Archiv der Kategorie: Aufzeichnungen aus dem Loch

VI

Irritiert und schockiert blickte ich von meinem Laptop auf: Das hatte ich wirklich nicht erwartet. Würde es ihr Verhalten von heute erklären? Was sollte ich darauf antworten? Warum erzählte sie mir das, was erwartete sie von mir? Mir fiel nichts auch nur halbwegs Kluges ein, das ich darauf sagen, antworten sollte, und entschied mich dazu, es bleiben zu lassen. Sie hatte mir eben ihr Herz über eine katastrophale Familiensituation ausgeschütet, die natürlich ihre Lage nun, nach dem (fast) Tod ihres Freundes verständlicher, weil aussichtslos machte. Kein Wunder also, dass sie nach jemandem suchte, der ihr helfen konnte, und das so schnell wie möglich, der für sie da war, sich um sie sorgte, ihr eine Stütze war.

Ich nahm mir vor, vorerst dennoch nichts direkt zu unternehmen, es aber zu akzeptieren, wenn sie mich um Hilfe bat, und als Freund für sie dazusein, wenn sie mich brauchte – unabhängig davon, welches Interesse sie sonst an mir haben könnte, oder nicht. In Gedanken versunken hatte ich die Zeit vergessen, es war inzwischen beinahe Mittag, ich hatte Hunger und aß etwas. Danach machte ich mich – mit Maske und Handschuhen – auf in den Supermarkt, um einzukaufen. Ich lud mir auch erneut 2 große Flaschen Vodka in meinen Wagen.

Natürlich, das alles, diese neue Drama in meinem Leben hatte etwas Positives: Ein Begebnis, das meine Aufmerksamkeit erforderte, das mich aus dem täglichen Leerlauftrott herauszuholen vermochte; gleichzeitig verspürte ich große Trägheit, die mich wie die Schwerkraft zum Verharren im Nichtstun nach unten zog, und die jede andere Kraft abzuweisen suchte, die ihr Gravitationsfeld stören wollte.

Wieder zuhaue trank ich eine halbe Flasche Vodka in kurzer Zeit; strarker Alkohol hatte bei mir über die vergangenen Wochen seine radikale Wirkung verloren, ich spürte natürlich, dass ich etwas betrunken war, aber für diese Menge funktionierte ich weiterhin überraschend gut. Danach legte ich mich in mein Bett und schaut 5 Folgen einer Serie, die ich mir auf DVD gekauft hatte. Ich überlegte, ob ich Madame nun eine Antwort zukommen lassen sollte, das schlechte Gewissen nagte an mir, es nicht bereits früher getan zu haben; gleichzeitig hatte ich keine Lust, mich damit auseinanderzusetzen, es war am Ende doch nicht mein Problem. Ich blieb im Bett liegen schlief ein. Gegen 9 erwachte ich wieder. Ich nahm mein Handy zur Hand und tippte: „Danke für deine Ehrlichkeit und Offenheit. Ich muss auch so ehrlich sein und dir sagen: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Du bist stark, dieser Lage entkommen zu sein, alles weitere, das du machst, ist richtig, du kannst nicht irren. Ich höre dir gerne zu, wenn du das brauchst, ansonsten kann ich, fürchte ich, nicht von Nutzen sein. Melde dich gerne wieder.“

Ich überlegte lange, bevor ich die SMS abschickte, tat es schließlich und fühlte mich erleichtert. Es fühlte sich an, als hätte ich meine Pflicht erfüllt und könnte nun wieder zu meinem Alltag übergehen: Mich in jenem einsamen, depressiven Stimmungsloch zu suhlen, der sich seit über 4 Monaten „Alltag“ nannte.

V

Frustriert ging ich zurück nach Hause. Doch was hatte ich erwartet? Dass sich Madame nach dem Beinahe-Tod ihres Geliebten einen Tag später frohen Mutes in ein Liebesabenteuer mit mir stürzen würde? Ich verteufelte mich innerlich, nicht auf mein Gefühl gehört und ihr Angebot, mitzugehen, ausgeschlagen hatte. Zuhause ließ ich mich auf mein Bett fallen und wollte nur noch schlafen und diesen Tag vergessen. Da klingelte mein Handy. Ohne auf die Nummer zu schauen hob ich ab und fragte in forschem Ton „Was ist?!“. Es war Madame: „Es tut mir so leid, was vorher passiert ist. Ich fühlte mich nicht gut, verzeih mir. Willst du nochmal kurz rüberkommen? Ich muss mir dir sprechen, dringend.“ Ich verneinte dankend und wünschte ihr eine gute Nacht, doch sie schien meine Zurückweisung nicht zu akzeptieren. „Es tut mir wirklich leid, bitte, hör mir zu….es ist nicht nur das ….es gibt da noch mehr, ich bin ganz alleine, niemand glaubt mir, ich muss darüber sprechen! Es ist etwas sehr persönliches. Bitte….“ Ich hatte null Lust, mir das Gejammer weiter anzuhören, war aber gleichzeitig gespannt, was sie zu erzählen hatte. Ich überlegte kurz, machte ihr dann den Vorschlag, mir doch eine Nachricht oder eine Mail zu schreiben mit ihrer Geschichte, da ich heute einfach zu müde war, und mich bis auf weiteres nicht mit ihr treffen wollte und auch keine Lust auf ausgedehnte Telefongespräche mitten in der Nacht hatte. Sie überlegte einen Moment und stimmte dann dankend zu. Ich gab ihr meine Mail-Adresse, sie versprach, sich schon bald zu melden. Mir war es gleichgültig, ich war müde, genervt, und wollte schlafen. Ich nahm noch 2 Schlaftabletten und eine Schmerzpille und verschwand innerhalb weniger Minuten im Traumland.

Mein Schlaf war erholsamer, als ich erwartet hatte. Als ich gegen 10 aufwachte, fühlte ich mich etwas gerädert, aber ausgeschlafen. Ich machte mir Kaffee, blickte aus dem Fenster, wo die Sonne schien (der leblose, von oben gestürzte Körper gegenüber war inzwischen entfernt worden, auch sonst gab es keine Spuren des Vorfalls, ganz so, als wäre hier nie etwas geschehen).

Als ich meine Mail-Posteingang öffnete, fand ich dort bereits eine Nachricht von Madame. Die Uhrzeit war mit 4:55 angegeben, sie hatte ihren Brief offenbar noch gestern direkt nach unserem Telefonat verfasst und verschickt. Als ich auf die Datei klickte, erwartete ich 1000 Entschuldigungen, Beteuerungen, dass das nicht mehr vorkommen würde, die Bitte, sie doch zu besuchen, Trauer über ihren Freund, und so weiter, und so fort, das volle Programm eben. Mitnichten. Der Brief begann wie folgt:

„Mein Liebster, danke für dein Angebot, mir zuzuhören – und sei es nur durch Lesen. Ich kann nicht besonders gut schreiben also bitte verzeih meine ungelenken Worte. Ich möchte dir,  nein, muss dir mein Herz öffnen, da meine große Stütze, meine Freund, weg ist und nicht mehr zurückkommen wird. Ich bin ganz alleine. Meine Familie, nun, ich sehe sie nie, habe seit 2 Jahren keinen Kontakt zu ihr. Wenn du wüsstest….du würdest es verstehen! Nur mit meinem Cousin schreibe ich ab und an, aber der hat andere Sorgen, ein kleines Kind, eine verrückte Frau…. Mein Vater ist vor 3 Jahren verstorben. Ich mochte ihn, doch er war schwach, und wir hatten die letzten Jahre davor wenig Kontakt gehabt. Meine Mutter ist gesund, aber ein durch und durch böser Mensch. Mein jüngerer Bruder ist ein Idiot, Mutter behandelt ihn wir ihren Sklaven, er ist ihr völlig hörig und ergeben und macht alles, was sie ihm aufträgt. Er ist wie ihr Wurmfortsatz, ein Blinddarm ohne eigene Persönlichkeit, willenlos, schwach.

Die Mutter meiner Mutter, meine Großmutter: Durchtrieben, dabei dumm, eingebildet, böse und fies. Als Kinder schlug sie uns regelmäßig mit ihrem Stock, ich habe noch heute eine Narbe am Rücken, als sie – ich war erst 7 – durch ihre heftigen Schläge mein Fleisch zum Platzen brachte. Die Eltern meines Vaters leben zurückgezogen in ihrem kleinen Haus am Land, weit abseits von allem. Als ich noch Kontakt zu ihnen hatte, sah ich sie nur 1 Mal im Jahr, zu Weihnachten. Mein Onkel, ihr Sohn, arbeitet als Anwalt in einer großen Kanzlei, sehr erfolgreich. Seine einzige Freundin,an die ich mich erinnern kann, verschwand irgendwann vom einen Tag auf den anderen, wir hörten nie wieder von ihr. „Meinungsverschiedenheiten“ gab der Onkel als Erklärung an. Er ist ein totaler Einzelgänger, hat keine Freunde, niemand weiß, was er abseits seiner Arbeit eigentlich triebt. Ich kann mich erinnern, einmal, als junges Mädchen, nahm er mich beiseite und blickte mich an, starrte in meine Augen; ich hatte riesige Angst gehabt, es war der Blick eines irren Psychopathen. Dann nahm er mich beiseite und fasste mich an..und….ich kann und will nicht weitersprechen. Du hast genug gehört, du weißt genug! Du weißt nun alles, nun, nicht alles, aber vieles. Du verstehst mich nun besser, hoffentlich! Es tut mir leid, alles. Ich habe niemanden. Bitte glaub mir. Ich schaffe es nicht. Ich bin verloren.“

IV

Ich hatte wenig Lust, die Rettung zu rufen, und mich dann stundenlang mit Formalitäten zu befassen, zu erklären, was ich gesehen hatte, was genau geschehen war, und so weiter und so fort. Zum Glück hatte einer der Polizisten nicht weit enfernt gestanden und alles aus nächster Nähe mitbekommen, vermutlich hatte er sogar Glück, dass das menschliche Geschoss von oben an ihm vorbeigesegelt war. Er rief seinen Kollegen herbei und tippte dann hastig auf seinem Telefon herum. Sie würden die Szenerie abriegeln, eine dicke Decke über den kaputten Körper legen, und alles weitere der Rettung überlassen.

Ich hatte genug gesehen, zog die Vorhänge zu und zog mich zurück. Ich machte mir etwas zu essen, und überlegte, wie ich den Tag verbringen sollte. Meine Arbeit hatte ich wie 80 % der Menschen hier verloren, da an einen Geschäftsalltag nicht zu denken war. Die Regierung zahlte den Betroffenen jeden Monat 1000 € „Virengeld“ um über die Runden zu kommen. Mir reichte das, ich hatte aber so natürlich wenig zu tun, was die Langeweile weiter steigerte. Ich nahm mein Handy zur Hand, überlegte, ob ich meiner neuen Bekanntschaft schreiben sollte. Gegen mein inneres Empfinden tippte ich „Du fehlst mir auch, x“ und wartete, was nun geschehen würde. Vorerst kam keine Antwort, ich nahm mir vor, den Nachmittag und Abend mit einem Filmmarathon im Bett zu verbingen. Zuletzt hatte ich meinen uralten DVD-Player ausgegraben, meine Sammlung nach Filmen durchstöbert, die ich schon lange nicht mehr oder noch nie gesehen hatte und sie zu einem Stapel zusammengefügt, der darauf wartete, verkleinert zu werden. Zuvor trank ich noch 2 Gläser Vodka mit Orangensaft, danach ließ ich mich ins Bett fallen und drückte auf PLAY!

Gegen 7 Uhr – ich hatte eben 3 Filme hinter mich gebracht – läutete mein Handy. Es war eine Nachricht von Madame XXX: „Hey. Lieb von dir. Er wird nicht sterben, aber auch nicht wieder aufwachen. Sagen die Ärzte. Keine Ahnung, ey. Seine Eltern sind jetzt hier. Ich fahre nach Hause. Willst du kommen?“ Erneut war ich irritiert und unschlüssig. Mein Instinkt sagte mir: Lass es sein, es ist dumm und falsch; gerade deshalb entschied ich, das Gegenteil zu tun, und ihrem irrationalen Wunsch nachzukommen. Ich konnte ja immer noch gehen, wenn es zu schräg sein würde, oder mich rausreden, oder was weiß ich. „Wann soll ich kommen? Wo wohnst du?“ schrieb ich ihr. Ich erwartete eine direkte Antwort, doch für 15 Minuten geschah nichts. Ich holte mir ein weiteres Glas Vodka, legte einen neuen Film ein, versank in meinem Bett, und schlief ein.

Als ich erneut gegen 2 Uhr aufwachte, und auf mein Handy blickte, gab es dort keine neue Nachricht. Enttäuscht nahm ich das Handy und warf es gegen die Wand, es wollte dennoch nicht zerspringen. Ich mühte mich aus dem Bett, überlegte, ob ich erneut einen nächtlichen Spaziergang wagen sollte: Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass ich erneut einem Lebensmüden und seiner Geliebten begegnen würde? Ich zog mich an und verließ die Wohnungstür, aus dem Augenblick erkannte ich, dass das Licht im Badezimmer der Nachbarin nicht brannte. Er war überraschend warm draußen, ungewöhnlich für die Jahreszeit. Auf den Straßen war weit und breit niemand zu sehen, ich schlenderte wieder Richtung Bahnbrücke. Dort angekommen sah ich eine dunkle Gestalt über das Geländer gebeugt, bitterlich weinend. Die Gestalt wirkte irgendwie vertraut. Ich erinnere mich, wie lächerlich kitschig mir diese Szenerie vorkam, die mich frappierend an einen schlechten romantischen Roman erinnerte, oder an das Büchlein „Weiße Nächte“ von Dostojewski, weniger schlecht, aber immer noch sehr, sehr romantisch: Doch das passierte gerade wirklich. Ich konnte mir ein inneres Lächeln nicht verkneifen. Wie würde das in einem Buch oder Film ablaufen? Edler Ritter geht auf Dame zu, sie blickt ihm schmachtend in die Augen, fällt in seine Arme, heult bitterlich, dann küssen sie sich, gehen von dannen, Szenenwechsel. Irgendwie war eine Variation dessen ja schon gestern geschehen. Ich setzte mich schließlich in Bewegung und schritt mit ironisch stolzem und aufrechtem Gang Richtung der Gestalt, und fühlte mich für einen Moment besonders edel, wie ein romantischer Held, der Hilflosen zur Rettung reitet. Meine Vermutung bestätigte sich, es war tatsächlich Madame xxx, die hier erneut eng umschlungen mit dem Brückengeländer bitterlich heulte und so zur Beschleunigung des Rostvorgangs der Eisenverstrebungen beitrug. Sie schien mich nicht zu bemerken. Erst als ich mich auf rund 3 Meter genähert hatte, blickte sie sich erschrocken um – und erbrach vor meine Füße. Nicht ganz so romantisch, wie ich mir das ausgemalt und befürchtet hatte. Sie schien erst jetzt zu bemerken, dass ich es war, blickte irritiert und verwirrt durch die Luft, bis sich ihre Gesichtszüge schließlich zu seinem kleinen Lächerln durchzuringen schienen. Ich begrüßte sie und reichte ihr ein Taschentuch; sie musste in dem Moment froh sein, dass sie aufgrund ihrer Viren-Immunität keine Maske tragen musste.

Sie entschuldigte sich für ihr, nun, „eruptives“ Verhalten und erklärte es mit dem Schock, den ihr mein Anblick verursacht hatte. Ich fand lustig, dass sie gestern nur geweint hatte, sagte aber nichts weiter. Sie entschuldigte sich, dass sie nicht eher geantwortet hatte, ich wischte ihre Einwände weg, während sie ihren Mund abwischte. Sie fragte mich, ob wir nun zu ihr gehen sollten, da wir uns ja schon getroffen hatten. Ich überlegte kurz und stimmte dann hastig zu, bevor ich es mir wieder anders überlegen konnte.

Ihr Wohnhaus lag nahe, nach nur 3 Minuten waren wir angekommen. Ihre Wohnung lag im ersten Stock, das Haus wirkte äußerst leer, ich bin nicht sicher, ob sonst überhaupt jemand dort wohnte, es wirkte wie ausgestorben. Die Absenz von Resten von Blutspuren ließ auch keine Vermutungen über natürliche Dezimierung der Hausgemeinschaft zu. In der Wohnung wies sie mit einen Platz auf der Couch im Wohnzimmer, während sie sich ein Glas Whiskey eingoss, wie ich aus dem Augenwinkel beobachten konnte. Sie bot mir nichts an, ihr führte es auf ihre Verwirrung und allgemeine Irritation zurück und wollte sie damit auch nicht nerven. Dann drapierte sie ihren Körper kunstvoll mir gegenüber auf einem Couchsessel und blickte mir in die Augen. Ich versuchte, zu deuten, was sie mir damit sagen wollte, der Blick war schwer zu entschlüsseln: Im einen Moment war ich sicher, dass es eine Einladung sein sollte, im nächsten zweifelte ich an meinem Eindruck, fragte mich, ob sie nur zufällig so dreinblickte, ob es ihr Schmerz war, oder ob es einfach gar nichts zu bedeuten hatte. Ich lehnte mich einige Zentimeter nach vor, sie wich zurück, auch ich wich wieder zurück. Dann saßen wir 10 Minuten schweigend da, niemand sagte ein Wort, wir starreten einander an, dann blickten wir aneinander vorbei, in die Luft, vorgeblich angestrengt nachdenkend. Schließlich schreckte sie kurz auf, starrte mir wieder in die Augen und sagte schroff: „Kannst du bitte sofort gehen?“ Ich war irritiert und wütend, wusste nicht, was geschehen war, erhob mich wortlos von der Couch, schlüpfte in meine Schuhe und verließ ebenso wortlos die Wohnung.

*

„Aufzeichnungen aus dem Loch“ ist eine fiktive Novelle, die in unregelmäßigen Abständen auf dieser Website kapitelweise veröffentlicht wird. Alle Personen und Geschehnisse sind frei erfunden.

Kapitel III

Ich sah den Schock in ihren Augen. Für einen Moment blieb sie wie angewurzelt stehen, dann drehte sie sich langsam um und schritt noch langsamer in Richtung des zuvor totgeglaubten Körpers. „Er atmet noch, ganz schwach, sein Herz schlägt. Aber kein Bewusstsein. Muss dringend ins Krankenhaus, kommen Sie mit?“ Sie blickte sich hilfesuchend zu mir um, ich blickte ausdruckslos und achselzuckend zurück, deutete ihr dann, sie möge doch mitkommen. Sie drehte sich noch einmal unschlüssig um und kam dann auf mich zu. „Hab‘ vorher vergessen, dir das zu sagen: Ich bin immun gegen das Virus, darum ohne Maske unterwegs. Mein Freund konnte mich nicht anstecken. Hier ist meine Nummer (sie reichte mir einen Zettel mit einer Nummer drauf, den sie offenbar immer eingesteckt hatte). Egal was passiert, melde dich, lass uns treffen.“ Dann drehte sie sich um und lief davon.

Die Sanitäter packten den beinahe leblosen Körper auf eine Trage und verstauten ihn im Rettungswagen, Madame nahm hinten neben ihrem Freund Platz, die Tür wurde von innen geschlossen, und der Wagen brauste davon. Was für ein Abend.

Ich spazierte nach Hause und ließ im Kopf alles noch einmal Revue passieren: Ich hatte also eben eine junge Dame kennen gelernt, die einen Freund hatte, wie sich herausstellte, der für kurz tot schien, dann doch wieder lebendig, die sich mit mir treffen wollte – warum auch immer. Tatsächlich war es das Aufregendste, das ich seit Monaten erlebt hatte. Ich fühlte mich lebendig, und überlegte, ob ich mich noch heute bei ihr melden sollte. Vermutlich unpassend und taktlos, andererseits hatte sie mir ihre Nummer von sich aus zugesteckt. Zuhause ließ ich mich ins Bett fallen und schlief danach so gut wie seit langem nicht. Am nächsten Tag wachte ich erst um knapp vor 12 auf.

Ich duschte und zog mich an, nahm dann mein Handy und schrieb Madame eine Nachricht. Ich erkundigte mich nach ihrem Wohlergehen und dem Zustand ihres Freundes, alles neutral gehalten. Kurz darauf die Antwort: „Er liegt im Koma, die Ärzte sagen, sie können nicht sagen, wann und ob er wieder aufwachen wird. Bin bei ihm, will aber nur weg. Du fehlst mir, xxx“. Irritiert legte ich mein Handy beiseite. Ich fehlte ihr? Während sie neben ihrem im Sterben liegenden Freund saß? Ich wollte vorerst nicht antworten und mir zunächst eine Taktik zurechtlegen. Von draußen hörte ich dann Schreie: Das passierte ca. 2 Mal jeden Tag, dass ein irre Gewordener die Straßen entlanglief und laut plärrte. Meistens war die Polizei schnell zur Stelle und nahm die Wahnsinnigen in Gewahrsam. Inzwischen gab es in den Krankenhäusern eigene Abteilungen, die sich mit diesen Fällen befassten. Meistens handelte es sich tatsächlich um Menschen, die den aktuellen Zustand nicht mehr ertragen konnten, und im paranoiden Wahn durchdrehten.

Diesmal war es ein rund 45-jähriger Mann, der schreiend von Haus zu Haus lief, an den Klingeln drückte, Steine gegen Fenster warf. Ein Polizist bemerkte ihn, nahm seinen Teaser zur Hand, näherte sich von hinten an und drückte auf den Abzug. Ein Zittern durchfuhr den Körper des Irren, dann ging er krachend zu Boden. Der Polizist packte ihn im Genick und zerrte ihn zum nahe stehenden Streifenwagen, bevor er ihn auf die Hinterbank bugsierte. Dieser Anblick war im letzten Monat schon zum Alltag geworden, wodurch niemand mehr richtig Notiz davon zu nehmen schien.

Eher noch besondere Ereignisse, die weiterhin für etwas Aufregung sorgten, waren die Selbstmorde durch Fenstersturz. Bei uns in der Straße war es erst einer gewesen, die Straßenkehrer waren 2 Tage lang mit dem „Aufräumen“ beschäftigt. Im Fernsehen hatte sich ein Psychiater zu dieser neuen Praktik geäußert und räsonierte darüber, warum sich die Menschen nicht mehr einfach die Pulsadern aufschlitzten, sich erhängten oder Tabletten schluckten: „Sehen sie, was sie antreibt, ist tiefe Verzweiflung und Ohnmacht. Nicht in Bezug auf ihr persönliches Leben, sondern wegen des eingeschränkten, öffentlichen, das ein persönliches nahezu unmöglich macht. Ein stiller, heimlicher Selbstmord bringt niemandem was, der Betroffene möchte seiner Umgebung doch mitteilen und zeigen, was er hier macht, für jeden sichtbar, als letzte Anklage an die Gesellschaft, auf ihn vergessen zu haben.“ Diese Erklärung machte Sinn, ein schöner Anblick war das alles dennoch nie.

Ich überlegte, was ich machen sollte, die beißende Langeweile umfasste mich wieder, die mich oft stundenlang niederrang und ans Bett fesselte, unfähig, mich aus ihr zu befreien. Mir fielen mehrere Dinge ein, die ich machen konnte, es erschien dennoch alles sinn-, zweck- und ziellos. Der Sinn des Lebens, ist doch, zu leben, und leben tut man über Interaktion mit anderen, in denen man sich spiegeln kann; das wurde uns genommen, wir hörten auf, zu existieren, als Gemeinschaft, als Gesellschaft, als soziales Gefüge, aber auch als Individuen. Die Selbstmorde waren also nichts weiter als die logische Fortführung eines Prozesses, der uns alle erfasst hatte. Als ich den Gedanken gerade beendet hatte, bemerkte ich im Augenwinkel eine Bewegung vor dem Fenster, etwas fiel vom 7. Stock des Nachbarhauses nach unten. Mit einem lauten Knall blieb es am Boden liegen. Mir war schon klar, was geschehen war, bevor ich aus dem Fenster blickte und mir ein genaueres Bild machte: Hier hatte gerade wieder jemand endgültig aufgehört, zu existieren.

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„Aufzeichnungen aus dem Loch“ ist eine fiktive Novelle, die in unregelmäßigen Abständen auf dieser Website kapitelweise veröffentlicht wird. Alle Personen und Geschehnisse sind frei erfunden.

Kapitel II

Ich wusste im ersten Moment nicht, wie ich reagieren sollte. Wildfremde Menschen sollten wir nicht anfassen, immer 2-3 Meter Abstand halten. Bei dem Mann unter der Bahnhofsbrücke war das kein Problem, aber die Dame stand mir gefährlich nahe. Ich hatte das Bedürfnis, sie zu umarmen, blickte ihr in die Augen. Sie hatte geweint, schien sich nun aber gefangen zu haben. Sie blickte mich ausdruckslos an und sagte nichts. Ich ging auf sie zu, 3 Meter, 2 Meter, 1. Meter, sie machte keine abwehrenden Anstalten, bis ich ganz nah bei ihr stand. Ich versuchte, sie in den Arm zu nehmen, sie wehrte sich nicht dagegen. Wir trugen beide keine Schutzmasken wie sonst nötig, wir hatten wohl nicht damit gerechnet, draußen auf Fremde zu treffen. Sie legte ihren Kopf auf meine Schulter und begann, zu weinen.

Ich versuchte, sie zu trösten. Aber was sagt man in so einer Situation? „Wird schon wieder“ ? „Ist nicht so schlimm!“ ? „Gibt auch noch andere, schöne Männer..“ ? Wohl alles unpassend. Ich ließ sie 5 Minuten weinen, dann löste sie sich aus meinen Armen und versuchte, sich zu fassen. „Wir müssen die Polizei rufen, und die Rettung, meinst du nicht?“ „Ja“, sagte ich. Sie griff nach ihrem Handy und wählte die betreffenden Nummern, während sie äußerst nüchtern zu erzählen begann, was geschehen war. Offenbar hatte ihr Freund Symptome des Virus gezeigt, war getestet worden und hatte die Info bekommen, mit dem Virus infiziert zu sein. Er wollte nicht länger leben: Sein üblichen Depressionen verschlimmerten sich in den vergangenen  Stunden bis zu dem Punkt, als er wortlos das Hasu verließ, zur Bahnbrücke lief, und sich in die Tiefe stürzte. Was mir nun größere Sorgen bereitete, also diese dramatische Liebesgeschichte, war die Tatsache, dass mir die Dame eben noch in den Armen gelegen war, die vermutlich ebenfalls infiziert war. Shit. Wär ich doch nur vorsichtiger gewesen.

Ich musste sie darauf ansprechen, aber wann? Sie hatte eben das letzte Telefonat beendet und meinte „Die kommen bald“, als sie sich wieder in meine Richtung bewegte, und mich offenbar nochmal umarmen wollte. Eingedenk meines neuen Informationsstandes wich ich vorsichtig zurück, und überlegte, wie ich ihr das erklären sollte. In dem Moment ertönte in der Nähe ein ohrenbetäubendes Martinshorn: Die nächste Rettungsstation war nur 2 Blocks weiter, die Kollegen machten sich offenbar direkt auf den Weg zu uns. Nochmal Glück gehabt. Meine Begleiterin erschrak kurz, verstand dann aber auch, und wandte sich wieder von mir ab.

„Wir sollen vielleicht da nach unten gehen, oder?“ meinte sie. „Ja“ sagte ich, und wir begaben uns zu den Stufen, die nach unten zu den Bahngleisen führten. Der Rettungswagen nahm offenbar eine schmale Zufahrt, die direkt zu den Gleisen führte. Als wir näher kamen, sahen wir eine große, pupurrote Blutlache sich ausbreiten, die ironischerweise die Form eines Herz angenommen hatte. Meine Begleiterin kniete sich weinend nieder und versank in ihrem Elend, ich hielt mich im Hintergrund. Als der Rettungswagen ankam, fragten die Sanitäter – alle mit Ganzgesichtsschutzmaske – noch einmal nach dem Hergang, und baten meine Begleiterin dann, auf Abstand zu gehen. Sie wollten den Körper untersuchen. Sie drehte sich um, kam auf mich zu, und machte erneut Anstalten, mir in die Arme fallen zu wollen. In dem Moment rief einer der Sanitäter laut und schrill von hinten: „Madame, ihr Freund ist ja noch gar nicht ex, der atmet noch!“

Kapitel I

Ich schrak kurz auf. Es war erst 2 Uhr, wie ich meinem Handy entnahm, das neben meinem Bett lag. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wann ich eingeschlafen war. War es bereits um 7 gewesen? Oder doch um 10? 11? Ich wusste es nicht mehr. Jedenfalls erhob ich mich aus dem Bett. Kurz kippte ich beinahe wieder um, aber konnte mich doch noch gerade so auf den Beinen halten. Es war Monat 4 des Lockdowns, den ein unbekanntes Virus verursacht hatte. Wir durften nur zum Einkaufen das Haus verlassen, wer alleine wohnte, durfte niemanden treffen.

Ich hatte mich mit der Situation abgefunden, ich konnte ohnehin nichts daran ändern. Ich schlurfte in die Küche und bemerkte erst jetzt, dass ich komplett nackt war. Meine Kleidung lag über den Boden verstreut, ich konnte mich nicht daran erinnern, wie sie dort gelandet war. In der Küche trank ich dann ein Glas Wasser und ein Glas Vodka. Es war erst das vierte oder fünfte heute.. Durch das Küchenfenster schimmerte Licht aus der Nachbarswohnung. Dort lebte eine junge Frau, ca. in meinem Alter, die ich seit Wochen beobachtete. Sie schien nicht zu bemerken, dass sie einen Zuschauer hatte, und ich war bestimmt nicht der einzige. Das Fenster führte in ihr Badezimmer, zumindest einmal täglich stand sie nackt vor ihrem Spiegel und betrachtete ihren sehr ansehnlichen Körper, und ich tat es ihr gleich. Nun stand ich nackt am anderen Ende, wenn sie wollte, könnte sie nun mich betrachten, mir war das ganz egal.

Moralische Bedenken empfand ich keine, die hatte ich bereits ab Monat 3 des Lockdowns über Bord geworfen; solange die Dame mich nicht beim Spähen erspähte, war alles gut. Und wenn sie es tat, was sollte sie tun? Herüberlaufen und mich schimpfen? Fremden durfte man außerdem die Wohnung ohnehin nicht öffnen, also.

Gerade schien dort drüben nichts zu passieren, Nachbarin verließ ihr Badezimmer wieder – angezogen – und drehte das Licht aus. Schade. Ich könnte ins Bett gehen und weiterschlafen, oder raus gehen, eine Runde drehen; war zwar nicht wirklich erlaubt, aber nachst kontrollierte niemand. Die schwer mit Gewehr bewaffneten Straßensheriffs waren nur tagsüber unterwegs. Ich zog mir also meine Schuhe an, warf eine Jacke über, und verließ meine Wohnung. Draußen war es kühl, aber nicht unangenehm. Ich spazierte einmal um den Block. Überall waren die Lichter aus, die Menschen schienen zu schlafen, auch tagsüber war es hinter vielen Fenstern dunkel, nichts regte sich. Vielleicht lagen einige auch tot in ihren Wohnungen herum (Suizid), mir war es einerlei. Niemand störte jedenfalls meine nächtlichen Ausflüge.

Ich entschloss mich, noch eine Runde weiter zu gehen, zur Bahnhofsbrücke in der Nähe. Dort war es auch still, denn die Züge fuhren nicht. Als ich über die Brücke geschlendert war und mich wieder auf den Rückweg machen wollte, hörte ich hinter mir Schreie, es war eine weibliche Stimme die irgendwas rief wie „Nein!“ oder „Nicht!“. Dann hört ich einen dumpfen Aufschlag, der Schrei verstummte. Ich drehte mich um, konnte aber in der Finsternis nicht viel sehen. Ich ging ein paar Schritte in die andere Richtung und erkannte die Silhoutte einer jungen Frau, die sich die Hände vor das Gesicht hielt. Ich kam langsam näher, und bemerkte, dass sie über das Brückengeländer nach unten blickt, mit Schock in den Augen. Als ich endlich bei ihr war, deutete sie nach unten. Als ich übers Geländer blickte, sah ich einen Mann am Boden liegen, regungslos, sein linkes Bein unnatürlich verdreht. Das Mädchen sagte mit lautloser Stimme: „Mein Freund. Naja, nun wohl Ex-Freund.“

Die „Aufzeichnungen aus dem Loch“ sind eine fiktive Novelle, die in unregelmäßigen Abständen auf dieser Website kapitelweise veröffentlicht wird. Alle Personen und Geschehnisse sind frei erfunden.