Drei

Nach dem Kuss, der Leo etwas zu lange dauerte und sich zu romantisch anfühlte, was er durch ein ironisches Lächeln nach Beendigung des Speichelaustausches relativierte, gingen die beiden wieder nach drinnen. Maria: „Schatz, wir sind jetzt also ein Paar?“ Leo: „Sieht ganz so aus. Und nun?“ „Naja, das heißt, du darfst heute offiziell, ganz offiziell bei mir bleiben. Und wir dürfen offiziell, ganz offiziell Gäste empfangen. Also, einen Gast. Am Nachmittag. Well, gut, das macht es nun auch nicht besser. Und kennt sich eh keiner mehr aus. Aber scheiß drauf. Wann kommen eigentlich deine Freunde?“ Leo: „Ich weiß nicht, es ist jetzt fast 10. Er meinte, zwischen 10 und 11, wenn sie nicht erwischt werden. Keine Ahnung. Was machen wir bis dahin?“ „Sex?“ fragte Maria grinsend, „-jetzt so als Paar, oder?“ Leo winkte ab: „Machen wir morgen, wir haben genug Zeit.“

Maria schien nachzudenken. „Was machen wir nur mit dir, Mann? Ich weiß es nicht… was soll ich dir sagen? Ich verstehe dich, du hast Recht, ich verstehe alles, es ist beschissen, du hast mit allem Recht. Echt. Aber du quälst dich dafür, damit, deswegen. Du kannst ja nichts dafür, Mann. Du bist nicht für alles verantwortlich. Lass andere sich darum kümmern, die das besser wissen. Leb einfach!“ Leo: „Leb einfach. Ja. Du hast recht. Ich verstehe, was du sagst, voll. Stimmt ja. Aber… aber ich sage „aber“, und weiß, ich sollte es nicht, sondern sagen „Ja!“ – aber ich kann nicht anders. Andere wissen es vielleicht besser, OK, aber sie finden trotzdem keine Lösung“ Maria: „Schatz, es gibt nicht immer eine Lösung. Nicht immer sofort. Manchmal dauert es, und das ist OK. Egal.“

Leos Verstand verstand, doch sein Gefühl verstand nicht, weil er fühlte nicht. Er fühlte sich mies, wollte sich besser fühlen. Vielleicht hatte die Frau Recht? Vielleicht konnte er nichts tun? Vielleicht sollte er nichts tun? Vielleicht war es OK, zu leiden, zu hassen, das zu hassen, alles zu hassen – und aus? Nicht mehr? Leo hasste Hass, hasste sich dafür, dass er den Hass hasste, und so weiter: Es brachte alles nichts. Er blickte Maria an: „OK, ich verstehe. Ich verstehe dich. Aber sag mir, was, was soll ich tun? Jetzt, genau jetzt, konkret, um das umzusetzen, zu tun, was du sagst?“ Maria: „Nichts. Gar nichts. Genau das ist es ja: Du sollst nichts tun. Nichts. Es wird besser werden. Wir werden Freude haben, Spaß haben, die Zeit genießen, Filme schauen, lesen, gemeinsam essen, Musik hören, Freunde empfanden, wenn es wärmer ist wegfahren, raus gehen, in der Sonne liegen. An den Strand gehen. Egal. Scheiß drauf, Cocktails trinken, uns betrinken, andere betrunken machen, leben. Die Auszeit genießen. Es ist schön, es ist Freiheit, ich freue mich darauf und bin glücklich. Die Sonne scheint – wenn du willst.“

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