VII

2 Wochen später

In den vergangenen Wochen war wenig Neues geschehen. Von Madame hatte ich nichts gehört. Ich hoffte, dass es ihr gut ging, hatte aber auch nicht versucht, sie zu kontaktieren. Stattdessen war ich wieder dazu übergegangen, meine Nachbarin, diese mit dem Badezimmerfenster direkt gegenüber, zu beobachten: 2 Mal hatte ich sie erwischt, wie sie Abends nackt aus ihrer Dusche trat und sich einige Minuten in ihrem Spiegel betrachtete. Sie hatte mich bisher nicht bemerkt, mir war es inzwischen vollkommen egal, wenn sie es tun würde, ich hoffte sogar insgeheim darauf, es würde meine Langeweile vertreiben, die mich in den letzten Wocher wieder umschlungen hatte. Obwohl mir die Geschichte mit Madame immer noch Kopf- und Bauchschmerzen bereitete, vermisste ich sie irgendwie, obwohl wir uns ja kaum kannten.

In den letzten Tagen schien die Stimmung der Menschen allgemein besser geworden zu sein: Es gab keine weiteren Fenstersprünge in der Nachbarschaft, auch die Wirren, die schreiend durch die Straßen irrten und ihrem Wahn Luft machten, wurden immer seltener. Das Wetter draußen wurde angenehmer, ab und an sah man Menschen auf ihren Terassane sitzen, lesend, schlafend. Unsere Häuser durften wir weiterhin nicht verlassen, außer zum Einkaufen, jeder, der aufgehalten wurde, und keinen guten Grund für seinen Aktivität angeben konnte, musste 50€ bar zahlen. In der Nacht wurde aber weiterhin nicht kontrolliert. Ich hatte wieder einige Nachtspaziergänge unternummen, meinen üblichen Weg zur Bahnbrücke aber gemieden. Vor 3 Tagen war ich dann doch dort gewesen, hatte aber niemanden angetroffen.

Als ich eines Tages wieder nichtstuend im Bett lag und aus dem Fenster starrte, läutete mein Handy. „Lass uns treffen“ stand da. Mehr nicht. Die Nachricht kam von Madame. Es war Nachmittag, es war mir zu riskant (bzw. zu teuer), jetzt raus zu gehen. Wenn sie zu mir kommen würde, gerne, ansonsten würde ich mit einem Treffen bis Abend/Nacht warten. Dass ich sie treffen wollte, stand für mich fest: Mir war so langweilig geworden, dass ich für jede Abwechslung dankbar war. Ich schrieb ihr, dass wir uns gern treffen könnten, aber erst später, und fragte nach ihrem Befinden. „Mein Freund lebt noch, also offiziell, aber die Ärzte sagen, die Chance, dass er wiedererwacht, liegt bei 5%. Versuche, damit abzuschließen. Bin einsam, habe Drogen genommen letzte Tage, heute nüchtern, geht besser. Schlafe viel, mache wenig. Bitte treffen, heute um 9? Bei dir?“ Ich war einverstanden, und ließ ihr meine Adresse zukommen.

Es war bereits halb 10, und weit und breit keine Spur von meinem nächtlichen Besuch. Ich überlegte, ihr eine Nachricht zu schreiben – vielleicht fand sie auch einfach den Weg nicht – aber unterließ es dann. Stattdessen goss ich mir ein Glas Vodka ein, das ich schnell leerte, als ich durch das Fenster in der Dunkelheit Bewegung sich abzeichnen sah. Kurz darauf läutete es. Eigentlich waren uns auch solche Besuche nicht erlaubt, aber nachdem ich ja bereits bei ihr gewesen war, und sie offenbar immun gegen das Virus war, sollte das kein Problem sein. Schließlich war Madam da, sie klopfte an meiner Wohnungstür, ich öffnete und bat sie herein. Sie hatte deutlich abgenommen, hatte blutunterlaufene Augen, in ihren Armbeugen zeichneten sich Nadeleinstiche ab. Ich fragte nicht und führte sie in mein Wohnzimmer. Sie setzte sich wortlos auf die Couch und blickte ins Leere. Ich bat ihr ein Glas Wasser an, dann ein Glas Vodka, das sie annahm und ebenfalls in einem Zug leerte. Sie hatte immer noch kein Wort gesprochen seit ihrer Ankunft. Ich fragte sie vorsichtig: „Na, wie geht’s dir?“

„Sieh mich an.“

„Ich sehe dich…es tut mir leid.“

„Brauchst du nicht, ich will kein Mitleid.“

„Das ist nicht Mitleid, sondern Mitgefühl. Wenn du das auch nichts willst, können wir auch so tun, also wäre nichts geschehen, und gleich ins Bett spingen.“ Ich wusste nicht, warum ich das gesagt hatte, fand es auch ziemlich unpassend, es sollte auch eher ein Scherz sein, denn ein ernsthafter Vorschlag. „OK“ sagte sie nur, und begann, sich zu entkleiden. Die Fenster im Wohnzimmer waren offen, sollte gerade wieder jemand überlegen, seinem Leben durch Turmsprung ohne Becken ein Ende zu setzen, der Anblick könnte vorübergehend seine Rettung sein. Mir war das dann doch zu unangenehm, ich zog die Vorhänge zu. Madame schien das nicht zu kümmern, sie war bereits bis auf ihre Unterwäsche entkleidet. Ich wusste nicht recht, was ich tun sollte: Ich hätte ihr sagen können, dass das alles nur ein Scherz gewesen war, dass ich nicht die Absicht hatte, mit ihr zu schlafen; sie könnte es aber auch als Zurückweisung auffassen, vielleicht war es im Moment wirklich genau das, was sie brauchte? Ich könnte auch den den Gentleman geben, der sie nobel zurückweist, breit und schwülstig erklären, warum ich niemals die offenbar missliche Lage einer Dame ausnutzen würde. Ich war von der Situation überfordert, überrumpelt, irritiert. Ich fragte mich, ob ich nicht zumindest kurz mit ihr sprechen sollte. Sie fragen sollte, was sie vorhatte, warum sie das tat. Sie entledigte sich gerade ihres BHs, dann ihres Höschens, das sie lustos auf den Boden warf. Dann kam sie zu mir herüber, begann damit, mir meine Hose auszuziehen; ich ließ alles über mich ergehen, war irgendwie teilnehmender Beobachter dieses seltsamen Akts, der gleichzeitig geschäftsmäßig und distanziert, aber auch auch seltsame Art liebevoll sich vollzog.

Als wir fertig waren, drehte sie sich um und blickte mir in die Augen; dann wirkte es so, als würde jegliches Leben aus ihrem Blick entweichen. Sie starrte ins Leere, ich wusste nicht, was geschehen war, sie wirkte abwesend. Ich fragte sie, ob sie in Ordnung wäre, sie nickte kurz, sonst keine Reaktion. Wir lagen 5 Minuten so nebeneinander, ich gebannt wartend, sie völlig wegegtreten. Dann sprang sie plötzlich auf, ging in die Küche und kam mit einem Glas Vodka in der Hand zurück. Sie trank die Hälfte, dann warf sie das Glas gegen die Wand, wo es kunstvoll zersprang, nahm eine der Scherben, rammte sie sich daraufhin in ihren linken Oberschenkel, wo er stecken blieb, und ließ sich wieder aufs Bett fallen, das sich nun langsam rot färbte.


„Aufzeichnungen aus dem Loch“ ist eine Kurzgeschichte, die kapitelweise während dem Entstehungsprozess hier veröffentlicht wird. Alle Personen und Geschehnisse sind frei erfunden und fiktiv.

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