XI

// „Aufzeichnungen aus dem Loch“ ist eine fiktive Kurzgeschichte, die kapitelweise erscheint. Die Kapitel 1-10 lassen sich HIER nachlesen. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. //

Der Trott ging jedoch weiter: Die Hälfte der oben erwähnten Maßnahmen wurde von der Regierung nach kurzer Zeit wieder zurückgenommen, da sich das Virus wieder verstärkt ausbreitete: Die Verkehrsberuhigungsverordnung hatte offenbar zu einer Verkehrsvervielfachung und dann zu einer Virenverkehrsbeschleunigung geführt. In einer pathetischen Pressekonferenz hatte unsere Regierung zum Durchhalten aufgerufen: Der Kanzler, bereits seit über 2 Jahrzehnten an der Macht und mit allen politischen Wassern gewaschen, wirkte blass, glanzlos. Er sprach von der „Verantwortung eines jeden einzelnen“, von „schmerzlichem Verzicht“ und von einer „Strohhalmwiese an Hoffnungen“, an dir wir glauben sollten. Dann starrte er ausdruckslos in die Kamera: Ihm wurde offenbar gerade bewusst, dass seine politische Karriere eben zu Ende ging. Der Vizekanzler, stets locker und gut gelaunt, hatte wie immer ein Glas mit klarer Flüssigkeit neben sich stehen, das nur die Gutgläubigsten für Wasser hielten, und versprach „rasche Hilfe“ und bat um etwas Zurückhaltung und „Abstandhalten, besonders beim Sex. Glauben Sie mir, mir fällt das auch nicht leicht, aber meiner Partnerin und ich haben ganz neue Seiten voneinander kennen gelernt!“

***

Von Madame hatte ich weiter nichts gehört. Ich begann, mit der ganzen Geschichte abzuschließen, sie als interessante, aber in letzter Konsequenz belanglose Eposide zu sehen, die mir die Virenzeit für eine Weile erträglicher gemacht hatte. Meinen Alkoholkonsum hatte ich inzwischen etwas eingeschränkt, ich versuchte, zumindest einmal pro Woche Sport zu treiben. Abgesehen davon schaute ich noch mehr Filme als zuvor, inzwischen auch viele Serien. Ich hatte auch begonnen, eine Art Virentagebuch zu führen, in dem ich mir täglich Gedanken über die aktuelle Lage machte.

Schließlich, es musste gut 1 Monat nach unserem Treffen und letzten Kontakt gewesen sein, fand sich eine E-Mail von Madame in meinem Posteingang. Ich hatte einen äußerst nüchternen Tag, es war Nachmittag und ich hatte erst eine halbe Flasche Wein getrunken. Die Mail war außerordentlich lang, vollgestopft mit weinenden Emojis (deren Wiedergabe ich mir der Einfachheit halber spare) und Rufzeichen und Fragezeichen. Ich setzte mich auf mein Bett und begann zu lesen:

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„Lieber Freund, lieber Liebhaber, vorweg: entschuldige meine furchtbare Ausdrucksweise. „Zu blöd zum Schreiben“ wie meinte Mutter immer gesagt hatte…ich hoffe, die wirst meine Anliegen dennoch verstehen können. Ich schulde dir eine Entschuldigung, eine Erklärung – wieder mal: Nach unserem nächtlichen Treffen ging es mir gut, aber die Tage danach miserabel. Schuldgefühle überkamen mich, Selbsthass, ich fühlte mich wie nach einem Erdbeben, das meinen Körper erschüttert hatte…ich weiß, es war richtig, es war gut (sorry für das viele Blut!), aber in mir herrschte Wut. Auf mich, auf dich, auf die Welt….und auf meine Familie, die mir stets jegliche Lust und Freude am Leben auszutreiben versuchte. Es liegt nicht an dir, es liegt an mir….ich habe dich gerne, wirklich, doch kann ich nicht anders, nicht besser.

Mein Ex liegt weiter im Koma, die Ärzte sagen, er wird nicht wieder erwachen. Seine Eltern wollen die Maschinen laufen lassen, sie können den Tatsachen nicht ins Auge sehen. Ich kann das, es ist gut. Ich mag schwach wirken, zerbrechlich, aber damit kann ich umgehen. …Ich habe Angst, ich versuche, zu leben, das Richtige zu tun, doch die Dämonen in mir, sie wollen mich für sich, sie lassen mich nicht los, niemals.

Ich will schreien, weinen, Dinge kaputt machen, allen alles erzählen, DIR alles erzählen, nicht mehr alleine sein, aber ich habe Angst, Angst vor mir, Angst vor meinem Innersten. Mein Gott, hilf mir! Ich wollte doch nur lieben!

Ich werde vertrauen, dass es der richtige Weg ist, an mich glauben, denn sonst gibt es niemanden. Ich muss mir vertrauen, es muss sein. Bitte, verlass mich nicht, ich liebe dich, ja wirklich! Ich mag verrückt sein, verrückt reden, dumm wirken, aber ich erkenne wahre Gefühle, ja, das tue ich, verlass mich nicht; ich will dich wieder sehen; es tut mir leid, nicht jetzt, bald, ich versuche, mich zu bessern, ich versuche, da zu sein, wirklich, es fällt mir schwer, gerade jetzt, aber ich versuche es, mein Bestes, denn du bist es wert. Ich melde mich in 5 Tagen, versprochen. Ob du antwortest oder nicht, bitte. xxx“

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