XII

Für mich, nun wieder die Frage: Was sollte ich darauf antworten, was soll man dazu sagen? Ich konnte ihr Verhalten nun natürlich besser nachvollziehen, aber helfen konnte ich ihr ja doch nicht. Es würde ihre Bereitschaft erfordern, sich zu öffnen und zu vertrauen, was sie in gewissem Ausmaß durch ihre Offenheit tat – doch dann waren da diese permanenten Kommunikationslöcher, wo ich wochenlang nichts von ihr hörte. Und auch diesmal, trotz gegenteiliger Beteuerung, sich sicher zu melden: Nichts. Es war 1.5 Wochen später, ich hatte kurz auf ihre Mail geantwortet, sie hatte sich knapp bedankt – seitdem: Funkstille.

***

Eines Abends saß ich am Küchenfesnter und starrte ins Leere. Die Virenlage hatte sich etwas entspannt, man durfte das Haus auch tagsüber für längere Zeiträume verlassen, die Lokale hatten von 12:00 bis 18:00 offen, diverse Geschäfte hatten wieder aufgesperrt. Noch lange keine Normalität, aber eine Wiederaufnahme des sozialen Betriebs.

Ich saß also da am Fenster und sinnierte vor mich hin, dachte nach über mich, die Zukunft, aber auch Madame, sie ließ mich nicht los. Meine nackte Nachbarin nebenan hatte ich seit Wochen nicht erblickt, entweder hatte ich Pech gehabt, oder auch sie war inzwischen vom Fenstersims gesegelt. Plötzlich tauche sie im Badezimmer auf, entkleidet und quicklebendig. Ich rückte meinen Stuhl näher an mein Fenster und versuchte, so gut wie möglich zu sehen. Urplötzlich öffneten sich die Scheiben und sie streckte ihren Kopf heraus, schien mich zu entdecken. Doch sie wich nicht zurück, reagierte auch nicht ungehalten oder erregt, sondern schien mir zuzuwinken. Zum Weglaufen war es zu spät. Ich winkte vorsichtig zurück; sie machte eine Bewegung die bedeuten konnte: Komm doch herüber. Sie wäre nicht die erste, die in den letzten Wochen alle sozialen Konventionen des guten Anstands über Bord geworfen hätte. Als ich mich dennoch nicht rührte, ging sie kurz raus aus dem Bad und kam nach einer Minute mit einem großen Papierborgen zurück. Sie kritzelte irgendwas drauf, hielt es dann ins Fenster: „Komm“.

Ich winkte noch einmal nach drüben, zog meine Schuhe an und überlegte den Weg, den ich gehen müsste, um bei ihr zu landen. Ich umrundete den Häuserblock schnellen Schrittes und stand dann vor dem Wohnhaus, das meiner Berechnung nach ihres sein müsste. Natürlich war ich nun darauf angewiesen, dass auch sie ihre Position geändert hätte. Da öffnete sich ein Fenster im Nachbarsgebäude (ich hatte mich offenbar leicht verschätzt), Lady lugte heraus und flötete in beschwingter Stimme „Halloooho“. Sie hatte sich inzwischen etwas angezogen und rief herunter: „Bin im 4. Stock!“, und verschwand wieder im Fensterbogen. Dann surrte der Türöffner des Wohnhauses, die wohl endgültige Einladung. Ich traute dem Ganzen nicht so recht über den Weg, entschied mich aber natürlich dazu, einzutreten. Ich nahm die Stufen nach oben, bis ich eine Tür erreichte, die offen war und nur angelehnt. Nachdem alle anderen Türen im 4. Stock geschlossen waren, musste das wohl diejenige welche sein. Ich trat vorsichtig ein, da kam sie auf mich zu. Mein Zurückweichen (Virus!) beantwortete sie mit „War die letzten Wochen infiziert, im Krankenhaus. Darum konntest du mich nicht im Badezimmerfenster sehen. Bin aber wieder gesund, keine Sorge.“ Sie umarmte mich überschwänglich und küsste mich auf die Wange. Mir war das alles immer noch mehr als suspekt, doch ich hatte mich ohnehin schon entschieden.

Als nächstes zog ich meine Schuhe aus und Lady bat mich in ihr Wohnzimmer und führte mich dann weiter in ihr großes Schlafzimmer. Das Fenster stand offen, am unteren Bettende standen 2 gemütlich aussehende Stühle. Lady setzte sich in den einen und bedeutete mir, im anderen Platz zu nehmen, was ich wortlos tat. Sie blickt mir strahlend ins Gesicht und lächelte warmherzig.

„Wie geht es dir?“

„Soweit, sogut, und selbst?“

„Wunderbar! Ich bin froh, am Leben zu sein. Ich will mein Leben nunmehr genießen. Kennst du den Italiener am Stadtrand im Bezirk XX ? Dort wollte ich schon lange wieder hingehen, hat wieder offen. Kennst du den Besitzer? Alter Typ, vergesslich, aber witzig. Essen ist ausgezeichnet. Magst du Essen? Ich liebe Essen.“

Ich war irritiert von ihrem Redeschwall, ihren Worten, die von Kontext zu Kontext sprangen und dennoch irgendwie einen seltsamen Sinn zu ergeben schienen.

// „Aufzeichnungen aus dem Loch“ ist eine fiktive Kurzgeschichte, die kapitelweise erscheint. Die Kapitel 1-11 lassen sich HIER nachlesen. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. //

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