Zwei

Leo war eingeschlafen. Jenny weckte ihn mit einem Stupser. Es war inzwischen dunkel, der Fernseher lief. Leo lag auf der Couch, Jenny saß daneben und blickte gelangweilt auf die Flimmerkiste. Die Uhr über dem TV-Gerät zeigte 9:13. Leo blickte auf sein Handy. Sein alter Freund, den er per Mail kontaktiert hatte, hatte ihm geschrieben: „Kommen heute, zu dritt, gegen 10 oder 11. Wenn wir nicht erwischt werden. Nehmen Alkohol mit. Seid bereit.“ Leo überlegte, ob es Jenny von seinem Plan verraten sollte. Nein. Nein, nein, sie würde es schon sehen. „Wie geht’s dir, meine Liebe?“ „Och, deine Liebe, so weit ist es schon? Na dann: Gut, hab lange gebadet und so, fühle mich sehr wohl, jetzt fern geschaut. Fernsehen ist schon toll, volle Ablenkung. Du siehst heute besonders süß aus. Wie geht es dir?“ „Beschissen, fühle mich wie tot, ich mag nicht mehr. Echt. Es reicht. Ich weiß ja, ich bin toll und so weiter, was du immer sagst, aber meine Laune ist so mies, dass ich mich nur noch hasse. Obwohl ich andere hassen sollte. Oder anderes. Ich weiß auch nicht. Richte es immer gegen mich selbst. Das ist dumm.“

Jenny blickte ihn an, dann wieder auf den Fernseher, dann wieder zu ihm. „Nenn mich jetzt Maria, bitte. Dir geht es nicht gut, hmm. Was könnte dir helfen?“ Leo: „Ach ja, Maria. Ich weiß es nicht. Wüsste ich es, hätte ich kein Problem. Ich grüble und denke und versuche und suche nach einem Ausweg. Aber es gibt keinen. Und ich will das nicht akzeptieren. Ich kann nicht mehr. Bin zu schwach. Mir fällt nichts mehr ein. Apathie. Sinnlos. Alles sinnlos. Trostlos. Alles egal. Sogar egal ist egal. Shit, weißt du?“ Maria: „Ach ne, Leo, warum so trüb? Ich mein, ich weiß ja, und so, es ist beschissen. Aber ich, schau her…meine Eltern, beide tot. Deswegen. Habe wochenlang geweint, aber es ist eben so, wie es ist. Versuch nicht, es zu kontrollieren. Kannst du nicht. Lass los. Mach, was du willst, es ist egal. Scheiß drauf, Mann, sei keine Pussy. Leck lieber meine. Im übertragenen Sinne. Oder auch nicht. Verstehst du?“

Leo dachte nach, nickte ihr dann zu. „Du hast ja recht. Fuck it. Egal, lass uns rausgehen. Übrigens, nachher kommt ein Freund zu Besuch.“ „Toll! Du jammerst da rum, dabei hast du schon längst was unternommen!“ Beide zogen ihre Schuhe an und gingen vor die Haustür. Niemand zu sehen, und kurzes, notwendiges Verlassen der eigenen Wohnung / des Hauses war erlaubt. Stille, Ruhe, einzelne Regentropfen schossen an Leos Gesicht vorbei und klatschen auf den und zerplatzen am nassen Asphaltboden. Er zündete sich eine Zigarette an, während Maria den Gehsteig entlang stolzierte. Sie hatte ihre High Heels angezogen. Warum? Nur zum Spaß. Niemand konnte sie sehen, außer Leo. Er fragte sich, warum die beiden nicht längst ein Paar waren. Nicht, dass es jemand kümmern würde, aber es war doch dumm. Als Maria von ihrem Gehsteigcatwalk zurückkam, blickte Leo sie an und fragte mit der dämlichst möglichen jugendlichen Stimme, die er zusammenbekam: „Du, willst du mit mir gehen?“ Maria begann, zu grinsen, schaut ihn an. „Dachte, du fragst nie, du Idiot“ – und küsste ihn.

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