Versuche – 2

Am nächsten Morgen wachte er viel zu früh auf. Schon um 5 Uhr läutete sein innerer Wecker und ließ ihn aus dem Kippstuhl aufschrecken. Er schleppte sich in die Küche und kochte Kaffee, trank 2 Tassen und ging danach auf den Balkon. Er blickte über eine sich aus der Nacht erhebende Stadt, die ihm unzugänglich war. Nachdem er 3 Zigaretten geraucht hatte, ging er wieder nach drinnen und ließ sich im Badezimmer in seiner großen Wanne ein Bad ein.

Nach dem heißen Bad bekleidete er sich und verließ widerwillig die Wohnung; widerwillig, da ihm die Decke auf den Kopf fiel, er sich aber ungern draußen bei dem trüben Wetter herumrieb. Im Stiegenhaus begegnete er einer Nachbarin, die ab und an einen Plausch mit ihm hielt, ohne dass diese Gespräche bisher irgendwohin geführt hätten. Sie trug einen langen, leopardengefleckten Mantel und hässliche High Heels, die vor allem zu dieser Uhrzeit unangebracht schienen, da sie offenbar das Haus eben verließ, und nicht etwa nach einer durchzechten Nach nach Hause kam. „Hallo, Joe! Wie geht’s dir? Was machst du so früh munter?!“ „Das könnte ich dich auch fragen“, antwortete er mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen, für dass er all seine Kräfte aufbringen musste. „Ach, ich fahre in die Stadt, treffe eine Freundin, man muss sich doch irgendwie beschäftigen, bei dieser Lage! Hast du die Nachrichten gehört? Es ist schlimm. Ich mache mir Sorgen. Weißt du, ich könnte auch daheim bleiben, aber drinnen dreh ich durch, du nicht auch?“ „Ja, absolut“, meinte er, es sollte klingen, als würde er ihrer Sorge zustimmen, für sich wusste er aber, dass er eigentlich nur ihrem letzten Satz beipflichtete.

Nach einigen seltsamen Sekunden der Stille, die die beiden starr stehend im Stiegenhaus verbrachten, platze es aus Joe heraus: „Sag, komm doch heute Abend zu mir in die Wohnung, ja? Wir könnten etwas essen und trinken, einen Film schauen, ja?“ Nachbarin schien zu überlegen. „Bist du sicher, dass das gut ist? Also, du weißt schon, wegen…naja, du weißt doch. Also, an sich gerne, aber ich bin mir nicht sicher, ich melde mich später, ja? Hab einen schönen Tag!“ Joe nickte, sagte ein beiläufiges „Ja!“ und folgte Nachbarin, die weiter nach unten schritt und nach Verlassen der Wohnhaustür in ein wartendes Taxi stieg, das augenblicklich davonbrauste.

Joe war nun draußen und ging einige Schritte. Sein linkes Bein schmerzte, er wusste nicht, warum. Es wurde heller, doch der dichte Nebel machte die Straßen zu unwirtlichen Gegenden, die man am liebsten meiden würde. Hier und dan begegnete er anderen Spaziergängern, die meist augenblicklich die Straßenseite wechselten, als sie ihn sahen. Nach rund 10 Minuten gelangte Joe an sein Stammcafe, ging nach drinnen, nahm im fast leeren Lokal Platz und orderte Kaffee – noch mehr davon. Er saß am Fenster, starrte ausdruckslos auf die menschenlosen Straßen hinter dem beschlagenen Fenster, das ihn von der Welt trennte. Im Cafe befanden sich lediglich 3 andere Gäste: Ein alter Herr, der jeden Tag mit seinem Hund hierher kam, um Zeitung zu lesen. Ein junger Mann, etwa in Joes Alter, der geschäftig und angestrengt auf seinem Tablet herumtippte. Und eine Frau, um die 40, die Joe noch nie hier gesehen hatte. Sie weckte zumindest kurz Joes Interesse und er wandte sich von der tristen, trostlosen Straßenszenerie ab und ihr zu. Sie schien das zu bemerken und blickte kurz herüber, worauf Joe – bevor sich ihre Blicke treffen konnten – eilig wieder hinaus auf die Straßen blickte. Er leerte nun seinen Kaffee, stand auf, ging zum Tresen, zahlte und verließ hastig das Lokal.

Auf dem Heimweg stieß er mit einem Mann zusammen, der auf sein Handy starrend durch die nebeligen Straßen hastete und Joe übersah. Mit voller Wuchte krachte er in Joe hinein, der irritiert nach hinten kippte und sich gerade noch fangen konnte. Der Mann begann zu schreien: „Was…Warum….also…passen Sie doch auf!“, worauf Joe nach vorne trat, den Kerl schief anblickte und ihn kräftig anrempelte. Die Gesichtszüge des Typen verzogen sich, er errötete und holte aus, schlug Joe mit der Faust und voller Wucht auf die rechte Wange. Joe klatschte gegen die Hauswand rechts neben sich, von seiner Wange tropfte Blut, er verspürte aber kaum Schmerzen. Grimmig lächelte er seinen neuen Feind an, nickte, meinte „Danke, nun bin ich munter!“ und wünschte ihm „Auch einen wunderschönen Tag und durchschlagenden Erfolg bei jener sinnlosen Tätigkeit, die Sie zweifelsohne beruflich ausführen!“ Der Kerl blickte irritiert und hilfesuchend um sich, wusste nicht, was er sagen oder tun sollte, bis sein Handy klingelte, das auf den Boden gefallen war, das er nun nervös aufhob, abhob und irgendetwas sagte, das der kalte Wind in den Nebel davontrug. Auch der Kerl verschwand in der dichten Nebelsuppe, Joe schleppte sich in Richtung seiner Wohnung. Von seiner Wange rann Blut, er hinterließ am Gehsteig eine bemerkenswerte Spur aus rot glänzenden Tropfen und Blutschlieren.

„Versuche“ ist eine Kurzgeschichte, die kapitelweise hier veröffentlicht wird.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s