30.7.2021

Nr. 61: Der Fall: Verfall.

Es sich gemütlich machen im Verfall: Das proben weite Teile unserer Gesellschaften. Dauerkrisen (Corona, Klima, Hochwasser…) nagen an den Nerven, die Aussicht auf kein Ende bedingt das Ende jeder Aussicht bei vielen, die nicht mehr merken, was mit ihnen geschieht: Wahnsinn, Wahnwelten, Paranoia, intellektuelle Reinheitszwänge, toxische Umgangsformen, Hass. Verleugnung der realen Krisen, auf die es keine klaren, einfachen, schnellen Sofort-Antworten gibt und zur Kompensation Bekämpfung von Scheinkrisen, vornehmlich in der ditigalen Halbwelt, in der Absicht, Kontrolle über ein unkontrollierbar gewordenes Leben zu erlangen.

Wie soll man dem begegnen? Ignorieren? Mit Humor? Mit Aufklärung? Gar nicht? Sich abwenden? Alles keine befriedigenden Lösungen. Mit Empathie? Vielleicht, denn den meisten fehlt jemand, der ihre Sorgen ernst nimmt und sie auffängt, darum das kakophonische, infantile Dauergeplärre in den „sozialen“ Medien, das nur (mehr) „Aufmerksamkeit!!!“ schreit, und sonst nichts.

***

In einer unsicher gewordenen Welt gibt es Ängste, Sorgen, aber auch Freiheiten, die genutzt werden können. Zerfall bietet stets die Möglichkeit, die Reste neu zusammenzusetzen oder Neues zu bauen. Mittel- und langfristig wird das geschehen, vermutlich nicht sofort und auch nicht in den nächsten Monaten, aber in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Die, die sich jetzt verloren und abgewendet haben, werden nicht mehr zurückfinden in eine Neue Welt, da ihr individueller sozialer Verfall mit dem kollektiven sozialen Zerfall Hand in Hand geht. Persönlichkeitsruinen sind schwer zu restaurieren.

Ich könnte all das auch konkreter erklären, doch (zum Glück) haben das bereits andere gemacht, die, die wissen, was gemeint ist, werden es ohnehin verstehen. Das ist die einzige Hoffnung, die bleibt: Dass immer mehr erkennen, dass wir so als Gesellschaft nicht weitermachen können, dass unsere toxisch gewordenen Umgangsformen – insbesondere in den asozialen Medien – unsere Gemeinschaft(en) zersetzen, und dass alle, die daran aktiv teilnehmen, dafür verantwortlich gemacht werden müssen, welch hehre Absicht sie auch demonstrativ vor sich hertragen mögen. Wer behauptet, er sei „tolerant“, ist noch nicht tolerant; wer behauptet, er sei „sozial“, ist noch nicht sozial; wer behauptet, er sei „gut“, ist noch nicht gut – und meist ist das exakte Gegenteil der Fall.

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