Wendezeiten – Philosophie für die Krise, Teil 1

  1. Ausgangslage

Womit beginne ich meine Gedankenspiele, die sich mit unserer Gegenwart befassen wollen, und durch diese Auseinandersetzung Antworten finden möchten? Schon die Frage danach zeigt einiges auf, die möglichen Antworten umso mehr.

Klar ist, dass es zwei relativ klar benennbare „Brüche“ gab und gibt, die es mir so erscheinen lassen, als wäre eine ganz grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Regeln und Formen des menschlichen (Zusammen-)Lebens notwendig.

Zum einen ist das die Corona-Pandemie, die uns seit 2 Jahren in Atem hält, im wahrsten Sinne des Wortes, und all ihre gesellschaftserschütternden Implikationen und Folgen: Es gibt kein „danach“, da wir noch immer mittendrin sind, der Ausgang ist offen. Das Virus könnte sowohl (relativ gesehen) „verschwinden“, also (relativ) ungefährlich werden, als auch weiter mutieren und noch gefährlicher werden – und damit eine weitere Menge Menschen töten. Die Wissenschaften sind sich einig, dass valide Voraussagen unmöglich sind, und das oben als erstes geschilderte Szenario galt lange Zeit als das „optimistischste“, aber auch unwahrscheinlichste.

Zum anderen ist es der Einmarsch der Russen in die Ukraine, der erste derartige Krieg in Europa seit dem 2. Weltkrieg. Der Schock darüber ist noch zu groß, um dieses Ereignis irgendwie fassen zu können. Bilder von unmenschlichen Verbrechen erreichen uns aus der Ukraine. Waren die letzten Jahrzehnte, zumindest im „Westen“, gekennzeichnet von Hoffnung, Aufbruchsstimmung, Lebensfreude und Wohlstand, stehen wir nun am Anfang einer neuen Phase der Barbarei. Die Zeichen zeigten sich seit Jahren, nur wollte sie keiner sehen.

Neben erwartbaren, jetzt schon sichtbaren und wohl noch schlimmer werdenden indirekten Auswirkungen auf uns (steigende Preise, Flüchtlinge, Umgang mit diesen Menschen, gesellschaftliche, politische, psychologische, soziale Erschütterungen) ist nicht ausgemacht, dass dieser Krieg nicht auch uns (in Mittel/Westeuropa) ganz direkt betreffen könnte.

2. Wunschdenken

Allein die Benennung dieser Brüche impliziert bereits einige sichtbare Veränderungen. In Bezug auf den Umgang mit der Pandemie lässt sich nunmehr in weiten Teilen der Bevölkerungen, aber auch der Politik, magisches Wunsch-Denken feststellen, das tendenziell faktenfrei und evidenzlos ist. Die Erklärung ist relativ einfach: Die Resilienzen sind erschöpft, teilweise schon seit langem oder um Längen, sowohl die individuell-persönlichen, als auch die kollektiven. Die (natürliche) Reaktion darauf ist Abwehr, Verdrängung, Verleugnung bis hin zu Flucht in „alternative Realitäten“ oder paranoide Tendenzen.

Was zu Beginn der Pandemie eine nur kleine Menge an Menschen umfasste, betrifft nun eine Mehrheit. Erklärbar ist es dadurch, dass man eine große Anzahl an Menschen nicht über lange Zeit (über)belasten kann. Die Mehrheit kann mit 2-3 monatigen Krisen umgehen und sie verarbeiten. Eine immer noch knappe Mehrheit schafft das wohl 6 Monate bis zu einem Jahr. Nur noch eine Minderheit hält das 2 Jahre lang aus. Insofern ist die Mehrheits-Reaktion („alles vorbei“, „Freedom Day“ usw.) nachvollziehbar und erklärbar.

Antwort gibt es darauf vorerst keine. Es ist eher nicht davon auszugehen, dass diese Krise schnell beendet sein wird, das Virus einfach „verschwindet“. Man kann hoffen, doch bisher gibt es keine validen Aussagen darüber, ob wir nicht im Herbst von der nächsten Corona-Welle erfasst werden. Gleichzeitig wird die (psychische) Resilienz der Bevölkerung nicht stärker, sondern noch schwächer werden.

Daraus ergeben sich mehrere Konsequenzen:

a) „Normalisierung“ der Krise: Eine nicht mögliche oder nicht erfolgte Anpassung an geänderte Bedingungen und Realitäten führt zu einem pathologischen Dauerkrisenmodus. Verdrängung und Verleugung werden immer stärker, bis die neue Schein-Realität die Wirklichkeit ersetzt, die nicht mehr erträglich scheint.

b) Auflösung von Strukturen: Gesellschaftliche Strukturen und Institutionen lösen sich auf, wenn nicht faktisch und konkret sichtbar dann in ihrer Bedeutung. Eine Gesellschaft im Dauerkrisen- und Dauerstressmodus kann nicht funktionieren. Derzeit treten diese Brüche noch nicht immer offen zutage, sie sind aber etwa in der bereits radikalisierten Anti-Corona-Bewegung konkret sichtbar. Und man kann spekulieren, ob die Kriegserklärung Russlands, die im Wesentlichen auf eine Person zurückgeht, nicht auch bereits eine Auswirkung dieser Zersetzung von Strukturen, Sicherheiten, Regeln ist.

c) Abschottung und Anpassung: Viele Menschen reagieren mit Rückzug auf die oben beschriebenen Vorgänge. Es ist dies eine sinnvolle Schutzfunktion. In gesteigerter Form handelt es sich um Abschottung, die ebenso eher als sinnvoll zu bezeichnen ist: Eine Form „innerer Emigration“, Flucht vor einer Wirklichkeit, die immer unwirklicher wird. Die notwendige Anpassung scheint nicht auf kollektiver Ebene möglich zu sein, da es dafür zumindest Institutionen geben müsste, die pädagogisch wirken (wollen) (etwa den Staat, Religionen etc.). Das ist nicht sichtbar, im Gegenteil. Insofern bleibt die Anpassung eine individuelle Aufgabe, die im kleinen sozialen Gefüge geübt und erprobt werden kann. Darwin lässt grüßen. Dafür ist Abschottung von der Mehrheitsgesellschaft, die der Anpassung unfähig ist, notwendig.

d) Neue Bedeutungen und Werte: Alle uns bekannten Werte werden auf den Kopf gestellt. Die Gesellschaft und Kultur der Gegenwart funktioniert nicht mehr so wie jene von vor 2, 3 Jahren und jahrzehntelang davor, kann sie auch nicht mehr. Rückkehr zu einem „davor“ ist völlig unmöglich, ausgeschlossen und verleugnendes Wunschdenken. Trauer ist nötig. Der Bruch ist endgültig, eine neue Epoche steht am Anfang. Wie ihre Werte aussehen werden, ist noch nicht klar und wird sich erst zeigen, etablieren müssen. Neue Werte sind gleichsame die Voraussetzung für den Fortbestand der menschlichen Spezies. Wer sich nicht anpasst, stirbt (aus).

3. Neue Werte

Man kann trotz allem bereits einige Tendenzen erkennen, wohin sich die „neue Wirklichkeit“ und ihre Wertsysteme entwickeln werden: Aufwertung des Privat-Persönlichen, Verlust der Bedeutung des „Öffentlichen“; Rückkehr zu Werten wie „Familie“, „Klein-Gemeinschaft“, Re-Lokalisierung (im Gegensatz zur Globalisierung, indem Orte wieder an Bedeutung gewinnen); Verlust staatlicher Autorität: mögliche neue gesellschaftliche Organisationsstrukturen, die viel „kleinteiliger“ sind und eher wie jene tribaler Gesellschaften aussehen werden, als jene großer, heterogener (National-)Staatengebilde, die in globale Kontexte eingebettet sind; absoluter Bedeutungsverlust von alten Kultur- und Sozialtechniken in der uns bekannten Form (nicht aber dem Inhalt nach, dem eine neue, der Zeit angemessene Form gegeben werden muss, also Entstehung in ihrer Form neuer und/oder Rückbesinnung auf in ihrer Form alte, bereits für „überlebt“ gehaltene Kultur- und Sozialtechniken); völlige Fragmentierung des „kulturellen Feldes“ (Kunst, Kultur, Unterhaltung), Zusammenbruch alter Strukturen und Bedeutungen; Hunger und Bedürfnis der Menschen nach SINN und Erzählungen, die positive, hoffnungsvolle und realistische Visionen für die Gegenwart und Zukunft bereithalten, egal in welchem Medium (Wort, Schrift, visuell, musikalisch, bildnerisch etc.)

Weiterlesen: Teil 2

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