietet hatte. Er lebte alleine. Er war zuletzt immer wieder zu früh erwacht, hatte kaum Schlaf gefunden, fühlte sich gerädert. Es waren keine klaren Alpträume, die ihn plagten, sondern diffuse Erinnerungen und Gefühle, die ihn immer wieder hochschrecken ließen.

Er zog seine Pantoffeln an und ging auf die Terasse. Rundherum war es völlig dunkel, nahezu schwarz, kalter Wind pfiff und fegte eisige Luft in seine Lungen. Er zündete sich eine Zigarette an und blickte in das schwarze Nichts vor ihm. Im 3. Stock war seine neue Wohnung, in einer schönen, ordentlichen Gegend der Stadt, die allerdings ebenso langweilig wie sauber war. Er fühlte sich einsam, verlassen und traurig. Nachdem er die Zigarrette beendet hatte, ging er wieder hinein und machte sich Kaffee. Er versuchte, sich an das zu erinnern, das ihn munter hatte werden lassen: Bilder huschten durch seinen Kopf, sein Körper zitterte, er spürte Schmerzen, Schläge, Angriffe, Wut, Hilflosigkeit, Ohnmacht. Und doch wusste er nicht, was in ihm vorging. Er nahm die Kaffeetasse, die geduldig auf ihre Befüllung wartete, und schleuderte sie gegen die Wand, sodass sie in 5 große und unzählige kleine Scherben zerbarst. Er nahm die Kaffekanne, die inzwischen fertiggekocht hatte, ging zu dem Scherbenhaufen hinüber und goss das heiße Getränk auf den Boden. Als die Hälfte des Kaffees verschüttet war, ging er zurück zur Anrichte, nahm eine neue Tasse, befüllte sie geduldig mit dem restlichen Kaffee, addierte Milch und begab sich ins Wohnzimmer zum Fernseher.

Er schaltete einen amerikanischen Sender ein und genoss nebenbei seinen Kaffee. Nachdem die Tasse geleert war, stellte er sie behutsam auf den Tisch, kippte seinen Lehnsessel zurück, begab sich in Embryostellung, zog sich eine dünne Decke über und schlief innerhalb kurzer Zeit ein.

eine Kurzgeschichte namens „Versuch“, deren Kapitel in unregelmäßigen Abständen hier erscheinen