14.2.2021

Nr. 53: Falsche Propheten.

Wer kennt sie nicht, die Geschichten von „falschen Propheten“, Heuchlern, falschen Christen, die ihren (vermeintlichen, meist übersteigerten) Glauben in erster Linie dazu nutzten, andere zu denunzieren? Sei es nun aus persönlichen Berichten von Eltern oder Großeltern, oder – meist schon einige Jahre alte – Bücher, Filme…: Man kann davon ausgehen, dass es entsprechendes Phänomen nicht nur im Katholizismus oder Christentum, sondern in jeder vergleichbaren Religion gegeben hat, oder gibt. Oder sogar in der gelebten Praxis politischer Ideologien. Jedes Glaubenssystem, das moralische Ansprüche stellt und „gute“ von „schlechten“ Verhaltensweisen trennt, lässt sich besonders leicht missbrauchen und pervertieren.

Manchmal braucht es nicht einmal eine Ideologie dafür, oft reicht eine exponierte Machtposition, um zu besonderer Heuchelei anzustiften: Wer besonders großes öffentliches Ansehen genießt, dünkt sich gern erhaben und überlegen – und nimmt es mit den Verhaltensregeln selbst oft nicht so genau.

In der Praxis sah das dann so aus: Der stolze Familienvater, der der Tochter in schwingenden Reden verbat, diesen oder jenen Jungen zu treffen, auszugehen oder ihr (Sexual)Leben zu genießen – während er seit Jahren eine heimliche Affäre mit der Nachbarin unterhielt; der katholische Priester, der in Predigten vom Fegefeuer für vorehelichen Sex berichtete – während er 3 Kinder hatte (gezeugt oder belästigt); die Mutter am Dorfe, die sich tratschend über die moralischen Verfehlungen dieses oder jenes Dorfbewohners ausließ – während sie ihre beiden kleinen Söhne regelmäßig mit der Rute züchtigte: Was hier illustriert werden soll, ist klar – besondere moralische Selbsbeweihräucherung lässt meist auf besondere Heuchelei schließen, verfolgt in vielen Fällen einzig und allein die Absicht, andere, (vermeintlich) „schlechtere“ Menschen zu diskreditieren, um sich selbst zu erhöhen, um eigene, versteckte oder verdrängte Defizite und „dunkle Seiten“ abzuwehren: Freud lässt grüßen.

Dabei liegt der Hund selten in den Religionen, Ideologien, Glaubenssystemen an sich begraben, sondern in der Praxis, in dem, was Menschen daraus machen. Das Christentum predigt Nächstenliebe, übereifrige Vertreter versuchten, diese Nächstenliebe über Jahrhunderte hinweg mit Schwertgewalt zu verbreiten. Der Marxismus predigt gleiche Rechte und Gerechtigkeit für alle, der Stalinismus nahm es damit dann auch nicht mehr so genau, wer von der Mission nicht überzeugt war, wurde ins Lager gesteckt – oder getötet. Nun ist es ja so, dass es heißt, dass Religionen in unseren Breiten an Bedeutung verloren haben. Das mag sein, aber jene oben beschriebene Praxis feiert gerade eine große, große Renaissance: Wunder ist das keines, in Zeiten multipler Krisen und Perspektivenlosigkeit suchen Menschen nach Halt, besonders simple und einfache Ideologien haben Hochkonjunktur, zumal dann, wenn sie behaupten, für ALLES EINE Antwort zu haben, oder das Weltgeschehen in einem Satz erklären zu können.

Konkret nennen sich die Christen der Gegenwart, die Heuchler der Jetztzeit „woke“ (schon die Selbstzuschreibung als „erwacht“ – während alle anderen schliefen – sollte auf den pseudo-religiösen Charakter hinweisen), sie predigen Toleranz, Respekt, Gleichbehandlung aller – und leben das Gegenteil: Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns ist einer der zentralen Glaubenssätze, wer Kritik übt, in welcher Form auch immer, ist Gegner und Feind und muss vernichtet werden. Linksilliberalismus, wie das „Die Linke“-Politikerin Sahra Wagenknecht kürzlich so treffend nannte. Besonders traurig daran: Die Grundideen hinter der „woke“-Ideologie sind gut und unterstützenswert, die daraus gemachte Praxis ist es nicht, und konterkariert in den meisten Fällen genau das, das an sich gefordert wurde.

***

Ich persönlich gehe ja davon aus, dass jene, die am lautesten schreien, immer den meisten Dreck am Stecken haben. Wer sich im echten Leben tolerant, respektvoll und anständig verhält, hat es nicht nötig, sich in der virtuellen Welt als Moralapostel hervorzutun, sich mit diesen oder jenen Orden zu schmücken und andere zu denunzieren. Das traf früher auf den heuchlerischen Familienvater und die tratschende Dorfbewohnerin ebenso zu wie heute auf besonders laute Twitter-Aktivisten und Social Media-warriors: Ich glaube ihnen kein Wort, diesen von Minderwertigkeitskomplexen und Eitelkeit getriebenen Existenzen, die sich für die Spitze der Schöpfung halten, dabei aber meist 1 und 1 nicht zusammenzählen können, da die entsprechende Bildung fehlt. Am Ende sind sie nämlich vor allem eines, dem sie ständig zu entkommen versuchen: schlechte Menschen.

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