1.4.2021

Nr. 55: WTF.

Langsam reichts. Mit Corona meine ich. Was ist die Perspektive? Keiner weiß es, denn es gibt keine. Alle Pläne und Vorhaben: In den Sand gesetzt, unmöglich, verschoben, aufgehoben. Impfung? Wird wohl einiges erleichtern, aber die Pandemie nicht brechen, zu vielfältig inzwischen die Mutationen, zu unklar die Wirksamkeit diverser Impfstoffe, zu schlecht und ungenügend die Belieferung, zu langsam die Verimpfung. Die Corona-Pandemie ist die größte, globale Krise seit dem 2. Weltkrieg, zumindest das sollte inzwischen klar sein, und das Ausmaß der Krise und seiner Folgen ist noch nicht ansatzweise abschätzbar. Sollte die „Akutkrise“ mit Akutinfektionen und Akutmaßnahmen irgendwann abklingen (in 1, 2, 3… Jahren), wird eine massive Wirtschaftskrise folgen. Massive gesellschaftliche Krisen. Und eine massive soziale und psychologische Krise, deren Auswüchse bereits jetzt überall spürbar sind. Soziale Medien wie Twitter waren schon bisher ein Ort und Hort der kumulierten Asozialität, inzwischen sind sie nur mehr unerträglich. Als Ersatzhandlungen für die kollektive Ohnmacht gegenüber dem kleinen Virus, das kein Gesicht hat, werden täglich neue Schuldige gefunden und erfunden, gegen die virtuelle Instant-Revolutionen und Blitzkriege gestartet werden (auch „Shitstorms“ genannt), die eine saubere End-Lösung für alles bringen sollen. Am nächsten Tag sind sie meist verebbt, weil sie zumeist keinen realen Kern haben.

Diese Krise bereitet derzeit auch den Nährboden für Demagogien aller Arten und Formen, die man mit der Abwahl Trumps und dem Sturz diverser Rechtspopulisten abwendet gewähnt hatte. Kulturell-identitäre Krisen, die „Flüchtlingskrise“, die nie eine wirkliche Krise war, und die doch recht reale Klimakrise sind in ihren Ohnmachtserfahrungen nichts gegen die Corona-Krise. die akut, aktuell und allgegenwärtig ist und unsere Lebensmodelle in Frage stellt, abwürgt und/oder zerstört. Hunderte Jahre Zivilisation mit sich immer weiter intensivierendem Austausch, einem globalen Geflecht aus gegenseitigen Abhängigkeiten können derzeit nicht weiterexistieren, da der unsichtbare Feind es verunmöglicht: Reisen? Niente. Verwandte und Freunde besuchen? Eher nicht. Abends ausgehen, Party machen? Unmöglich. Kulturelle Aktivitäten, Kino, Theater, Oper, Konzerte? Undenkbar. Gastronomiebesuche? Geht nicht. All unsere Errungenschaften, für die unsere (zumindest westlichen) Vorfahren gekämpft hatten, die sie mühsam aufgebaut, etabliert, abgesichert haben, hinweggefegt. Was bleibt übrig?

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Es fühlt sich an wie Krieg mit gesichtslosem Feind, ein passiver Krieg ohne Kampf, der nur aus Abwehr besteht. Abwehrkrieg. Verbunkern zuhause, verstecken, aussitzen, warten, bis die Alarmsirene aufhört, zu heulen. Und sie heult immer wieder auf, in Form von neuen Pressekonferenzen, Ankündigungen, Maßnahmen, Lockdowns. Draußen und in uns tobt dieser Krieg, der Gesellschaft und Geist zersetzt, der Wunden schlagen wird, die Jahre zu sehen sein werden. Wer beendet den Krieg? Wie ist er zu beenden? Friedensverhandlungen mit dem Feind? Wut, Trauer, Akzeptanz? Auslöschung des Feindes, der sich mit Kräften wehrt, neue Waffen erfindet und sich erneuert, sich immer wieder aufbäumt? Und woher kommt der Feind? Von weit her; und wer hat ihn geschickt? Wir wissen es nicht, nur das: Er ist da, und will nicht gehen.

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Gibt es einen Ausweg? Derzeit nicht. Die Politik, deren Aufgabe genau das ist, tut alles mögliche, um ihre Bevölkerungen zu schützen. Viele, hunderttausende oder Millionen Menschenleben wurden dadurch gerettet. Die Wissenschaft tut alles mögliche, eine Waffe gegen diesen Feind zu finden, und tut das relativ schnell.

Aber können wir uns damit abfinden, begnügen, damit leben? Oder braucht es ein viel radikaleres Umdenken, neue Lebensmodelle, die uns derzeit noch unvorstellbar erscheinen? Eine völlig neue, weitgehend digitalisierte Arbeitswelt, ein streng reguliertes öffentliches Leben, das wenig Rücksicht auf Datenschutz oder andere Bedenken nehmen kann? Neue Ideen für die Kultur, die nur mehr in abgeschlossenen Glasboxen (öffentlich) genossen werden kann? Oder die (öffentliche) Gastronomie, ebenso? Was ist mit unserem sozialen Leben? Rückbesinnung auf kleine Gruppen, Familien, Freundeskreise, kleine, neue, tribale Zusammenschlüsse, die sich selbst versorgen? Es sind nur Ideen, und es gab schon viele gute, doch die Politik blockte diese bisher immer ab, unter Hinweis auf die Illusion, dass das alles „irgendwann, sehr bald vorbei sein wird“. Der Tag X, an dem das Virus verschwunden ist und alles so sein wird, wie davor. Wird es nicht.

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