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Joe legte sich neben Nachbarin, die ihn lächelnd anblickte. Er starrte ausdruckslos zurück, stand auf und verließ seine Wohnungswohnung. Juliette lief ihm nach und fragte ihn, was denn los sei, Joe wollte nicht antworten und schüttelte den Kopf. Sie dreht sich um und ging wieder nach oben – immer noch nackt – während ihr auf den Stufen offenbar Herr Verra begegnete, ein älterer Mann von etwa 65 Jahren, der seit dem frühen Tod seiner Frau alleine eine Etage höher lebte. „Aber Hallo!“ hörte Joe durch die eingetretene Wohnungstür seines Nachbarn, dann trippelnde Schritte, mit denen Juliette offenbar nach oben in ihre Wohnung floh. Joe holte eine Kanne aus seiner Wohnungswohnung, ging in eines der leeren Zimmer davor und drosch damit auf den alten Holzboden ein, bis sich Splitter daraus lösten, die sich wie Schneeflocken rundum verteilten. Er ging an eines der Fenster, das ebenfalls zum Nachbarshaus führte, und blickte hinaus: Nichts, keine Spuren eines Kampfes, keine Reste des Feuers, keine Menschen, die auf das verwiesen, das er zuvor beobachtet hatte. Er fragte sich, ob er den Verstand verloren und Geister gesehen hatte. Verängstigt lief er die Treppen hinunter, vorbei an Verra, wissend, dass er ohne triftigen Grund das Haus nicht verlassen sollte, stürmte auf die andere Straßenseite und zu Scheinbergs Wohnhaus und erblickte zu seiner Erleichterung einen Polizisten, der sich im Hauseingang mit einer Bewohnerin unterhielt. Joe tat so, als würde er unbeteiligt vorbeispazieren und nur zum Luft schnappen draußen sein, schnappte dabei indes aber einige Gesprächsfetzen auf: „Sie wollten unser Haus anzünden….verrücktes Pack….der Herr hat uns gerettet….Notwehr….“

Joe schlenderte vorbei, machte einen Block weiter kehrt und ging über eine Parallelstraße zurück zu seinem Wohnhaus. Er stapfte die Stufen empor und trat schließlich, als er vor seiner eigenen Wohnungstür stand, mit dem Fuß dagegen. Zu seiner Überraschung gab sie nach, das Schloss nahm wohl Schaden, doch die Tür blieb völlig intakt. Von innen konnte er die Tür sogar zuziehen, erleichtert begab er sich in sein Wohnzimmer, wo er sich trotz der frühen Stunde (es war etwa Mittag) ein Glas Vodka gönnte. Er setzte sich vor den Fernseher und drehte einen News-Sender auf, der von den Vorgängen in der Nachbarschaft berichtete: Inzwischen war offenbar ein ziemlich idiotischer Reporter dort gelandet, der mit sich überschlagender Stimme von einem „Bürgerkrieg zwischen Befürwortern und Gegnern der Maßnahmen“ berichtete. Ein Gutteil der Protestierenden war inzwischen offenbar in Gewahrsam genommen worden, der „ältere Herr S.“, der sich durch die Meute persönlich angegriffen gefühlt hatte, war freigelassen worden, nachdem er erklären konnte, dass er aus Notwehr gehandelt hatte. Joe wollte von all dem nichts mehr wissen und drehte den Fernseher ab. Er war verwirrt, erregt, entsetzt, und zitterte am ganzen Körper: Dieses Gefühl, das er am Vortag gehabt hatte, kam zurück. Er hasste dieses Gefühl, es war hässlich, er fühlte sich hässlich und hasste sich. Er ging in die Küche, holte mehrere Gläser, die er kürzlich erst gekauft hatte, ging auf den Balkon und warf sie über das Geländer. Sie zerschellten am Boden, doch niemand nahm davon Notiz.

Joe zündete sich zugleich 2 Zigaretten an, und wartete, ob Nachbarin wieder bei ihm auftauchen würde, so war es schließlich vereinbart gewesen. Er wartete eine Stunde, in der er nichts tat, außer auf die Wand gegenüber des Balkons zu starren, die in seiner Wohnung, während er im Türrahmen stand, der nach draußen führte. Er fror, doch er fand die Kälte belebend, da er sonst nichts fühlte. Es war also nun gegen ein Uhr, Joe wusste nicht, was er tun sollte. Drei Wochen festgesetzt, die einzige Hoffnung, der einzige Lichtblick eine Frau, die er nicht kannte, und eine Wohnung in einer Wohnung, die ihm nicht gehörte. Drängende Langeweile überkam ihn, dazu eine Leere, die alles auszufüllen schien. Zusätzlich eine schräge Verwirrung, die er zwar kannte, zu gut kannte, die er nicht entwirren konnte. Irrsinn, Wahn – so fühlte sich Joes Inneres an, doch nach außen, da war er völlig ruhig, wirkte geradezu entspannt. Joe ging ins Badezimmer, trank einige Schlucke aus dem Wasserhahn, benetzte sein Gesicht mit heißem Wasser, das brannte, schlug mit der Faust gegen den Spiegel, der Sprünge bekam, die auf Joes Hand einige Risse hinterließen, aus denen Blut sprang. Joe schmierte das Blut auf die Wand, schlug mit der anderen Hand gegen die Spiegel, der nun erstmals Splitter verlor, die in zartem Klirren und Knistern ins Waschbecken tröpfelten. Er starrte in den Spiegel, er erkannte sich wieder, doch mochte sich nicht. Schließlich verließ er sein Bad, schlug die Tür in die Angeln und blieb inmitten seines Wohnzimmers stehen: Leere, Depression, Trauer, Wut, Hass – und dazu das, was er heute auf der Straße beobachtet hatte. Er suchte nach einer Flucht, einem Ausweg, doch fand keine, denn es gab sie nicht.

Joe steckte seinen Wohnungsschlüssel in die Hosentasche und verließ sein Heim. Er begab sich in die leeren Räume seines Nachbarn und suchte noch einmal alle Zimmer ab, nach irgendetwas, das ihn aus seiner Stimmung reißen könnte. Im letzten, hintersten Zimmer, das gerade 1 mal 1 Meter groß zu sein schien und wohl als Abstellkammer genutzt worden war, fand er am Boden liegend einen Schlüsselbund. Joe hob ihn auf und zählte 5 Schlüssel. Einer davon war beschriftet: „Keller, Abteil 245“. Er wusste, dass es ihm Wohnhaus einen Keller gab, der von den Mietern genutzt werden konnte, was er bisher nicht getan hatte, da all seine Sachen in seiner Wohnung Platz fanden.

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