Eins

Leo erwachte mit Kopfschmerzen. Er erhob sich aus seinem Bett, blickte auf seine Armbanduhr, es war erst 5, er hatte nur wenige Stunden geschlafen. Draußen war es noch dunkel. Er stand auf, öffnete das Fenster seines kleines Apartments, das direkt auf die Straße führte. Kalte Luft strömte herein. Keine Menschenseele zu sehen, erst ab 6 durften die Häuser, Wohnungen und Behausungen verlassen werden. Für die Einhaltung sorgten inzwischen automatisierte Bewegungsmelder, die bei Missachtung Elektroschocks aussandten, die den Betroffenen an den Gehsteig pinnten, bis die Polizei vor Ort war und ihn abführen konnte. Es gab inzwischen vermehrt Berichte, dass diese Schocks auch zum Tod führen konnten, die Quellen waren aber nur bedingt glaubwürdig und ohnehin wusste man nicht mehr, was stimmte.

Leo setzte sich an seinen kleinen Küchen/Arbeitstisch, schaltete die Lampe ein und überflog seinen Tagesplan. Um 9 hatte er ein Online-Meeting, um 12 wollte er Essen bestellen, von 1 bis 4 arbeiten, und um 5 einkaufen gehen. Danach wollte er noch schnell zum Maskenshop schauen, da seine den Geist aufzugeben schien und repariert werden musste. Oder er eine neue brauchte. Am Abend wollte er mit einer Freundin Video-chatten, er hatte schon seit Tagen keinen mehr gesehen. Virtuell natürlich. Er hoffte, dass es heute keine Ausschreitungen geben würde, das Geschrei und die Schüsse in den Straßen machten das Arbeiten oft unmöglich. Letzte Woche war ein Rebell direkt vor Leos Fenster erschossen worden, es dauerte den ganzen Tag, bis sein Körper abtransportiert worden war, Polizei, Rettung und andere liefen ständig vor Leos Apartment auf und ab.

Leo überlegte, ob er am Abend seine Nachbarin besuchen sollte. Obwohl verboten, trafen sie sich zirka zweimal im Monat. Beide lebten alleine, hatte wenige Freunde und kaum Familie, ihre Apartments lagen direkt nebeneinander und die Wahrscheinlichkeit, entdeckt oder verpfiffen zu werden, war dadurch gering. Vor diesen Treffen testeten sich beide stets zuhause, bisher gab es noch nie Positiv-Ausschläge und das Risiko konnte minimiert werden. Die Nachbarin hatte eine größere Wohnung, die sie von ihren Eltern übernommen hatte, als diese vor etwa einem Jahr an der Krankheit gestorben waren. Die Wohnung musste danach desinfiziert werden, nach 2 Wochen zog sie ein. Bei den Besuchen spielten sie Computerspiele, redeten über Musik und Bücher, schauten Filme, aßen zusammen oder hatten Sex. Leo hatte wenig Freude daran, da er seinen Körper hasste, doch sie war sehr zärtlich und er konnte dem Ganzen trotz seiner Aversion etwas Positives abgewinnen.

**

Als es 6 war, Leo seine Arbeiten und Aufgaben erledigt und nun frei hatte begann er seine Überlegungen von neuem. Er wusste nicht so recht, zweifelte, überlegte erst, seine Freundin anzurufen, aber griff dann zu seinem Haustelefon und wählte die Nummer seiner Nachbarin. Sie hob sofort ab und klang verzweifelt: „Leo, wo bist du? Komm doch zu mir. Hab mich eben getestet, alles gut. Mach du auch, jetzt. Warte auf dich. Komm.“ Leo machte, aufgrund Mangel an anderen Optionen, wie ihm befohlen: Der Test war schnell absolviert, Leo wartete 15 min und rauchte derweil eine Zigarette am Fenster. Der Test war wie erwartet negativ. Leo überlegte lange, was er anziehen sollte, warum er überlegte, was er anziehen sollte, und ob er was anziehen sollte, da es doch eh egal war. Schließlich blieb er, wie er war, fuhr sich nochmal durch die Haare und den Bart und verließ seine Wohnung gen Gang, um kurz darauf an die Wohnungstür der Nachbarin zu klopfen. Klopf klopf. Ich bin da.

Die Nachbarin öffnete Leo, sie war kaum bekleidet, trug nur ein enges Top ohne BH drunter und einen Slip. Leo konnte ihre Nippel sehen. „Heute also Sex?“ fragte er, sie nickte. Leo ließ sich auf ihre Couch sinken, sie stellte ihm eine Bierflasche hin und eine Tüte Chips. Leo trank das halbe Bier und schob die Chips beiseite. Sie drehte den Fernseher auf und begann, an sich herumzuspielen. Leo hatte eigentlich keine Lust, schaute ihr eine Weile zu und verließ dann das Wohnzimmer Richtung Bad. Wie er an ihrem Stöhnen hören konnte, machte sie inzwischen alleine weiter, was ihm recht war. Er blickte in den Badezimmerspiegel, verzog seine Miene, lächelte, grinste, schaute finster drein und spuckte sich dann in sein Spiegelgesicht. Nach rund 10 min klopfte es an der Tür: „Alles OK da drin bei dir?“ rief die Nachbarin fragend. „Nein.“ rief Leo zurück, öffnete die Tür und ging wieder zur Couch. „OK.“ sagte die Nachbarin.

„Wie soll ich dich heute nennen?“ fragte er. „Jenny wäre schön. Klingt so amerikanisch. Ich hasse die Amis, weißt du, aber ich hasse mich auch, also egal. Oder? Passt doch!“ „OK, Jenny, schön dich zu sehen. Wie geht es dir?“ „Amazing, wonderful, great! How are you, darling?“ „Scheiße. Halt’s Maul.“ „Right. Du hast recht.“ So ging das eine ganze Weile, sinnlose Kommunikation in einer sinnlosen Umgebung zu einer sinnlosen Zeit. Gesprächsnichtinhalte Abbild und Verarbeitung des akuten Traumas, das alle betraf und umfasste. Draußen: Schreie zu hören, ein Knall, Schritte. Heute-Jenny zog die Vorhänge ihrer vergitterten Panzerglasfenster zur Seite, die nicht eingeschlagen werden konnten. Die Polizei jagte 2 Randale-Vandalen, die ohne Maske davonliefen und offenbar irgendwas eingeschlagen hatten. „Langweilig, same procedure as every day“ meinte Jenny und zog die Vorhänge wieder zu. „Was machen wir jetzt? Irgendeine Idee? Ich will heulen, schreien, schlagen, und dann raus gehen, ausgehen, Party machen, mich besaufen, ficken lassen, und morgen nichts mehr davon wissen. Du?“ „Same“, sagte Leo. Er lag wieder auf der Couch und bekam stärkere Kopfschmerzen. Er trank das Bier aus und öffnete die Chipstüte, die er halb leerte, während im Fernsehen daneben irgendein Mist lief, der niemanden interessierte. Jenny ging derweil ins Bad, es klang, als würde sie baden. Leo holte sich ein zweites Bier aus der Küche, Jennys Kühlschrank schien gestopft voll zu sein mit Alkohol. Nach dem Bier hatte Leo eine Idee. Zwei Ideen, eigentlich. Er kontaktiere per Mail einen alten Freund, den er real seit 3 Jahren nicht gesehen hatte, wie auch, und virtuell seit einem halben Jahr nicht. „Komm vorbei, Party bei uns. Wer „uns“ ist, wirst du sehen, egal, nimm Freunde mit, bis zu 3. Eintritt aber nur mit Negativ-Test, sonst raus. Transport unklar, wenn ihr Auto habt, schnell fahren, Kontrollen hier. Oder morgen Mittag kommen, solang man raus darf, dann hier bleiben. Bye.“

Dann nahm er Heute-Jennys Laptop und begann, nach Reisemöglichkeiten zu suchen. Offiziell war eine Ausreise nicht erlaubt, gleichzeitig gab es einige, wenige Länder, die Reisende aufnahmen. Leo haderte mit sich: Er fand sein Verhalten und seine Begierden unvernünftig und doof. Wusste aber, dass sie an sich gar nicht unvernünftig und doof waren, sondern höchst gesund und normal. Aber der aktuelle Kontext sie unvernünftig erschienen ließ. Er überlegte, ob er sich von diesen Bewertungen lösen sollte, seinen Begierden und Bedürfnissen nachgehen und folgen, mit welchen Konsequenzen auch immer. Oder sie verdrängen und unterdrücken sollte. So wie nun seit bereits fast 3 Jahren. Er wollte nicht mehr, konnte nicht mehr, begann laut zu schreien und warf die leere Bierflasche gegen die Wand, wo sie zersprang. „Alles OK?“ flötete es aus dem Bad. „Ja, sicher“ rief Leo zurück. Stille.

Er saß auf der Couch und versuchte, sein Gefühl wahrzunehmen, einzuordnen. Zuerst holte er sich noch ein Bier aus der Küche, dann setzte er sich wieder. Er hatte das Bedürfnis, zu leben – das war gut, in Ordnung. Er hatte auch das Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz – auch das war gut, vernünftig. Zu viele Menschen waren schon elendiglich krepiert. Die Bedrohung war real. Doch diese beiden Bedürfnisse, sie schienen einander immer mehr zu beißen, auszuschließen. Das eine oder das andere? Freiheit oder Sicherheit? Es war der Zustand einer permanenten Lähmung, der Trieb-Unterdrückung durch ein mächtiges Über-Ich. Konflikt zwischen Es und Über-Ich. Was sagt das Ich? Das Ich war, wie Leo wusste, das, was sich eben diese Gedanken machte. Es kam aber zu keinem Ergebnis.

Leo merkte, wie er langsam, aber sicher an all dem zugrunde ging. Er wollte nicht mehr. Er dachte, ist mir doch egal, wenn ich eine Woche lebe, und dann sterbe, weil ich mich infiziere, weil das hier, nein, das ist kein Leben. Er stand auf, blickte aus dem Fenster, inzwischen Ruhe, wünschte sich, einer der Rebellen zu sein. Oder ein Polizist. Trieb gegen Ordnung, Es gegen Vernunft. Freiheit gegen Zwang. Es war egal. Jenny war immer noch im Bad, vielleicht in der Wanne eingeschlafen. Leo leerte das dritte Bier, ging in die Küche, nahm sich ein Messer, schnitt sich am Arm. Blut tropfte langsam auf den Boden, Leo fühlte, er fühlte etwas, fühlte Leben. Begann zu heulen, schluchzte laut, schrie. Er ging wieder zur Couch, legte sich hin, schloss die Augen. Stellte sich vor, er würde verreisen, am Strand liegen, baden, schwimmen, ausgehen, genießen, LEBEN. Nur für einige Augenblicke. Für einen Tag. Für einige Sekunden ging es ihm besser, bis sich wieder der schwarze Schleier über sein Gemüt legte, jeden Gedanken überzog und jedes Gefühl killte.

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