Alkohol oder Psychopharmaka?

Nr. 69 – 11.7.2022

Soll man sich zur aktuellen Lage noch äußern? Sich Gedanken machen? Auswege suchen? Daran verzweifeln? Aufgeben? Ich weiß es auch nicht, weil alles mühsam erscheint und deprimierend und es wenige Lichtblicke gibt in dieser Dauerdunkelheit, die nicht auf Verdrängung gründen würden.

Während die Corona-Zahlen erstmals nach 2 relativ Corona-freien Sommern auch in der heißen Jahreszeit hoch sind und wohl noch weiter steigen werden, wollen Regierungen (Außnahme: Wien) nichts davon oder möglichen neuen Maßnahmen oder Adaptionen bei der Pandemiebekämpfung wissen, sondern erklären diese für „beendet“. Sie fordern, man müsse nun eben „mit dem Virus leben“, ohne vernünfte Vorschläge zu geben, wie denn das gehen sollte. Und fordern, man müssen den „Krisenzustand beenden“, als würde sich das Virus von solchen Wortmeldungen beeindrucken lassen und einfach verschwinden.

Ich stelle es mir interessant vor, wenn solche Politiker, Medienmenschen, Menschen überhaupt dann vor Familien stehen, die Angehörige verloren haben; vor Betroffenen, die nach Jahren noch Post Covid-Folgeschäden haben, keinem normalen Alltag oder keiner Arbeit mehr nachgehen können; vor (ehemals) schwer Infizierten oder jenen, die wegen Long Covid wochen- und monatelang in ihrem Leben eingeschränkt waren (ca. 20-30% aller Infizierten!). Oder den Ärzten und Pflegern in den KH, auf den Stationen, die nun teilweise wieder geschlossen werden müssen, die seit 2.5. Jahren im Dauerkrisenmodus sind und nicht mehr können; denjenigen, die wegen der Überlastung des Gesundheitswesens keine Behandlung mehr (wegen Corona oder irgendwas anderem) bekommen. Wenn diese Schlauberger vor diesen Menschen stehen und ihnen sagen „also echt, wir müssen den Krisenmodus jetzt endlich mal beenden“.

….und es ist ja nicht die einzige Krise: Putins Überfall auf die Ukraine wäre für sich genommen schon ein einschneidendes Ereignis, eine „Zeitenwende“, die noch viel mehr Staub aufwirbeln würde, aber in dem Tornado oder Hurrikane aus Dauerkrisen geht dieses Drama inzwischen langsam auch unter. Der WKO-Präsident fordert bereits, man müsse über die Sanktionen nachdenken, die wären nicht klug (weil sie auch der heimischen Wirtschaft schaden). Er wäre damals vermutlich auch für Verhandlungen mit Hitler oder Stalin gewesen. Tausende Menschen starben und sterben und es kümmert uns nur insofern, als bei uns alles teurer wird. Und auch das ist schlimm und kann sich zur nächsten Tragödie auswachsen, insb. im Herbst/Winter, wo möglicherweise wegen Energieknappheit ganze Industrien ausfallen werden. Unsere Versorgungssicherheit infrage gestellt ist. Und wir im schlimmsten Fall ohne Heizwärme dastehen, frieren müssen, Zustände erleben werden, die niemand von uns auch nur im Ansatz kennt. Und dazu und oberdrauf dann noch eine weitere Corona-Welle. Zu erwarten ist ein Winter, der noch um einiges schlimmer werden wird als die letzten beiden.

Was macht also die Politik? Nichts. Der Kanzler aus Österreich empfiehlt „Alkohol und Psychopharmaka“, wenn „wir“ (damit meint er wohl die Regierung selbst) „so weitermachten“ (also nichts tun). Manchmal sind solche unbedarften Scherze und flapsigen Äußerungen schon recht entlarvend: Der Kanzler weiß, dass er nichts weiß, keine Antworten hat, auch keine Hoffnung mehr, welche zu finden und stellt die Menschen – scheinbar im Scherz – darauf ein, was wohl für viele tatsächlich die einzige Lösung sein wird. Auch eine Form eines freudschen Versprechers, unfreiwillig vieles offenbarend. Die Realität ist ein kolossales multiples (Polit-)Systemversagen und das „System“ (die politischen Institutionen etwa) scheitern vor unseren offenen und verzweifelten Augen daran, Lösungen zu finden und sich zu reformieren, an die neuen Realitäten anzupassen.

In diesem Kontext ist es natürlich kein Wunder, dass inzwischen eine Mehrheit der Menschen nichts mehr von all dem hören oder wissen will, nichts mehr glaubt, das „die da oben“ sagen, sich abwendet, verdrängt oder sich gar anderswo „informiert“. Diese Realität ist kaum noch erträglich und Scheinrealitäten und Verschwörungstheorien bieten kurzfristige Erleichterung, in kleinen Dosen oder in völliger Hingabe. Beispiel Pandemie: Äußerungen, die vor 2 Jahren als vollkommener Humbug, Schwachsinn, Irrsinn und Geschwurbel galten sind inzwischen nicht nur mainstreamfähig, sondern Mainstream, selbst Politiker oder führende Medien sprechen inzwischen von „Corona-Panikmache“ und dass das alles ja nicht mehr so schlimm sei. Ja, es ist nicht gleich wie 2020, es ist anders als vor 2 Jahren – aber gleich schlimm (Stichwort Long Covid, „Massendisabling“).

Diese Äußerungen sind Ausdruck völliger Überforderung und Verdrängung. Der Mechanismus ist wohlbekannt und in der Psychologie gut erforscht. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Augen zu und durch. Und danach will dann niemand etwas gesehen oder gewusst haben. Im „besten“ Fall führt das zur emotionalen Abstumpfung, sozialen Disruption und zum Verlust von Empathie und Solidarität (bereits sichtbar); im schlimmsten Fall zum Verlust der Gemeinschaft ihres Realitätssinns, ihres Wahrheitssinns, der Wahrheit an sich. Wir sind am besten (schlechtesten) Weg dorthin.

Warum ist es wichtig, sich dagegen zu wehren? Weil die Lüge der Anfang allen Bösen ist. „The genesis of evil“. Wer sich selbst belügt, belügt irgendwann andere, lügt über das, was er denkt, will, tut, tat, tun will, möchte, wünscht. Jede Neurose ensteht aus Selbstverleugnung und Verdrängung, sowohl auf individueller, als auch auf kollektiver Ebene. Und die Neurose wird umso größer und monströser, je mächtiger die Lüge und Verdrängung, der langfristige Schaden umso größer, je länger es andauert. Wie konnte Hitler (und Konsorten) passieren? Ebenso.

Was bleibt uns also noch? Nichts, außer die Dinge zu benennen, sie zu sehen und anzusprechen, wie sie sind, so schmerzhaft das für uns (und andere) auch sein mag: Die Wahrheit. Denn am Ende obsiegt sie immer.

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