Kapitel VIII

Ich beugte mich über sie und zog den Glassplitter aus ihrem Bein, die Wunde war nicht tief und die Blutung stoppte bald; danach holte ich ein Tuch und wickelte es um die Wunde; sie schien sich langsam zu beruhigen, ihr Gesicht entspannte sich, sie rutsche nach oben ans Bettende und lief ihren Kopf in das Kissen sinken. Ich deckte ihren immer noch nackten Körper zu und ging ins Badezimmer, um mir das Blut abzuwaschen. Als ich zurückkahm, hörte ich, dass sich ihre Atmung verlangsamt hatte und nun sanft und regelmäßig ging. Ich setzte mich neben sie auf die Bettkante. Sie blickte mich an, völlig entspannt, wirkte dabei auf seltsame Art glücklich und frei und sagte „Danke.“ Dann schloss sie ihre Augen und schlief ein.

***

Nach diesem zugegeben etwas seltsamen „Date“ hörte ich erneut 2 Wochen nichts von Madame. Sie hatte die folgende Nacht wie ein Baby geschlafen, während ich die halbe Nacht wach neben ihr lag, die Decke anstarrte und mich fragte, was das alles zu bedeuten hatte. Am folgenden Morgen sprang sie fröhlich aus dem Bett, als wäre nichts gewesen, betrachtete ihre Wunde am Bein, die sich in der Nacht geschlossen hatte, zog sich an und fragte, ob sie denn Kaffee kochen solle. Danach kehrte sie die Scherben zusammen, die immer noch in der halben Wohnung verstreut lagen. Sie blieb noch knapp 2 Stunden, in denen wir das erste Mal seit gestern tatsächlich normal miteinander redeten, obwohl es eher belanglose Themen waren. Über ihre Mail-Beichte sprachen wir nicht, ebensowenig über die Ereignisse vom Vorabend; schließlich bedankte sie sich noch einmal für den „tollen Abend“, wie sie sagte, und verließ die Wohnung.

Nun, eben 2 Wochen später: Kein Wort von ihr. Ich begann, mich damit abzufinden, dass solche Kommunikationslöcher wohl regelmäßig entstehen würden, egal, in welcher Art der Beziehung wir zueinander stehen würden. Ich versuchte, mich damit abzufinden, denn trotz aller Irritationen fand ich die Begegnugen mit ihr stets  anregend, aufregend und belebend, und am Ende sogar irgendwie seltsam schön.

Ich selbst versank derweil wieder in eine tiefe Depression. Das Wetter hatte sich gewandelt, es regnete tagelang, auf der Straße waren keine Menschen zu sehen, nicht einmal nachts. Auch ich verließ nur noch höchstens einmal pro Woche die Wohnung, zum Einkaufen, wo ich mich mit Pizza, Burgern und flaschenweise Alkohol eindeckte.

Jeden Abend gegen rund 7 Uhr versank ich in einen seltsamen Zustand, der mir selbst zunehmend besorgniserregend vorkam: Nach einem oder 2 Gläsern starken Alkohols lief ich meine Wohnung auf und ab und spann exzentrische Gedanken, die sich nahe dem Wahn befanden; einmal überlegte ich, meinen Fernseher aus dem Fenster zu werfen, grundlos, einfach so: Das Fenster zur Welt durch Fensterwurf töten, da die darin gespielte Welt ohnehin nicht mehr existierte. Ein anderes Mal überlegte ich, nackt durch die Straßen zu laufen; das hätte mich aber bei unglücklichem Verlauf ebenso auf eine der „Spezialstationen“ für Irre in ein Krankenhaus gebracht. Sogar das überlegte ich ernsthaft, ob das nicht ein sinnvollerer Aufenthaltsort wäre als meine Wohnung, da es dort wohl immerhin „Gesellschaft“ geben würde.

Eines Abends, es mussten 2.5 Wochen seit dem letzten Kontakt zu Madame vergangen sein, rief ich sie an. Niemand hob ab, doch das Handy läutete. 10 Minuten später rief sie mich zurück: „Hallo! Wie geht’s dir denn? Alles gut?“ sagte sie in seltsam beschwingten Tonfall. Ich sagte ihr, dass es eh so ging, und fragte sie nach ihrem Befinden, und warum sie sich nicht gemeldet hatte. „Achso! Ja, sorry, das tut mir leid…also mir geht es sehr gut. Ich besuche jetzt täglich meinen Schatz im KH, er liegt im Koma, aber die Ärzte meinen, vielleicht nimmt er mich wahr, und wacht dann bald auf. Verstehst du? Ja, sicher tust du das…sag, willst du nicht einmal mitkommen?“ Ich war wütend und wollte einfach auflegen. Ich sagte beinahe 30 Sekunden nichts und überlegte fieberhaft, wie ich reagieren sollte. Ich fand ihr Verhalten unpassend, gleichzeitig konnte ich ihr nicht böse sein. Ich resignierte innerlich und sagte ihr, dass ich wenig Lust hatte, ihren komatösen Freund zu besuchen. „Schade“, meinte sie nur und fragte dann, ob wir uns bald wieder treffen könnten. Sie war eben verrückt. „Nein“, antwortete ich knapp. Es tat mir innerlich weh, das gesagt zu haben. Stille. Ich hörte ihr Atmen, doch sie sagte nichts. Sie schien zu überlegen. Schließlich, nach beinahe 2 Minuten: „Du hast Recht. Es tut mir leid. Das ist nicht in Ordnung von mir. Ich würde dich gerne wiedersehen. Du weißt, wie die Situation hier ist, aber ich darf dich nicht belasten. Ich werde nicht mehr über ihn reden, egal, was zwischen uns sein wird.“ Ich war einverstanden, zum ersten Mal war auch von ihrer Seite ein Eingeständnis zu unserer Beziehung, auch eine Art Erkenntnis spürbar; sie schloss mit dem Versprechen, sich am nächsten Tag erneut zu melden.

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