27.6.2020

Nr. 41: Non cogito, ergo sum.

Dieser zuletzt erwähnte „Schwebezustand“ ist überall zu beobachten: Ich war diese Woche in einem Cafe, zum Arbeiten, das Cafe war mäßig besucht, obwohl man dort sonst immer nach einem Platz suchen muss. Eine Freundin sagte mir kürzlich, sie geht überhaupt noch nicht wieder in Cafes und Lokale. Naja, man kann es auch übertreiben mit der Vorsicht – besser, die Zeit jetzt nutzen, bevor die zweite Welle anrollt und wir nicht mehr in Lokale gehen DÜRFEN.

Wobei diese ihre Corona-Neurose noch eine harmlosere ist, die keinem (direkt) schadet. Was da andere derzeit aufführen, die mitunter Vorbild sein sollten, ist eine ganz andere Nummer: Unsere „Elite“, die Politiker, reagieren sich gerade in einem „Untersuchungsausschuss“ ab, der offenbar nur das Maß menschlicher Dummheit untersuchen soll. Ursprünglich sollte es um die „Ibiza-Affäre“ gehen, die einen österreichischen Vizekanzler (und seine Partei gleich mit, gottseidank) zu Fall gebracht hatte; um die Hintergründe, weitere Verstrickungen und mögliches Mitwissen der Regierungspartei ÖVP. Abseits der Twitteria und der Politik-Bubble scheint dieser U-Ausschuss wenige Menschen zu interessieren, und die Politik-Bubble scheint sich zu allererst auch für sich selbst zu interessieren: SPÖ und NEOS wollen der ÖVP und Kurz eine „reinwürgen“, die wiederum sieht jede Kritik an ihrem Messias als „Gotteslästerung“, die FPÖ würde freuen, wenn auch die ÖVP in ihren Korruptionssumpf hineingezogen würde – und die Grünen stehen quasi als unbeteiligte Zuschauer am Spielfeldrand, denn sie dürfen oder sollen nicht so oder so Position beziehen. Was wird bei dem ganzen Spaß rauskommen? Dass Kurz&Co. wohl irgendwie schon von Straches Treiben und den Casino-Postenschachern gewusst haben könnten, aber klug/professionell/skrupellos genug waren, ihre Spuren zu verwischen. Und eine Menge Erregung, Aufregung und Empörung auf allen Seiten, denn offenbar ist es genau das, was die Menschen derzeit – nach monatelangem Ruhighalten im Lockdown – brauchen: Ein bisschen Drama, ein bisschen Kampf, ein bisschen Revolution, so oder so. Ein bisschen Zerstörung und Randale darf es auch gern sein, und wer nicht direkt daran beteiligt ist, dann zumindest als freudiger und erfreuter / empörter Beobachter (siehe: Stuttgart, oder auch Favoriten).

Das alles ist natürlich aus psychologischer Sicht nachvollziehbar, und vermutlich weniger überraschend, als es auf den ersten Blick scheint. Dämlich ist es dennoch. Wie wäre es, ungute, negative Gefühle auf kreative Weise zu verwandeln, zu sublimieren, auszudrücken, nicht auf destruktive? Eine zu idealistische Vorstellung, denn wenn wir eines aus Jahrtausenden menschlicher Existenz wissen, ist es das, dass der Mensch zuvor immer etwas (sichbar) zerstören muss, um die destruktive Gewalt seines Handelns zu erkennen. Man könnte mehr erwarten von diesem Wesen, und eine Menge kluger Philosophen hat sich jahrhundertelang mit diesen Fragen befasst. Einzig: Der Mensch ist ein Tier, und kann seine Instinkte nicht in den Griff bekommen. Und dass die geistesgeschichtliche Bildung vieler junger Menschen heutzutage nicht vor 2000 beginnt (wenn überhaupt – denn davor war ja alles Patriarchat, Rassismus, oder Ähnliches, und daraum wertlos), hilft da auch wenig: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Wer weiß, dass er nichts weiß, ist klug; wer glaubt, alles zu wissen, ist dumm. Non cogito, ergo sum: Das Motto der Gegenwart.

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