9.8.2021

Nr. 62: Ermattung.

Vor kurzem habe ich in der Presse einen klugen Artikel gelesen, der für „die Kultur“ die Metapher verwendet „strebend, aber noch nicht tot“, „im Streben liegend“. Die Autorin meinte damit, dass nach 1.5 Jahren Pandemie, in der kaum eine Branche mehr gelitten hat, als die Kultur (daneben noch die Gastronomie und der Tourismus), sich dort große Erschöpfung breit macht, sowohl bei den Urhebern, als auch beim Publikum. Warum Geld für ein kleines Festival ausgeben, das man ebensogut für den (Erholungs-)Urlaub mit den Liebsten gebrauchen könnte? Wie Geld für Kultur ausgeben, wenn die Coronakrise das Ersparte aufgefressen hat und man ohnehin schauen muss, wie man über die Runden kommt? Und warum sich mit Abstraktem befassen, wenn es doch zuallererst um ganz Konkretes (Überleben, Sicherheit, Gesundheit, Leben) geht? Auch diese Überlegungen treffen beide Seiten, Produzent wie Rezipient.

Kultur ist wichtig, in jeder Form, doch „vor der Moral kommt das Fressen“ – und vor der Kontemplation ebenso. Kultur und Kunst können dann von Bedeutung sein, wenn sie aktuelle Gefühle und Stimmungen aufgreifen und sie darstellen, be- und verarbeiten. Sie können Perspektiven entwickeln, aber es kann auch „heilsam“ sein, einfach nur abzubilden, was ist: Man fühlt sich verstanden. Kaum passiert das aktuell in der Unterhaltungsbranche, und auch wenig in der Kunstwelt. Dort werden identitätspolitische Agenden vorangetrieben, deren Ursachen sicher ihre Berechtigung haben, aber wo sind die „Corona-Werke“? Serien, Filme, Bücher usw. die sich aktiv mit der größten Krise der Menschheit seit vielen Jahrzehnten auseinandersetzen. Mit der furchtbaren und unerträglichen Spaltung der Gesellschaft, mit dem (kollektiven) psychischen Dauerstress, den solche Krisen immer hervorrufen und der allenorts zu sehen und zu spüren ist?

***

Es herrscht derzeit Erschöpfung, Ermattung, Müdigkeit, kollektive Depression, wie sie nach solchen Krisen auch normal sind. Aber wo sind die Antworten darauf? Die der Politik? Der Kunst und Kultur? Der Unterhaltung? Der Gesellschaft? Nichts. Nur weitere Spaltung, oft munter vorantgetrieben von vermeintlichen „Eliten“ in sozialen Medien und normalen Medien. Wäre unsere Großelterngeneration nach den Weltkriegen ähnlich miteinander umgegangen, die Menschheit wäre bereits ausgestorben.

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