XIII

Nachdem Lady rund 10 Minuten ununterbrochen gequasselt hatte, hob ich meine Hand und bedeutete ihr, auch sprechen zu wollen.

„Warum hast du mich hierher eingeladen? Ich war doch sehr verwundert…“

„Ach, du, kein besonderer Grund. Ich beobachte dich auch seit Monaten, wie du mich beobachtest, und auch manchmal so, von meinem Küchenfenster aus. man sieht mich da nicht. Ich bin einsam, ich darf wieder arbeiten, ja, doch nur jede 2. Woche. Ich hasse meine Arbeitskollegen und suche neue Freunde. Warum nicht, ist doch egal, oder? Willst du Essen gehen, jetzt? Ja?“

Ich war nicht in Stimmung und schüttelte den Kopf. „Schade“, sagte sie „dann gehe ich alleine. Bleibst du da?“ Ich konnte keine klaren Gedanken fassen, bleierne Schwere legte sich über mein Gemüt, ich schaute auf meine Uhr, überlegte kurz und stimmte dann zu. „Ich bin nur 45 Minuten weg, danach lass uns weiterreden, ja? Oder einen Film sehen? Was sagst du?“ Ich stimmte wieder zu, sie verließ ihr Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Ich blieb in meinem Sessel sitzen und blickte aus dem Fenster. Lady huschte einmal an der Schlafzimmertür vorbei, nackt, und rief herein „Keine Sorge, nichts, das du nicht bereits gesehen hast!“, lachte laut auf und verstummte dann. Nach einigen Minuten hatte sie sich fertig gemacht, winkte noch einmal herein, zog ihre Schuhe an und verließ ihre Wohnung, ließ sie alleine. Mit mir in ihr.

Da saß ich nun, in einer fremden Wohnung, ohne erklärbaren oder nachvollziehbaren Grund, ohne Absicht, im Grunde ohne Interesse. Ich machte eine kleine Tour durch ihre Wohnung und legte mich dann auf die Couch vor den Fernsehen. Als ich einschaltete, war eine Nachrichtensprecherin zu hören, deren schrille Stimme sich überschlug: „Die Proteste nehmen immer weiter zu, meine Damen und Herren! Der wütende Mob zieht nun vom Regierungsviertel in die Wohngegenden, in der Hoffnung, neue Unterstützer zu finden! Bleiben sie im Haus, schließen sie sich ihnen nicht an!“ Offenbar hatte es heute Nachmittag eine kleine Kundgebung von Aktivisten gegeben, die gegen die Einschränkungen aufgrund der Virus-Maßnahmen gerichtet war. Ihre genauen Forderung im Detail waren nicht bekannt, der Protest war der Ausdruck gesammelter und kollektiver Wut auf die momentane Situation. Anfangs, so erzählte mir der Fernseher, waren es nur rund 15 Verwirrte gewesen, die vor den Regierungsgebäuden „Ihr seid die Viren, kriecht auf allen Vieren!“ skandierten. Mit der Zeit war die Gruppe aber auf über 500 Menschen angewachsen, auch TV-Teams waren nunmehr vor Ort und filmten das Geschehen, und ein Teil der Gruppe zog weiter Richtung Vorstadt.

Das Team des TV-Senders interviewte einen Aktivisten, dem in dem Fall die Maskenpflicht wohl zugute kam, da sie ihm eine legale Vermummung ermöglichte: „Diese Drecksregierung hat uns unser Leben gestohlen! Eine Viren-Diktatur wurde errichtet, und niemand wehrt sich! Wir erheben uns, wir wehren uns! Wir fordern mehr Geld für alle! Wir wollen mehr, wir wollen alles! Es wird Gewalt geben! Sie werden sich noch wundern!“ Dann schaltete die Reporterin zu einer Kollegin, die eine Aktivistin interviewte: „Wir haben genug von der jahrelangen Unterdrückung des Volkes. Wir verbünden uns jetzt mit anderen Gruppierungen. Die Diskriminierung des Volkes muss ein Ende haben, wir wollen die Machthaber entfernen und selbst für Recht und Ordnung sorgen. Die Revolution ist hier, wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Ich schüttelte ungläubig den Kopf ob der Dummheit dieser lächerlichen Figuren, die glaubten, mit Gewalt ihren persönlichen Befindlichkeiten und Defiziten Ausdruck verleihen zu müssen oder dürfen. Als ich in Gedanken verloren den Fernseher abdrehte und in der Couch versank, hörte ich aus dem Schlafzimmer laute Schreie: Draußen vor dem Fenster zog ein bestimmt über 500 Menschen starker Mob durch die Straßen und skandierte: „Kriecht auf allen Vieren, nieder mit den Vieren!“. Sie hatten es offenbar flott hierher geschafft. Oder es war ein anderer Zug. Aus diversen Haus- und Wohnungstoren strömten vereinzelte Menschengruppen, die sich dem Mob anschlossen: Statt dem Sprung aus dem Fenster der Weg auf die Straße. Ich wusste in dem Moment nicht, was mir lieber war. Die Gruppe, die da unten schreiend und gröhlend vorbeizog, war äußerst divers: Die einen trugen rote Fahnen mit Sternen, die anderen mit verschnörkelten Schriftzügen und Hakenkreuzen verzierte Plakate mit Aufschriften wie „Wir sind das Volk!“ oder „Politiker-Parasiten sind die Viren!“ Extremisten jeder Ausrichtung marschierten fröhlich entschlossen gemeinsam, und die vermeintliche, geschundene Volksseele zu rächen, die offenbar zu schwach gewesen war, um die Herausforderung zu meistern.

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