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Als Joe zufrieden zurück in die Wohnung ging, vernahm er, wie die Klingel nicht klingelte. Nachbarin war also entgegen ihrer Ankündigung noch nicht wieder zurückgekehrt. Joe machte sich keine weiteren Gedanken darüber und einen weiteren Abstecher auf die Terrasse. Idiot war inzwischen wieder aufgestanden und zog schimpfend von dannen und eine Blutspur, die langsam tröpfelnd seinem Hohlkopf entschwand. Ab und ab blickte er wütend nach oben, dann wieder auf sein Handy, das im 10-Sekunden-Takt irrsinnige Nachrichten zu empfing, von denen Leben und Tod abzuhängen schienen. Joe rauchte eine weitere Zigarette. Inzwischen war es dunkel geworden draußen, es musste 5 sein, oder 7, oder 9, für Joe machte es keinen Unterschied, denn es fühle sich alles gleich an. Wieder drinnen aß er weitere Reste von den von Nachbarin mitgebrachten Köstlichkeiten, die tatsächlich recht köstlich waren. Indes war sie, diese Juliette, immer noch nicht zurückgekehrt. Trotz anfänglicher Zweifel hatte sich Joe inzwischen freudig damit angefunden, dass sie die nächsten Wochen während des Lockdowns sich bei ihm in der Wohnung festsetzen würde, wie ein lieber, wohlwollender Parasit, der ihm langsam das Leben aussaugen würde, und andere Dinge. Es klang für ihn nach einer relativ erträglichen Gesellschaft, die diese Zeit aushaltbar machen sollte, vielleicht sogar schön. Joe schaut auf seinen Laptop, dann auf sein kleines Handy: Keine Infos, keine Nachricht, nichts von Juliette.

Er las, dass die Festsetzung der Bevölkerung bereits am nächsten Tag beginnen sollte und ab 0:00 in Kraft treten würde. Es war nun tatsächlich bereits 20:00, wie Joe der Uhr in der Küche entnahm. Nichts Neues von Nachbarin, kein Mucks. Er überlegte, ob er einfach nach oben zu ihr gehen sollte, bei ihr klingen, ZU ihr gehen sollte, oder sie nach unten holen, oder einfach nach draußen gehen sollte und die letzten 4 Stunden in Freiheit genießen. Er entschied sich für ersteres und verließ seine Wohnung, wobei er den Schlüssel drinnen vergaß, wie er sofort merkte, als die Tür in die Angeln gefallen war. „Fuck“ schrie Joe, nahm den hässlichen Kranz von seiner Tür, welche dieser seit Monaten verunstaltete, warf ihn gegen die Tür des Nachbars, sprang ein paarmal darauf herum und trat dann gegen die Nachbarstür, die unerwarteterweise nachgab: Eine Tür ging zu, eine andere auf. Joe trat vorsichtig ein und bemerkte überrascht, dass die gesamte Wohnung leer stand. Es war eine große Wohnung, wenn nicht 3 mal so groß wie seine eigene, mit geschätzt 10 Zimmern. In einem stand eine Couch, in einem anderen ein Bett, sonst war sie leer. Sie war allerdings beheizt und warm. Joe überlegte, was er nun machen sollte: Er dachte bisher immer, sein Nachbar, den er das letzte Mal vor einigen Monaten gesehen hatte, würde hier wohnen, er hatte ihn allerdings auch davor nur alle paar Monate gesehen, was zum einen daran lag, dass Joe seine Wohnung oft wochenlang nicht verließt, oder dann wieder tagelang nicht zuhause war. Er überlegte auch, ob er nicht seine Wohnung eintreten sollte, da diese Türen offenbar leicht nachgaben, ging dann aber nach draußen und hinauf nur Nachbarin, die immer noch nicht aufgetaucht war.

Als er ihr Stockwerk erreichte, stand die Tür einen Spalt offen. Joe trat wortlos ein und vernahm Wassergeräusche aus dem Badezimmer. Er war zum ersten mal hier und folgte dem Plätschern des Wasser bis ans Ende des Flurs, auch diese Tür war nur angelehnt, Joe öffnete sie schnell und trat ein, vor ihm lag Juliette in der Badewanne und machte es sich gerade selbst. Joe entkleidete sich und stieg wortlos zu ihr in die Wanne, was sie nicht zu stören schien und was sie ebenso wortlos akzeptierte. Joe begann, ihren Körper, den er nun zum ersten mal völlig nackt sah, zu küssen, er steigerte die Intensität dieses Vorgangs schrittweise, bis Wasserspritzer über den Rand des Beckens und stöhnende Laute aus dem offenen Mund der Nachbarin schwappten. Nachbarin wechselte die Position und tauchte Joe unter Wasser, während sie nach unten abtauchte und verhaltene Laute bei Joe evozierte, der diese versuchte zu unterdrücken. Das ganze Spiel ging zirka 20 Minuten, bis beide zufrieden und wortlos in der nassen Wanne nebeneinander einschliefen, während das große Fenster an der Decke, das einen Blicken nach draußen gen Himmel offenbarte, schwer beschlagen war.

Als Joe nach kurzem erwachte, lag Juliette in seinen Armen und schließ tief uns fest, während er plötzlich zu schluchzen begann, große Tränen kullerten über seine Wangen und flossen in das nur mehr lauwarme Wasser. Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und schämte sich für seinen peinlichen Gefühlsausbruch, den zum Glück niemand bemerkt hatte, entstieg der Wanne und ließ warmes Wasser ein, sodass Nachbarin nicht frieren musste. Er ging auf den Flur hinaus, bog rechts ab und kam in ein großes Wohnzimmer, das hell beleuchtet war und das halb mit allen möglichen Kleidern bedeckt zu sein schien. Er schämte sich immer noch für seine Gefühle, die ihn in der Wanne übermannt hatten, wollte sie rückgängig machen, löschen, sagte sich, er wäre dumm und schlecht, hasste sich selbst und wusste nicht, warum. In diesem Moment kam Nachbarin ebenfalls ins Wohnzimmer, immer noch nackt, blickte Joe in die Augen, sagte „Is Okay, Mann“ und bot ihm ein Getränk an, das sich in einem großen Cocktailglas befand.

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